Jetzt muss eben vom Kiosk der Lesestoff her

Kioske haben offen. Bietet ihr Lesestoff etwas Ersatz für die vielen ausgefallenen Kulturangebote? Wir schauten bei einem Luzerner.

Jana Avanzini
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Fröhliche Lektüre mit Produkten vom Kiosk: Und natürlich tragen alle Gesichtsmasken dahinter.

Fröhliche Lektüre mit Produkten vom Kiosk: Und natürlich tragen alle Gesichtsmasken dahinter.

Bild: Jana Avanzini (16. April 2020)

Stoff? Sie brauchen Lesestoff? Lesen am Bildschirm ist nicht so Ihr Ding? Und neue Bücher, die Sie hoffentlich beim lokalen Buchhandel und nicht beim Online-Giganten bestellt haben, brauchen noch ein paar Tage? Na dann, ab zum Kiosk. Mal schauen, was es hier gibt. Wir gehen exemplarisch zu Edwin an der Klosterstrasse Luzern. Und gucken uns aktuelle Bestseller der Kiosk-Literatur an.

Der «Coiffeur-Klassiker»: «Gala» (5.90 Franken)

Klatsch und Tratsch erwartet man, Klatsch und Tratsch bekommt man. Im Editorial trifft man auf optimierte Gesichter und auf Angela Merkel beim Lebensmitteleinkauf. Danach folgen die wichtigen News der Saison: Jennifer Lopez ist immer noch sexy, Brad Pitt isst Burger. Relevanz Fehlanzeige. Längere Artikel ebenfalls. Vom Cover grinst uns Prinz William – mit perfekter Familie – äusserst verkrampft entgegen. Im Heft drin gibt’s auch Corona-Aktualität: Rita Ora designt T-Shirts mit einem Virus drauf, Motsi Mabuse tanzt gar gegen Corona an.

Dazwischen finden sich riesige Parfumwerbung und Sonderangebote von Otto’s und Lidl. Und die obligaten Reisetipps. Natürlich fehlt auch Christa Rigozzi nicht, die Allzweckwaffe der Schweizer Werbebranche. Für Schuhe tut sie es diesmal. Fazit: Kaum empfehlenswert, nicht mal für Coiffeurläden, die wir offenbar ab Ende Monat wieder besuchen dürfen.

Reisen im Kopf: Das Magazin «Reportagen» (20 Franken)

Die teuerste Publikation am Kiosk ist das Magazin «Reportagen». Hier sammeln sich Beiträge aus aller Welt, in unterschiedlichsten Formen – berührend, überraschend, politisch oder gesellschaftskritisch relevant. In der aktuellen Nummer fokussiert sich Margrit Sprecher auf die Enkelinnen von Mussolini und findet Frauen, die wie Heilige verehrt werden. Und einen salonfähigen Faschismus. Dann erfahren wir, weshalb es für Island von wirtschaftlichem Vorteil ist, wenn das Polareis schmilzt und wie in Peru eine «Rolltreppe des Aussterbens» entsteht. Ein Bericht aus der nordafghanischen Provinz Baghlan zeigt Ärzte, die zu Zielscheiben der politischen Kriegsführung werden. Denn Menschen gleich zu behandeln ist hier nicht gewünscht. Mit Werbung wird hier sparsam umgegangen. Fotografien finden sich keine – hier stehen die Texte für sich. Fazit: Wer Kurzgeschichten mag, eintauchen will in Reportagen, wer im Kopf gerne Reisen unternimmt, ist gut bedient.

Hochwertig häuslich: «Schweizer Landliebe» (8 Franken)

Zuerst kämpft man sich durch eine Reihe von Publireportagen, Rezepten und Reise-Annoncen, bevor unzählige Nahaufnahmen von Krokussen folgen. Damit beginnt jedoch ganz unerwartet eine spannende und vielfältige Lektüre mit beeindruckenden Fotografien.

Ausführliche Reportagen und Porträts reihen sich aneinander. Aus dem Biberreservat in Marthalen, vom aussergewöhnlichen Nähmaschinenmuseum, von Chorolaisrindern und alten Zeigebüchern von Coiffeuren. Man erfährt mehr über das Orgelbauen, trifft Arno Camenisch am Crestasee und blickt in ein umgebautes Tessinerhaus. Auch Historisches wird illustriert geboten, dazu gibt es zahlreiche Rezepte und Kolumnen. Basteltipps, Patchworknähtipps und Wanderrouten. Den Schluss machen ein paar Seiten Ferienhäuserangebote. Darüber und über das langweilige Cover blickt man locker hinweg. Fazit: Wer gerne gärtnert, bastelt, kocht und näht, findet in der «Landliebe» perfekt vielseitige Lektüre.

Nordisch kreativ: «Flow» (12 Franken)

Das Cover verspricht Kunst. Und die kriegt man – dank heraustrennbarer Illustrationen, in den Fotografien selber und in der Textgestaltung. Das Magazin entpuppt sich als Mix aus «Neon», «Reportagen» und «Transhelvetica» in nordischem Kleid. Man trifft auf grosse Berichte, Porträts, Tipps und auf gestickte Kunstobjekte von Ulla-Stina Wikander.

Die Hälfte des Heftes könnte man einrahmen, die andere als Inspiration aufbewahren. Ein Text über den Nutzen des Nutzlosen ist nicht nur aus aktuellem Anlass lesenswert. Vertiefen kann man sich in den elfseitigen Artikel über den Baumexperten Peter Wohlleben oder das ausführliche Porträt über Schriftstellerin Elisabeth Jane Howard. Dazu kommen leichtere Artikel über Tiny Houses oder ein Por­trät einer Kinderbetreuerin in Südafrika. Man erhält Literatur- und Kochtipps von hippen Menschen. Fazit: Eine empfehlenswerte Lektüre – auch wenn einen dabei das Gefühl überkommen kann, man müsse nun kreativer werden und nachhaltiger leben.

Klassisch elegant: «Annabelle» (Fr. 8.50)

Kreative Mode und «Männer von gestern» verspricht die Annabelle. Die feine und zugleich rohe Reportage von färöischen Fischern, denen die Frauen davonlaufen, ist stark geschrieben und bebildert. Es folgt eine grosse Story über Jamie, der mit drei Jahren an Leukämie erkrankte. Erzählt über die berührenden Tagebucheinträge der Mutter.

Die obligate Modestrecke ist retro, verspielt und überzeugend, mit natürlichen Frauen in wilden Socken. Interviews, Reisereportagen und witzige Formate und Kolumnen runden das Ganze ab. Dann der Dämpfer: eine Werbebeilage voller plastischer Chirurgie, Zahnbleeching und Abnehmen. Daneben bietet das Heft auch Werbung für schicke Produkte, auf ganzen drei Doppelseiten werden Parfums hübsch präsentiert. Fazit: Diese Lektüre lohnt sich, wenn man Reportagen mit Tiefgang und ungewöhnliche Mode schätzt.

Unverändert süss: «Bravo Girl» (Fr. 5.20)

Ein zuckersüsses Cover in Rosatönen, mit Blumen und Ankündigung der Beautytricks, weckt Erinnerungen. An Tipps für die beste Frisur für die Techno-Disco und Interviews mit Tic Tac Toe. Die Ästhetik hat sich seit den 1990er-Jahren nicht verändert. Dem Heft liegt stets auch ein Extra bei. «Cute Handy-Sticker» sind es diesmal und das «süsse Poster» eines Hundes.

In den kurzen Artikeln geht um Gruppenzwang, um die beste Freundin und um das ideale Workout. Noch immer wird über Petting aufgeklärt und über ungleich grosse Brüste. Auch der Psychotest fehlt nicht. Und die obligate Foto-Lovestory, in welchen die «Darstellerinnen» ihre Mimik spielen lassen wie in den affektiertesten Operetten.

Man erfährt, «was Boys sagen und was sie wirklich meinen». Auf drei Doppelseiten lernt man, sich so zu schminken, dass man danach möglichst ungeschminkt aussieht. Und im Trend sind Jeansstoffe und Velosonnenbrillen der 1990er. Fazit: Wer sich gerne über die eigene und die heutige Jugend amüsiert, wird hier gut bedient.

Was nehme wir insgesamt mit? Der Besuch beim Kiosk lohnt sich. Fesselnde Reportagen, spannende Rezepte, inspirierende Mode, witzige Kolumnen oder einfach nur Klatsch: Das ist ordentlich Lesestoff.