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Klub der jungen Dichter:
Eine Million Lichtjahre

Jeremia Fedier aus Oberarth erzählt im "Klub der jungen Dichter", wie aus einem Herzenswunsch dann doch nur zweite Wahl wird, weil etwas anderes wichtiger ist.
Jeremia Fedier

Feuer und Flamme. So könnte mein Spitzname sein. Ich habe rotes Haar, bin sommersprossig und habe braune Augen. Mein rotes Haar steht nach oben ab, und deshalb sehe ich aus, als würden Flammen auf meinem Kopf tanzen. Ich bin ziemlich klein und muskulös und habe drei ältere Schwestern. Aber nicht nur wegen meines Aussehens könnte man mich Feuer und Flamme nennen.

Jeremia Fedier, Oberarth, 5. Primar.

Jeremia Fedier, Oberarth, 5. Primar.

Vor einem Jahr etwa war ich für eine Play ­Station Feuer und Flamme. Die schnellste Möglichkeit, die Play Station zu bekommen, war, sie mir auf meinen Geburtstag zu wünschen. Doch wir schrieben den 2. Juli, und ich habe erst am 29. August Geburtstag. Dazwischen lagen, mit anderen Worten, etwa eine Million Lichtjahre. Wie um alles in der Welt sollte ich bis zu meinem Geburtstag überleben ohne diese coole Play Station! Wie bitte, sollte ich mir die Zeit vertreiben bis zu meinem Geburtstag? Meine Schwestern ärgern? Nein, zu langweilig. Übrigens ist es hart, wenn man Schwestern hat, die 14, 16 und 17 Jahre alt sind. Ich bin 11. Aber auch egal. Schwestern zu nerven, reichte für einige wenige Stunden zum Zeitvertreib, aber nicht für eine Million Lichtjahre!

Oh, meine Freunde, wenn ihr jemals denkt, ihr könnt meinem damaligen Zustand das Wasser reichen, schreibt mir eine Mail. In meiner verzweifelten Situation versuchte ich zu schlafen und erst an meinem Geburtstag aufzuwachen. Das hat nicht geklappt, und nach einer halben Stunde wäre ich im Bett vor Langeweile fast geplatzt.

«Vorfreude ist die schönste Freude. Hab Geduld, Jack», sagten meine Eltern immer wieder zu mir. Manchmal wollte ich weinen, doch keine einzige Träne trat in meine Augen. Stattdessen schrie ich mich heiser, wie unfair die Zeit sei. Sekunden wurden zu Minuten, Minuten wurden zu Stunden, Stunden wurden zu Tagen, Tage wurden zu Wochen, Wochen wurden zu Monaten, Monate wurden zu Jahren. Oh, ja, meine Freunde, mir kam es vor wie ein Jahr, bis zu meinem lang herbeigesehnten Geburtstag. Wie um alles in der Welt konnte mich die Zeit so hassen, dass sie sich um das Tausendfache verlangsamte, genau vor meinem Geburtstag? Wieso war alles so ungerecht? Bei mir in der Klasse hatte ich das Gefühl, alle hätten noch vor mir Geburtstag. Alle spekulierten über ihre Partys, Geschenke und Ausflüge, über die Gestaltung der Einladungsbriefe an ihre Gäste, über diese oder jene Torte und darüber, wann die Party überhaupt stattfinden sollte – morgens, mittags, abends?

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mir die anderen mein Geschenk streitig machen könnten und noch vor mir der ganze Laden ausverkauft wäre. Mir träumte, dass ich an meinem Geburtstag in den Laden ging, wo es die Play­ Station gab, doch sie war ausverkauft, und ich musste mich mit einem langweiligen Buch über Gartenarbeit zufriedengeben. Und Kevin, dem Jungen, den ich in der Schule am wenigsten mochte, sozusagen meinem Erzfeind, sehnsüchtig zusehen, wie er auf der Play Station die coolsten Spiele spielte und dabei einen Welt­rekord aufstellte. Oder, dass ich die Play Station hatte und Kevin sie mir wegnahm. Oder, dass sie nicht ging, und man hatte kein Rückgaberecht. Immer wachte ich danach schweissgebadet auf.

Dann war er da, mein lang herbeigesehnter Geburtstag! Auf dem grossen Esstisch lag eine verpackte Play Station. Und noch etwas Dickes, in oranges Geschenkpapier gehüllt. Ich packte es aus, und daraus fiel ein Buch. «Alles über Motorsport» hiess es. Ich mag Motorsport.

Meine Mutter legte mir eine Hand auf die Schulter. «Und? Gefällt es dir?», fragte sie.

Ich nickte und eine Träne kullerte über meine Wange. «Das Buch am meisten», sagte ich und verschwand für den Rest des Tages hinter dem Buch, wobei ich die Play Station unberührt auf dem Tisch liegen liess.

Entscheidet mit, welche Geschichte den Spezialpreis gewinnt

Nicht weniger als 5123 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2018 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Feuer und Flamme» sowie ein Textanfang. Wir publizieren die Texte in der Print- sowie in der Onlineausgabe unserer Zeitung. Neu ist, dass ihr, liebe Leserinnen und Leser, mitvoten können. Wir vergeben nämlich einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat euch also ein Text gefallen, könnt ihr ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen.

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