JESUITEN: «Wir haben die Kirche geprägt»

Sie standen mitten im Machtkampf zwischen Kirche und Staat und waren in der Schweiz bis 1973 verboten. Wie steht es heute um den Orden? Wir fragten den obersten Schweizer Jesuiten.

Interview Robert Knobel
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Christian Rutishauser ist der Vorsteher der rund 60 Schweizer Jesuiten. (Bild Nadia Schärli)

Christian Rutishauser ist der Vorsteher der rund 60 Schweizer Jesuiten. (Bild Nadia Schärli)

Christian Rutishauser, in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» spielt ein Jesuit eine wichtige Rolle. Dieser wird so charakterisiert: intellektuell brillant, aber total fanatisch. Trifft die Beschreibung?

Christian Rutishauser*: Das ist natürlich völlig überzeichnet. Die Darstellung muss im Geiste der Anti-Jesuiten-Literatur des 19. Jahrhunderts gesehen werden. Die Jesuiten waren die Feinde der Moderne, weil sie den Nationalstaaten kritisch gegenüberstanden und gegenüber dem Papst loyal waren.

Da sind wir schon mitten im Kulturkampf – in der Schweiz waren die Jesuiten sogar lange verboten. Wie kam es zu dieser Eskalation?

Rutishauser: Die Jesuiten wurden unfreiwillig in den Kampf der politischen Ideologien verwickelt. Sie sind weniger regional in den Bistümern verankert, sondern vielmehr direkt an den Papst gebunden. Weil sie diesem stets loyal gegenüberstanden, fanden sie sich mitten in den Machtkämpfen zwischen der Kirche und den Nationalstaaten wieder. Dazu kommt, dass die Jesuiten im Gegensatz zu anderen Orden kein zurückgezogenes Leben führen, sondern mitten in der Gesellschaft wirken – was immer Konfliktpotenzial birgt.

Fühlen Sie sich heute in der Schweiz akzeptiert?

Rutishauser: 1973 wurde das Jesuiten-Verbot per Volksabstimmung abgeschafft. Gewisse Vorurteile sind bis heute geblieben, gerade bei einigen Protestanten. Doch die Jesuiten haben seither die Erneuerung der katholischen Kirche in der Schweiz markant geprägt.

Die Jesuiten sind wohl der intellektuellste katholische Orden. Doch kritische Geister sind ja gerade in der katholischen Kirche nicht gerade gerne gesehen. Gleichzeitig definieren Sie sich über die Loyalität zum Papst. Wie geht das auf?

Rutishauser: Wir haben tatsächlich keine Berührungsängste mit heiklen gesellschaftlichen Fragen, beispielsweise mit der ganzen Gender-Diskussion. Die Wahrheit geht immer aus der Auseinandersetzung verschiedener Meinungen hervor. Die Kirche braucht Leute, die eine klare Meinung haben. Wenns dann aber hart auf hart geht – und da kommt der Papstgehorsam ins Spiel – ist die Einheit der Kirche wichtiger als individuelle Ansichten.

Mit Papst Franziskus steht erstmals ein Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche. Was bedeutet das für den Jesuitenorden?

Rutishauser: Um das wirklich zu beurteilen, ist Franziskus noch zu wenig lange im Amt. Aber es ist schon so: Zu Johannes Paul II. hatten wir ein angespanntes Verhältnis, mit dem Theologen-Papst Benedikt XVI. war es etwas besser. Franziskus, Stil ist hingegen sehr geprägt von unserer Spiritualität. Ihm ist wichtig, das Soziale mit dem Glauben zu verknüpfen. Dabei ist er nicht dogmatisch im Vorgehen, sondern sucht das Gespräch mit den Leuten. Der Fragebogen, den er als Vorbereitung für die Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie erstellt hat, ist ein typisches Beispiel dafür. Er hat den Mut, einfach mal hinzuhören, was die Leute denken.

Jesuiten leben nicht im Kloster und sind auch äusserlich nicht als Ordensleute erkennbar. Was machen Schweizer Jesuiten heute konkret?

Rutishauser: Zentrale Elemente in unserem Tagesablauf sind die tägliche Eucharistiefeier und die Meditation. Insbesondere widmen wir uns der religiösen Bildung, beispielsweise in unserem Zentrum für Spiritualität im Lassalle-Haus in Edlibach und in der Studentenseelsorge. Dazu pflegen wir eine rege Vortragstätigkeit und publizieren auch viel.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, Jesuit zu werden?

Rutishauser: Ich lege Wert auf Persönlichkeitsbildung aus dem Glauben heraus. Eine Spiritualität, die direkt ans Evangelium anknüpft und die gleichzeitig eine Verantwortung fürs Gemeinwohl übernimmt. Das hat mich als junger Mann sehr angesprochen.

Gegenwärtig leben in der Schweiz 60 Jesuiten. Das ist nicht gerade viel. Wie sehen Sie die Zukunft des Ordens?

Rutishauser: Wir hatten dieses und letztes Jahr je zwei Neueintritte. Die Zukunft liegt sicher darin, den Weg einer christlichen Spiritualität entschlossen weiterzugehen – im Dialog mit der Gesellschaft. Das ist ganz zentral: Wenn wir ernst genommen werden wollen, müssen wir mit der säkularen Welt kommunizieren können. Deshalb haben die meisten Jesuiten eine Zweitausbildung, beispielsweise in den Bereichen Wirtschaft oder Psychologie.

* Christian Rutishauser (48) ist Provinzial der Schweizer Jesuiten und lebt in Zürich.