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«Jetzt nennen sie mich einen Verrückten!»

Dostojewski in der St. Galler Kellerbühne: Matthias Peter nutzt einen überraschenden Text des grossen russischen Schriftstellers für eine Eigenproduktion. Ein Lebensmüder gerät im Albtraum auf Irrfahrt durch den Weltraum – und entdeckt das Paradies.
Hansruedi Kugler
Im albtraumhaften Blau des Weltraums: Matthias Peter geht in seiner Eigenproduktion ganz in die Emotion. (Bild: Hanspeter Schiess)

Im albtraumhaften Blau des Weltraums: Matthias Peter geht in seiner Eigenproduktion ganz in die Emotion. (Bild: Hanspeter Schiess)

Den Dostojewski habe er in seiner Jugend komplett ausgelassen, sagt Kellerbühne-Leiter Matthias Peter. Und bedauert das. Jetzt, da er im Sommer als Vorbereitung für seinen Soloabend die dicken Romane des grossen russischen Autors aus dem 19. Jahrhundert gelesen hat. Vor allem «Böse Geister» (in anderen Übersetzungen heisst der Roman«Die Dämonen») findet Peter hellsichtig und wieder aktuell: «Voller Vorahnungen künftiger Revolutionen und ein unglaublich beeindruckendes, dichtes Panorama der geistigen Strömungen jener Zeit», schwärmt er.

Fünf Romane – eine ausufernde Lektüre über Tausende Seiten: Dass Dostojewskis schmale Erzählung «Der Traum eines lächerlichen Menschen» ein Konzentrat der Themen des ganzen Werks ist, sei ihm auf diese Weise klar geworden. Um diese Erzählung geht es nämlich in seiner Eigenproduktion, mit der Matthias Peter seine Reihe «literarisches Gedächtnis» fortführt.

Ironisch und dramatisch in die Zivilisationskritik

Einen intensiven Monolog einer typischen Dostojewski-Figur wird Matthias Peter in der Kellerbühne bieten: Ein lebensmüder Mann mit Weltekel, ein Taugenichts und Nihilist. Dieser zögert seinen schon fertig geplanten Suizid hinaus, weil ihn ein Mädchen um Hilfe bittet. Er verweigert ihr die Hilfe, gerät aber in einem Albtraum auf eine fantastische Irrfahrt durch das Weltall: Auf einem erdähnlichen Planeten entdeckt er ein Volk, das paradiesähnlich lebt, ohne Gier, Besitz, Streit – sondern mit einer überwältigend reinen Liebe. Im Albtraum zerstört er aber unwillentlich das Idyll – was Dostojewski dem Erzähler als atemlose Zivilisationskritik in den Mund legt, um ihn dann geläutert aufwachen zu lassen. Bei diesem Text gerät man deshalb ins Philosophieren und an die grossen Fragen: Über die Natur des Menschen, über Entfremdung, Zivilisation, Gefühl und Intellekt, Gemeinschaft und Einsamkeit, Liberalismus und Heilserwartung.

Dass er einen «lächerlichen» Menschen spielen muss, einen Verkünder einer tieferen Einsicht, sieht Matthias Peter mit Ironie. Die Idee, diesen auf einer Art Speakers Corner «predigen» zu lassen, haben er und Regisseur Daniel Pfister rasch fallen gelassen. Sie spalten die Figur statt dessen in zwei Bewusstseinszustände: Zum einen in jenen des distanziert-ironischen Kommentators seiner Geschichte, zum anderen in jenen, der im Albtraum die quälende Erfahrung der Einsamkeit, der Liebe und der Zerstörung macht.

Für die Zuschauer soll diese Spaltung durch die Veränderung des sprachlichen Ausdrucks und des Lichts (mal blau, mal rot, mal grün) deutlich genug werden. So werde der Erzähler eher verwundert über seine Erlösung sein und weniger als Prophet erscheinen, sagt Matthias Peter. Da ist er mit seiner Interpretation nah am Autor: Schliesslich war Dostojewskis Lieblingsfigur der Weltliteratur Don Quichote, der lächerliche Ritter von La Mancha. «Jetzt nennen sie mich einen Verrückten», sagt zu Beginn der Erzähler, um am Ende zu gestehen, dass seine Erfahrung tatsächlich den Verstand übersteigt: «Ich habe das Paradies gesehen, wiewohl ich mit Worten nicht genau wiedergeben kann, was ich gesehen habe.»

Premiere 31.10., 20 Uhr, Kellerbühne St. Gallen; Vorstellungen: 2. bis 4.11. sowie 14., 16. und 17.11.

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