Jürgen Theobaldy: Einer der letzten Grossen seiner Art

In den 1970er-Jahren war der Deutsche ein Kultautor. Doch dann wurde es ruhig um ihn. Inzwischen lebt er in Bern und hat im Prosaband «Geschichten im Vorübergehen» die Schweizer Hauptstadt skizziert.

Peter Henning
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Der 76-jährige Dichter Jürgen Theobaldy.

Der 76-jährige Dichter Jürgen Theobaldy.

Bild: Naomi Mihara

Bis zu Beginn der 1980-Jahre hatte er rege publiziert: Gedichtbände, Erzählungen und einen tollen Roman. Dann aber war es stiller um den seit 1984 in der Schweiz, in Ostermundigen lebenden Schriftsteller Jürgen Theobaldy geworden. Und so sagt sein Name, der lange in einem Atemzug mit denen von Nicolas Born und Rolf-Dieter Brinkmann fiel, heutigen Lesern kaum noch etwas.

Dabei hatte Theobaldy, der bis 2009 als Protokollschreiber bei den Parlamentsdiensten der Bundesversammlung arbeitete, die engagierte Literatur der Alten Bundesrepublik massgeblich mitgeprägt. Als Vertreter jener sogenannten «Neuen Subjektivität», die in den Siebzigerjahren für ein neues, subjektiveres Schreiben plädierten, hatte er sich nachhaltig profiliert.

Auf seinen ersten Lyrikband «Sperrsitz» (1973) folgte ein Jahr später die grossartige Sammlung «Blaue Flecken» und 1978 sein Débutroman «Sonntags Kino», in welchem er rückblickend das von Muff und Spiessertum geprägte Klima der frühen 1960er-Jahre beschwor. Mit seinem hinreissenden Band «Festival im Hof» von 1985 schliesslich war diesem Dichter, der grosse Teile seiner Jugend in Mannheim zubrachte, eine der schönsten Erzählsammlungen der 1980er-Jahre geglückt.

Leichtsilbig und doch markant fängt Jürgen Theobaldy Szenen aus Berns Strassen und Gassen ein.

Leichtsilbig und doch markant fängt Jürgen Theobaldy Szenen aus Berns Strassen und Gassen ein.

Keystone

Theobaldy war angesagt, war in. Denn wiederholt gelangen ihm in seinen Texten und Gedichten Bilder und Wendungen, wie man sie in ihrer zart-aufrührerischen, seinerzeit vom wilden Spirit der grossen US-Lyriker jener Zeit wie Kenneth Koch oder Alan Ginsberg inspirierten Dichte hierzulande heutzutage vergebens sucht.

Ein beeindruckender Menschenbeobachter

Bald aber verschwand der Name Theobaldy nach und nach aus den Diskursen um neuere Lyrik und ihre Wirkungsmacht. Und der inzwischen 76-Jährige, dessen Arbeiten lange im renommierten Rowohlt Verlag erschienen waren, publizierte fortan in Kleinverlagen. So neuerdings im Bieler Verlagshaus «die brotsuppe». Dort ist jetzt sein neuer Prosaband «Geschichten im Vorübergehen» erschienen.

Die Sammlung beinhaltet 68 Texte, die uns einen zwar altersmässig in die Jahre gekommenen, in seinem poetischen Zugriff auf die Wirklichkeit aber unverändert jung und bissig gebliebenen, beeindruckenden Menschenbeobachter präsentiert.

«Ans Fenster getreten, atme ich die nächtliche feuchte Luft der Bundesstadt, wo ich die Sprache auf den Strassen und Gassen, in den Kauf- und Wirtshäusern seit Jahren besser verstehe als spreche und wo ich allmählich ein Anwärter auf ein Plätzchen in einem ihrer weit angelegten Friedhöfe zu werden drohe. Dabei mag ich nichts anderes einnehmen als so etwas wie eine Funktion, eben die des Erzählers.»

Mit diesen Worten leitet Theobaldy im Auftaktstück «Auf dem Posten» seine Sammlung bernischer Momentaufnahmen ein. Und nicht selten erinnert er dabei an Botho Strauss’ legendären Prosaband «Paare, Passanten», in dem er ähnlich wie dieser einst leichtsilbig und doch markant Szenen aus der schweizerischen Hauptstadt einfängt und zuspitzt.

Da ist die scheinbar ortsunkundige Schöne, die einen Spaziergänger nach einem Weg fragt, bloss um ihn geradewegs in die Arme ihrer Komplizen zu führen, die ihm sein Geld abnehmen. Oder der Obdachlose, den Polizisten so lange lustvoll filzen und grundlos abführen, dass es dem Erzähler zu bunt wird – und er deren Tun zu einem feinen Stück über alltäglichen Machtmissbrauch verdichtet.

Gelungenes Spätwerk eines grossen Dichters

Gekonnt versteht es Theobaldy, aus seinen Prosaminiaturen ein tiefenscharfes Bild dieser Jahre zusammenzusetzen. Er tut es, ohne das Vorgeführte zu bewerten, lässt die Bilder vielmehr für sich selber sprechen.

Das verleiht ihnen eine beeindruckende epische Spannung, sodass es am Ende über all die im Buch kurz aufleuchtenden und wieder verschwindenden Charaktere heisst: «Oft geht das Wort an andere weiter, Beglückte und Geschundene, für einen kuriosen Ausschnitt aus der Geschichte ihres Lebens, der sich einem Treffen in einem Kaffeehaus verdankt, einer Zeitungsmeldung, einer Beobachtung auf der Strasse, oder er ist frei erfunden, gar geträumt, wo zur Welt der Dichtung auch all das gehört, was nicht der Fall ist.»

In seinen frühen, nicht selten bewusst hölderlinhaft ins «Offene» zielenden Texten erging sich dieser Autor häufig als Mahner und kulturkritischer Beschwörer drohender Eingriffe und Veränderungen in das Soziale. Mit der vorliegenden Sammlung bewegt er sich nun scheinbar ganz im geschlossenen Hier und Jetzt seiner Berner Wirklichkeit.

Wie es ihm dabei dennoch wiederholt gelingt, kleine Fenster in ein utopisches Noch-Nicht zu öffnen, das ist famos und beglückend. Hier ist das gelungene Spätwerk eines grossen Dichters deutscher Sprache zu besichtigen – tun wir es: Es lohnt sich.

Jürgen Theobaldy: Geschichten im Vorübergehen. Verlag die brotsuppe, Biel. 268 S.