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Interview

Benedikt von Peter: «Jedes Werk gehört in einen aktuellen Kontext»

Das Luzerner Theater geht nach der letzten Vorstellung des «Jedermanns» in die Sommerpause. Eine Standortbestimmung mit dem Intendanten Benedikt von Peter, der schon im Herbst darüber nachdenken muss, ob er seinen Vertrag in Luzern verlängern will.
Julia Stephan und Urs Mattenberger
Benedikt von Peter auf dem Jesuitenplatz, wo gerade die «Jedermann»-Bühne abgebaut wird. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 23. Juni 2018)

Benedikt von Peter auf dem Jesuitenplatz, wo gerade die «Jedermann»-Bühne abgebaut wird. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 23. Juni 2018)

Benedikt von Peter, auf dem Jesuitenplatz werden gerade die Tribünen zum «Luzerner Jedermann» abgebaut. Verraten Sie uns, wie sich die Zuschauerzahlen zum Ende der Spielzeit präsentieren?

Sehr gut! Im «Jedermann» hatten wir rund 9000 Besucher, damit bewegt sich die Zuschauerzahl der gesamten letzten Saison um die 71000. Das sind fast gleich viele wie in der ersten Spielzeit und deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Weil das zweite Jahr einer Intendanz generell schwieriger ist, ist das auf jeden Fall ein grosser Erfolg. Diesen bestätigen auch die eher weichen Kriterien.

Wie die Tatsache, dass Sie mit dem Luzerner Uhren- und Schmuckanbieter Bucherer einen Hauptsponsor gewonnen haben?

Das ist natürlich fantastisch und eine Bestätigung unseres Erfolgs – eine solche Zusammenarbeit hat es am Luzerner Theater noch nie gegeben. Eine Bestätigung für mich ist auch, dass wir inzwischen selbstverständlich in einem Atemzug mit Lucerne Festival oder dem Luzerner Sinfonieorchester genannt und wahrgenommen werden, auch über die Region hinaus. Auch da hat eine Konsolidierung stattgefunden: Das Theater gehört einfach dazu und ist aus dieser Stadt nicht mehr wegzudenken.

Im Spielplan 2018/19 bietet die Oper Kassenschlager wie Mozarts «Don Giovanni», «Die Entführung aus dem Serail» oder Gounods «Romeo et Juliette» mit Regula Mühlemann als Zugpferd. Wie viele Gedanken macht man sich dabei über den Publikumserfolg?

Natürlich spielen solche Überlegungen eine grosse Rolle. Aber kalkulieren lässt sich Erfolg immer schwieriger, weil beim Publikum das Wissen über den einstigen Werke-Kanon stetig abnimmt. Noch vor fünfzehn Jahren konnte man sicher sein, mit welchen Titeln man ein volles Haus haben würde. Heute ist das im Fall der Oper vielleicht noch bei sieben bis acht Werken der Fall. Ebenso im Schauspiel, wo das Regietheater zu einer Verunsicherung geführt hatte. Das Publikum weiss nicht mehr, wie viel Shakespeare in einem «Hamlet» noch drinsteckt.

Wie reagieren Sie selber auf diese Verunsicherung?

Dass das kanonische Denken abnimmt, empfinde ich nicht als Verlust, sondern als grosse Chance für das Theater. Ein altes Werk als Original zu präsentieren, kann ein Museum, das Bilder in einer Ausstellung zeigt. Das Theater hingegen muss jedes Werk in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext stellen.

Auch die Kassenschlager?

Ja, in der «Entführung aus dem Serail» etwa wirken Performer aus dem Senegal mit, die in ihrer Heimat Popstars sind. Und unser «Don Giovanni» wird insofern eine radikale Deutung sein, als hier der Verführer als Projektionsfläche auf der Bühne gar nicht mehr präsent ist. Mit einer Slapstick-Oper, einer szenischen Umsetzung von Mahlers Kindertotenliedern und dem Frank-Zappa-Opern-Air auf dem Sonnenberg unternehmen wir auch in der Musik Genre-Experimente. Dass der Kanon an Bedeutung verliert, macht solche Experimente erst möglich.

Im Schauspiel wird ein Kanon-Klassiker wie Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit – nämlich in Privatwohnungen – gespielt. Da stellt sich die Frage, wie viel Publikum Sie erreichen wollen, nochmals ganz anders.

Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, wie neue Formen funktionieren. Wir werden gerade mit Ticketanfragen überrannt und rechnen mit rund 50 Aufführungen vor jeweils 50 Besuchern in mehreren Privatwohnungen. Weil diese Produktion mit nur zwei Schauspielern und einer Karaoke-Maschine auskommt, lässt sich die Zahl der Aufführungen problemlos vergrössern. Diese Produktion zeigt inhaltlich, wie sich ein Werk des Kanons mit der Lebenswelt des Zuschauers verbinden lässt. Wir setzen das Stück dahin, wo das Herz des Schweizers schlägt: in sein eigenes Wohnzimmer. In diesem Kontext ergeben sich Bezüge von alleine, die man auf der grossen Bühne mit dem Zeigefinger herstellen müsste.

«Ich finde diese Kritik
am Südpol völlig unangemessen.»

Der Schauspiel-Spielplan verzichtet weitgehend auf kanonisierte Klassiker auf der grossen Bühne. Ist das eine bewusste Neuorientierung unter der neuen Schauspielleiterin Sandra Küpper?

Man muss das im grösseren Zusammenhang sehen. In meiner ersten Spielzeit dominierte klar die Oper. In der gerade zu Ende gegangenen zweiten haben wir dem Schauspiel, auch mit grossen Produktionen wie dem «Jedermann», deutlich mehr Raum verschafft. In der nächsten geht es um eine schärfere inhaltliche Profilierung. Neben textbasierten Produktionen werden im Schauspiel die grossen Stoffe wichtiger. Und die zeigen wir etwa mit «Schuld und Sühne» (nach Dostojewski) im grossen Haus. Der Fokus auf Stoffe ermöglicht es, stärker eigene Themen zu setzen durch Regisseure mit starker persönlicher Handschrift. Damit wird das Schauspielprogramm weniger zum Gemischtwarenladen. Da wird aus meiner Sicht ein Qualitätssprung stattfinden.

Eine Konstante bleibt Luzern Tanz unter Kathleen McNurney, die ihr zehnjähriges Jubiläum mit einer Gala und einem Werk des Kanons – Glucks «Oerfeo ed Euridice» – feiert. Wie ist es möglich, dass McNurneys Arbeit über alle Veränderungen hinweg in Ihr Luzerner Theater hineinpasst?

Eine gute Frage! Wenn man sich für modernen klassischen Tanz entscheidet, folgt dieser eigenen Regeln – angefangen mit dem spezifischen Training, das auf die körperliche Leistung ausgerichtet ist. Aber Kathleen McNurney hat auch neuartige Akzente gesetzt, im Globe im Luzerner Theater oder in der Box. Zudem hat sich die Zusammensetzung des Tanzensembles verändert. Dieses ist nicht einfach eine Tanzkompanie, sondern wird von starken Künstlerpersönlichkeiten geprägt, wie die aktuelle Dancemakers-Produktion gezeigt hat. Dass McNurney nicht nur beim Publikum Erfolg hat, sondern international gut vernetzt ist und über eine hohe Reputation verfügt, passt in die aktuellen Bestrebungen des Theaters.

Die vergangene Saison wie der nächste Spielplan hinterlassen den Eindruck, dass die Aufbruchstimmung unter Ihrer Leitung anhält. Machen Sie sich schon Gedanken über eine Verlängerung Ihres bis 2021 dauernden Vertrags? Werden Sie bereits von anderen Häusern umworben?

Offizielle Anfragen gibt es nicht. In der Region werde ich dafür umso öfter gefragt, ob ich denn bleiben möchte (lacht). Tatsächlich wird der politische Prozess um eine Verlängerung im Herbst ins Rollen kommen. Ich werde mich also im Sommer damit auseinandersetzen müssen, davor habe ich es mir verboten.

Wäre ein grosses Opernhaus etwas für Sie?

Es ist nicht so, dass ich Kollegen an grossen Opernhäusern beneide. Die haben acht Premieren pro Jahr. Wir als Drei-Sparten-Haus dagegen deren 27. Das heisst für mich: 90 Abende im Theater für Endproben. Das ist intensiv, ergibt aber eine riesige Lebendigkeit, um mit verschiedenen Genres zu experimentieren und das beschriebene Kanon-Denken innovativ aufzubrechen. Zudem sind wir gerade daran, die internen Organisationsformen so zu verändern, dass einzelne Bereiche autonomer und weniger hierarchisch funktionieren. Auch das ist eine grosse Herausforderung, von der ich mir viel verspreche. Jetzt geniesse ich erst einmal, wie gut es läuft.

In unserer Region steht das kleine Theaterhaus Südpol in Kriens gerade mächtig unter Druck. Es wird von manchen Theaterschaffenden grundlegend in Frage gestellt. Wie wäre es, wenn Sie den Südpol als Zusatzspielstätte des Luzerner Theaters übernähmen?

Sie meinen, wir sollen Ansprüche anmelden, um das Problem aus der Welt zu schaffen? (lacht) Nein, im Ernst: Ich finde diese Kritik völlig unangemessen. Da hat sich ein kollektiver Missmut Bahn gebrochen, den ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe mit dem abtretenden Südpol-Leiter Patrick Müller eng zusammengearbeitet und finde es super, wie er die freie Szene in sein Haus integriert. Der Südpol ist kein Open-Space, in dem jeder auftreten kann. Selektion ist nun einmal der Auftrag eines künstlerischen Leiters. Die ganze freie Szene dort arbeiten zu lassen, wäre der Wahnsinn bei diesem bescheidenen Budget. Letztendlich muss der Südpol Tickets verkaufen, nicht die freie Szene.

Auch die Zukunft Ihres Theaterhauses wird gerade wieder grundlegend diskutiert. Wie weit ist man da intern schon vorangekommen bei der Eruierung, was ein neues Luzerner Theater dringend benötigt?

Die von der Stadt in Gang gesetzten Diskussionen sind extrem unhysterisch und erkenntnisreich verlaufen. Auf dem Tisch liegen Ideen zu Umbau- und Erweiterungsbauten wie auch Neubauten.

Was spricht für den Standort Theaterplatz?

Man ist hier unglaublich zentral. Klar kann man sich architektonisch nicht voll austoben – Architektur braucht Platz. Aber ein Theater braucht einen Platz mitten im pulsierenden Herzen Luzerns.

Man sieht Sie eigentlich immer mit einem Sandwich oder einer Zigarette in der Hand am Arbeiten und Netzwerken. Verraten Sie uns, wie Sie die Sommerpause verbringen?

Ich werde kirchlich heiraten!

Kirchliche Hochzeit? Also streng nach Heiratskanon mit Braut in Weiss? Wollen Sie keine neue Form ausprobieren?

Ich habe im Job schon genug mit neuen Formaten zu tun, da darf es ruhig mal klassisch sein. (Lacht) Anschliessend werden wir an die Elfenbeinküste reisen, nach Abidjan. Die Stadt hat ein reges Kunstleben, und da besuchen wir auch die Performer, die in unserer «Serail»-Produktion mitwirken.

«Halbe Million» stimmt nicht

Mit Bucherer AG hat das Luzerner Theater ab nächster Spielzeit erstmals einen Hauptsponsor (Ausgabe von gestern). Die Höhe des finanziellen Engagements will man noch nicht kommunizieren, diese wird sich dann aber aus dem nächsten Jahresbericht ergeben. Der Betrag von «rund einer halben Million Franken», den anderen Medien publiziert haben, stimme jedenfalls nicht, teilte Severin Barmettler, Mediensprecher des Luzerner Theaters, gestern auf Anfrage mit. Weiter gab er bekannt, dass die Idee zu diesem Hauptsponsoring im Stiftungsrat des Luzerner Theaters entstanden sei. (are)

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