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Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag: Gegen die Meinungswillkür

Er ist der berühmteste lebende deutsche Philosoph: Jürgen Habermas, ein politisch streitbarer Verfechter vernünftiger Kommunikation, wird 90.
Hans Widmer*
Er arbeitet sich kritisch an gesellschaftstheoretischen Entwürfen ab: Philosoph Jürgen Habermas. (Bild: Caro/KEY (Potsdam, 7. Februar 2014))

Er arbeitet sich kritisch an gesellschaftstheoretischen Entwürfen ab: Philosoph Jürgen Habermas. (Bild: Caro/KEY (Potsdam, 7. Februar 2014))

Weit über den deutschen Sprachraum hinaus reicht das Ansehen von Jürgen Habermas. Seine Werke wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Erstaunlich ist eine solche Verbreitung, wenn man die schwindelerregende Abstraktion seiner philosophischen und soziologischen Gedankengänge vor Augen hat.

Warum nur kann dieser «schwierige» Autor über Jahrzehnte das Interesse so vieler Menschen wachhalten? Vermutlich, weil er bei den verschiedensten Gelegenheiten «ohne Mandat» die gesellschaftlich-politische Bühne betreten hat und sich als scharfzüngiger Debattierer polarisierend ins Zeug legte.

Revolutionäre Gewalt nie gerechtfertigt

Während der Studentenunruhen im Jahre 1968 attackierte er den Aktivismus der Bewegung als «Scheinrevolution» und forderte den Verzicht auf sämtliche Formen direkter Gewalt. In der Hitze des Gefechtes etikettierte er die Haltung der aufrührerischen Kommilitonen sogar als «linken Faschismus».

Knapp zehn Jahre später relativierte er seine Aussage als «Überreaktion». Man schrieb das Jahr 1977, das wegen der Ereignisse um die Anschläge der RAF und die Anti-Terror-Gesetze «deutscher Herbst» genannt wird. Konservative Kreise redeten in der aufgeheizten öffentlichen Stimmung sogar das Gespenst eines möglichen Bürgerkrieges herbei und bewirtschafteten die mit Händen zu greifenden Ängste mit einigem Geschick. Linksintellektuelle wurden verdächtigt, der Terrorismusszene nahezustehen. Solche Unterstellungen konnte Habermas nicht stehen lassen.

Die Auftritte in der deutschen Öffentlichkeit trugen seinen Namen weit über die Zunft von Fachphilosophen und Soziologen hinaus. Allerdings bescherten ihm diese engagierten Einmischungen auch grosse Unannehmlichkeiten, so zum Beispiel, als er sich um eine Honorarprofessur an der Universität München bemühte. Für Franz Josef Strauss war Habermas einfach mal der «Sturmvogel der Kulturrevolution» und hatte von Bayern nichts zu erwarten.

Gesellschaft muss vernünftig debattieren

Mit der zwiespältigen Breitenwirkung in Deutschland kontrastiert das nachhaltige akademische Echo vieler seiner Publikationen auf der ganzen Welt. Dies gilt unter anderen für sein Hauptwerk «Theorie des kommunikativen Handelns» (1981).

In der für ihn typischen kritischen Abarbeitung vergangener gesellschaftstheoretischer Entwürfe – unter anderem Karl Marx und Max Weber – entwickelt er ein neues Verständnis von Vernunft. Diese schwebt nicht abstrakt über der Geschichte und wird auch nicht in das fensterlose Gehäuse des Individuums eingekapselt. Wirklich wird sie nur, wenn die Menschen in Diskursen, die über Alltagsgespräche hinausgehen, als gleichberechtigte Vernunftträger ergebnisoffen und ernsthaft miteinander reden.

Zwar sind in solchen Gesprächen Letztbegründungen nicht möglich, trotzdem kann von Begründung gesprochen werden, wenn die Kommunikationspartner einem Konsens zustimmen können. Um einen billigen Kompromiss geht es dabei keinesfalls, denn strenge Kriterien sollten erfüllt sein: keine Manipulation, kein Mangel an sprachlicher Verständlichkeit, kein Verschweigen der gehegten Absichten, keine Selbstinszenierung und kein Herumreiten auf sogenannten unantastbaren Normen. Mit der klassischen Metaphysik ist es für Habermas vorbei. In diesem Denken setzte man voraus, dass Normen von einer über allem stehenden Grösse, von Gott oder der Vernunft, abgeleitet werden können.

Mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns setzt Jürgen Habermas einen Kontrapunkt zur postmodernen Vorliebe für Beliebigkeit. Er entwirft ein Modell, das die Möglichkeit von Begründungen im nachmetaphysischen Zeitalter nachzuweisen versucht.

Damit bleibt er der vernunftgeleiteten Moderne treu und vertraut darauf, dass in der Gesellschaft mit ihren potenziell emanzipierten und vernetzten Menschen das Vermögen schlummert, zur nachmetaphysischen kommunikativen Vernunft vorzustossen. Falls das nicht geschieht, kolonialisieren Geld- und Staatsbürokratien die Lebenswelt und verstopfen damit die Quelle des kommunikativen Handelns.

Immer wichtiger in Zeiten von Fake News

Nur, weil es dem heute 90-jährigen Habermas gelungen ist, von einem argumentativ starken gesellschaftstheoretischen Modell aus gesellschaftskritisch und sogar tagespolitisch zu intervenieren, ist er heute weltweit bekannt und von vielen anerkannt.

Seine Botschaft sollte insbesondere im Zeitalter von Facebook und Twitter nicht überhört werden. Diese Medien basieren vor allem auf den Prinzipien Geschwindigkeit, Wortreduktion und Positionsbezug. Eine verständliche Sprache ist auch in herrschaftsfreien Diskursen wichtig, aber es braucht einiges mehr wie zum Beispiel das vortastende Suchen nach einer gemeinsamen Sprache oder die Bereitschaft, sich zwanglos dem Zwang des besten Argumentes anzuschliessen. All das braucht Zeit und kann unter dem Diktat von Effizienz und Effektivität kaum gedeihen.

* Hans Widmer, Luzern, Jg. 1941, ist pensionierter Philosophielehrer und früherer SP-Nationalrat.

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