Interview

Medienforscherin: «Wenn Teenager gern lesen, ändert auch Netflix nichts daran»

Jugendmedienforscherin Christine Lötscher sieht in Smartphones keine Gefahr fürs Lesen – und in Fantasy den Schlüssel zu neuen Denkansätzen.

Interview: Anna Kardos
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Christine Lötscher. (Bild: Oscar Alessio/SRF)

Christine Lötscher. (Bild: Oscar Alessio/SRF)

Für viele Generationen war Lesen ein erstes Eintauchen in die Erwachsenenwelt. Welche Bedeutung hat es für Jugendliche heute?

Für Jugendliche, die gerne lesen, hat das Eintauchen in die Lektüre die gleiche Bedeutung wie für frühere Generationen. Sie erlaubt es, allmählich eine Welt im Kopf aufzufalten, im eigenen Tempo und mit viel Raum für eigene Gedanken.

Trotzdem lesen weniger Jugendliche.

In der Diskussion um den Rückgang des Lesens geraten oft zwei Dinge durcheinander. Denn lesen mussten Jugendliche noch nie so viel wie heute. Fast jede Tätigkeit am Computer verlangt, dass Texte gelesen werden. Wer ein Videospiel wie «Red Dead Redemption» spielt, muss eine flotte Leserin sein. Wenn also beklagt wird, dass Jugendliche nicht mehr lesen, ist damit immer die Lektüre von Büchern, vor allem literarischer Texte, gemeint.

Interessieren sich nicht alle Jugendlichen für diese Art von Erfahrung?

Das ist so. Weil das Buch längst nicht mehr das einzige Medium ist, das zur Verfügung steht.

Sind Smartphone und Netflix digitales Gift fürs Lesen?

Nein. Wenn jemand gerne liest, ändert auch Netflix nichts daran. Ich sehe immer wieder, wie virtuos gerade weibliche Jugendliche mit den Medien jonglieren. Dass junge Männer ungern lesen, hat eher etwas mit den Werten der Peer Groups zu tun und damit, dass sie nach den unendlich langen Schultagen Bewegung brauchen.

Sind heutige Teenager beim Lesen durch TV-Serien konditioniert? Die meisten Jugendromane sind Serien ...

Serien sind kein neues Phänomen. Und gerade in einer Phase des Einübens von Lesekompetenz sind sie ideal, weil sie den Einstieg in neue Bücher erleichtern: Vieles ist schon bekannt. Ich kenne Leserinnen, die noch mit 16 Fantasy-Serien verschlungen haben und jetzt Germanistik studieren.

Yasare, 16: «Bücher suche ich mir so aus, dass ich etwas aus ihnen ziehen kann und sie mich weiterbringen.» (Bilder: Sandra Ardizzone)
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Nikita, 15: «Fantasy ist eine ganz andere Welt, irgendwie umfangreicher. Darüber kann man gut diskutieren.»
Lena, 12: «In meiner Freizeit lese ich gerne und viel: jeden zweiten Tag etwa 30 Minuten.»
Lukas, 16: «Ich lege auch mal bewusst das Smartphone weg, um Zeit fürs Lesen zu haben.»

Yasare, 16: «Bücher suche ich mir so aus, dass ich etwas aus ihnen ziehen kann und sie mich weiterbringen.» (Bilder: Sandra Ardizzone)

Stichwort Fantasy: 90 Prozent aller Literatur für Jugendliche ist Fantasy. Warum dieser Boom?

Die sogenannt realistische Literatur will die Jugendlichen oft belehren und zu besseren Menschen erziehen. Dagegen wehren sich diese, indem sie andere Bücher suchen – in denen man anhand der Konflikte der Figuren selbstständig über existenzielle Fragen nachdenken kann. Ein weiterer Grund für die Fantastik-Faszination: Es geht immer um die ganz grossen Fragen, Gut und Böse, Leben und Tod, Liebe und Leidenschaft. Das finden Erwachsene mitunter plakativ. Jugendliche aber wollen sich genau an diesen Themen abarbeiten. Man beobachte nur, wie Gespräche am Familientisch innert Minuten in Grundsatzdiskussionen münden ...

Die Jugend heute wird oft als angepasst bezeichnet. Ist Fantasy eine Form von Eskapismus?

Das Sich-Eindenken in spekulative Welten erlaubt tatsächlich einen gewissen «Eskapismus». Aber ich möchte den grossen Fantastikforscher Neil Gaiman zitieren, der fragt, was denn daran so erstrebenswert sei, wenn Kinder und Jugendliche nur mit den harten Fakten der Realität konfrontiert werden und dabei früh lernen, dass man sowieso nichts ändern kann. Diese Einübung in die Alternativlosigkeit finde ich viel angepasster.

Es gibt den viel beschworenen Lese-Knick zwischen 12 und 14. Danach lesen einige, andere nicht mehr.

Die Frage ist erstens, ob man die Erfahrung des Lesens braucht als Teenager und zweitens, ob man die richtigen Stoffe oder Genres findet – Bücher, die einen begeistern. Da können Eltern und Lehrpersonen helfen.