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Bruno Riedl: Seit 30 Jahren in St.Gallen auf der Bühne

Es ist ein seltenes Jubiläum: Seit dreissig Jahren steht Bruno Riedl auf der Bühne des Theaters St. Gallen. Rund 150 Figuren hat er hier zum Leben erweckt: Vom jungen Liebhaber bis zum Dementen. Dass der Österreicher hier sesshaft wurde, liegt an seiner Frau.
Rolf App

Bruno Riedl tritt aus dem Dunkeln auf die Bühne, reibt sich die Hände, als würde er sie waschen, zittert. Auch aus der Ferne versteht man ihn gut, obwohl seine brüchige Stimme sich an der Grenze des Hörbaren bewegt. «Mein Gott», sagt er, «alle glauben, ich bin Arzt und kann ihnen helfen. Aber ich weiss absolut nichts mehr, ich habe alles vergessen.» Es ist ein Leben, das da zusammenbricht. Das Leben des Arztes Chebutykin, und Bruno Riedl spricht in dieser Probe zu Anton Tschechows «Drei Schwestern» die wenigen Sätze so, dass es uns kalt wird. «Wunderbar, wie du das machst», sagt Tim Kramer, der Regisseur, «aber lass das Zittern weg. Versuch nur einfach diesen Fleck an deiner Hand loszuwerden. Das ist der sogenannte Schandfleck.»

Die Szene hat sich eingebrannt in die Erinnerung, wie viele andere Figuren, denen er Gestalt verliehen hat. Dreissig Jahre ist Bruno Riedl am Theater St. Gallen, hat, von ihm selber nur grob geschätzt, vier bis fünf Rollen pro Saison gespielt. Das macht dann 120 bis 150 Menschen, in deren Haut er geschlüpft ist: Verblendete und Verrückte, arme Seelen und reiche Leute, Helden und Gauner. Vom jugendlichen Liebhaber ist er mit dem Alter aufwärts gerutscht. «Jetzt spiele ich schon Grossväter», sagt der 57-Jährige, «was ich ja auch bin.»

Zwei oder drei Sätze, auf die es ankommt

Chebutykins verzweifeltes Geständnis am Waschbecken aber zählt zu jenen «zwei oder drei Sätzen», auf die es ankommt. Zu den Momenten, die das Publikum berühren. «Dieses Publikum hat eine Kraft, von der es nichts weiss», sagt Riedl. «Wenn ich spüre, dass da etwas in Bewegung kommt, dann macht mich das sehr glücklich.»

Doch der Schauspieler, er hat auch Kraft. Man spürt sie, wenn Bruno Riedl sein Leben als eine Aneinanderreihung von Zufällen beschreibt. Wenn er erzählt, wie er die ersten Jahre in Kärnten verbringt, mit sieben ins vorarlbergische Hard kommt und dort als Fremder sich durchzusetzen lernt. Niemand zu Hause interessiert sich für Kunst, er aber hört heimlich Maria Callas und Richard Tauber, während er die kaufmännische Lehre «mehr schlecht als recht» hinter sich bringt. Spielt in der Bürgermusik das Flügelhorn und schafft es, über die Militärmusik ans Konservatorium Feldkirch zu kommen. Doch ein Freund nimmt ihn mit in eine Laienspielgruppe. Er schaut zuerst zu, macht dann mit, und ist «von dem Moment an verdorben. Das Theater hat mich derart hineingezogen, dass ich innert kürzester Zeit wahnsinnig viel gelesen habe. Die Eltern wussten davon nichts.»

In hartem Training treibt er sich den österreichischen Dialekt aus

In Wien schafft er es beinahe ins Reinhart-Seminar, in Graz an die Schauspielschule – unter anderem mit einer Gesangseinlage. Spielen kann er, doch ­seine Sprache ist fürchterlich – ein Mittelding aus hochdeutsch und gleich zwei österreichischen Dialekten. In hartem Training treibt er sich den Dialekt aus, und beschreibt diese Wandlung in einer theaterreifen Szene, kommt nach Klagenfurt – und 1988 nach St. Gallen. Im ersten Jahr spielt er sieben Rollen, tritt auch in Operetten und im Musical auf, und später sogar im Tanz. «Wenn ich mal frei hatte, bin ich ins Theater zum Frühstück. Fürchterlich. Und doch eine schöne Zeit.» Doch er denkt sich: «Zwei Jahre bleibe ich, dann bin ich weg.» Dann aber bekommt er seine erste Hauptrolle. Und dann lernt er seine Frau kennen, die hier verwurzelt ist. So wird Bruno Riedl sesshaft, auch weil man in St. Gallen weiss, was man an ihm hat. Riedl bleibt. Erlebt viel, sehr viel. Schönes und weniger Schönes. Und wird «vom jungen Baby zum gestandenen Schauspieler», der gelassener auf der Bühne steht und sich auch freut, wenn er angesprochen wird auf seine vielen Rollen. Er spürt: Die Ostschweizer, die so leicht nicht zu gewinnen sind, haben eine Beziehung zu ihm. «Ich bin schon sehr glücklich und ausgefüllt», sagt er.

Im Neujahrskonzert zeigt sich der Österreicher in ihm

Dass dahinter viel harte Arbeit steckt, darf man dabei nicht vergessen. Das Auswendiglernen ist noch der einfachste, allerdings auch der stupideste Teil. «Wichtiger sind die Beziehungen unter den Figuren. Wenn ich sie verstanden habe, ist viel geschafft.» Dann kommt, wie jetzt gerade wieder, die lange Probenzeit, mit «Der nackte Wahnsinn» von Michael Frayn, einer Komödie über das Theater. Die Menschen zum Lachen zu bringen, das sei, sagt Bruno Riedl, «eines der schwierigsten Dinge auf dem Theater, wenn es nicht ins Schenkelklopfen abgleiten soll».

Noch etwas kommt: das Neujahrskonzert, das Bruno Riedl fast seit seinen Anfängen moderiert, und an dem er enorme Freude hat. Denn hier zeigt sich, neben dem St. Galler Herz, das nach so langer Zeit dich auch in ihm schlägt, einmal im Jahr der Österreicher in ihm.

Neujahrskonzert: Dienstag, 17 Uhr, Tonhalle. Der nackte Wahnsinn, Premiere Freitag, 11. Januar, 19.30 Uhr.

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