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Johann Heinrich Füssli: Wie der «wilde Schweizer» London eroberte

Das Kunstmuseum Basel zeigt Johann Heinrich Füssli als Grenzgänger zwischen Drama und Malerei. Zeitlebens faszinierte ihn die Fantastik literarischer Stoffe.
Mathias Balzer
«Titania liebkost Zettel mit dem Eselskopf» aus den Jahren 1794/1794. (Bilder: Kunstmuseum Zürich)

«Titania liebkost Zettel mit dem Eselskopf» aus den Jahren 1794/1794. (Bilder: Kunstmuseum Zürich)

Es gibt Geschichten, die sind so alt wie die Menschheit. Zum Beispiel diejenige vom Auswanderer, welcher der Enge seiner Heimat entflieht und anderswo Berühmtheit erlangt. Genauso gibt es Strömungen in der Kunst, die in ihrer Geschichte immer wiederkehren. Zum Beispiel die gegenseitige Durchdringung und Inspiration über Gattungsgrenzen hinweg. Crossover oder Interdisziplinarität nennt sich das in heutigem Kuratoren-Slang.

Johann Heinrich Füssli (1741–1825) war nicht bloss Maler, sondern ein Universalgelehrter mit weitem Horizont. In seinem Leben und Werk kommen die beiden genannten Wiederholungen zum Tragen: das Schicksal des Auswanderers und die Durchdringung unterschiedlicher Kunstgattungen.

Das Kunstmuseum Basel richtet dem weltberühmten Schweizer Künstler eine weitläufige Ausstellung aus. Rund 70 Werke werden im Neubau des Museums präsentiert. Sie stammen aus der hauseigenen Sammlung, aus dem Kunsthaus Zürich, dem Louvre, dem Metropolitan Museum of Art in New York oder aus der Tate London. Die Kuratorin Eva Reifert und ihr Team werfen einen erhellenden Blick auf Füssli. Sie zeigen den Maler nicht nur als schwarzen Romantiker und Vorläufer des Gothic Horror. Als solcher hat er sich mit skandalösen Bildern wie «Der Nachtmahr» im kollektiven Gedächtnis verewigt. Die Schau in Basel zeigt ihn vor allem als Maler, der seine Motive aus der Literatur schöpft.

Langer Weg, dann steile Karriere

Johann Heinrich Füssli kommt 1741 in Zürich zur Welt. Sein Vater ist der Maler und Schriftsteller Johann Kaspar Füssli. Er führt den Sohn in Literatur und Malerei ein. Nach umfassender humanistischer Bildung und einem Theologiestudium erhält Johann Heinrich als Zwanzigjähriger die Ordination zum reformierten Pfarrer. Wegen der Mitarbeit an einem Pamphlet gegen einen Landvogt muss er Zürich jedoch bald verlassen. Über Deutschland kommt er 1765 nach London. Er arbeitet als Übersetzer. Auf Rat eines Freundes beginnt er zu malen, geht nach Rom, wo er über zehn Jahre sein Handwerk schult, vor allem im Studium Michelangelos. Mit London bleibt er in Kontakt. 1780 sorgt der Autodidakt mit seinem Gemälde «Satan flieht, von Ithuriels Speer berührt» für Aufsehen, zwei Jahre später mit seiner «Nachtmahr» für einen Skandal.

Dass Henry Fuseli, wie London ihn nennt, rasch bekannt wird, liegt nicht bloss am malerischen Können des Autodidakten. Seine Anatomiekenntnisse sind eher Durchschnitt. Der Maler etabliert sich als weltgewandter Gelehrter, der nicht nur Shakespeare, sondern auch Homer und Ovid im Original liest. Er präsentiert dem staunenden Publikum die Helden und Heldinnen, die Dämonen und Geister der Antike und des Mittelalters in bis dahin noch nicht gesehener Dramatik. Wegen seiner gefallenen Engel, todessehnsüchtigen Jungfrauen und lasziven Feen wird er bald der «der wilde Schweizer» genannt.

Mit seinen spektakulären Grossformaten zu «Macbeth», «Sommernachtstraum» und «Hamlet» handelte er sich den Übernamen «Shakespeare der Leinwand» ein. Mit seinem grossen Zyklus zu «Paradise Lost» von John Milton ruinierte er sich zwar finanziell. Aber sein Ruf wird dadurch derart gefestigt, dass er mit 58 Jahren zum Professor der Royal Academy gewählt wird.

«Rütlischwur», ein Gemälde aus dem Jahr 1780.

«Rütlischwur», ein Gemälde aus dem Jahr 1780.

Erfrischung aus dem Heute

Wäre Füssli 200 Jahre später geboren, hätte er Filme gedreht. Nicht britischer Realismus wäre sein Ding, eher «Game of Thrones», «Herr der Ringe» oder «Shining». Hätte Füssli die Wirklichkeit im damaligen London interessiert, so hätte er die ersten Industriearbeiter vor kohleschwarzen Kulissen gemalt. Ihn hat jedoch zeitlebens die Dramatik und Fantastik literarischer Stoffe fasziniert. Wie er sie zugleich effekt- und geheimnisvoll in Szene setzen konnte, das zeigt die Ausstellung in Basel wunderbar. Thematisch leitet sie von Raum zu Raum und von Höhepunkt zu Höhepunkt. Man braucht kein Literaturkenner zu sein, um diese detailreichen Bilder geniessen zu können. Ansonsten helfen Audioguides oder der umfangreiche Katalog.

Die Masse der Werke hat aber auch einen ernüchternden Effekt: Technik und Tricks von Füsslis Dramatik werden durchschaubar. Die bleichen, halb nackten Frauen mit ausgestreckten Armen, die weit aufgerissenen Augen, der Pathos in jeder Geste. Genau an diesem Punkt setzt die Videoinstallation des Theaterregisseurs Thom Lutz an. Sie ist geschickt in die Mitte der Ausstellung platziert. 15 Schauspielerinnen und Schauspieler des Basler Ensembles stellen darin Motive und Gesten der Ausstellung nach, ohne historische Kostüme. Das ist erfrischend, weil dem Drama die Luft abgelassen wird, weil sich die Komik von Füsslis Pathos zeigt, weil der Mensch wieder auf menschliche Dimensionen zurechtgerückt wird.

«Füssli. Drama und Theater». Kunstmuseum Basel. Bis 10. Februar

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