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Interview

Julian Schnabel: «Der Zuschauer ist van Gogh»

Der Künstler und Regisseur Julian Schnabel hat einen Spielfilm über Vincent van Gogh gedreht. Gelungen ist ihm ein berührendes Porträt, das viel über ihn selbst verrät. Im Interview erklärt er, warum er mit seiner Kunst erst nach seinem Tod Erfolg haben wird.
Christina Genova
«Keine Biografie, ein Porträt»: Julian Schnabel. (Bild: DPA)

«Keine Biografie, ein Porträt»: Julian Schnabel. (Bild: DPA)

Julian Schnabel ist ein Bär von einem Mann. Auf Äusserlichkeiten legt der Künstler und Regisseur wenig Wert: Sein Bart wuchert wild und er trägt einen Kapuzenpulli wie zu seinen Zeiten als Surfer. Das Interview findet in der Villa Tobler neben dem Kunsthaus Zürich statt. Im Gespräch spürt man, wie sehr ihm sein Film über Vincent van Gogh am Herzen liegt. Es ist für ihn so etwas wie sein Vermächtnis: Viele seiner Erkenntnisse über Malerei hat er van Gogh in den Mund gelegt. Der 67-jährige Amerikaner ist als Regisseur mittlerweile fast berühmter als als Künstler. 2007 wurde er für «Schmetterling und Taucherglocke» in Cannes als ­bester Regisseur ausgezeichnet.

Ihr Spielfilm über van Gogh ist nach Ihrem Erstling über ihren Freund Jean-Michel Basquiat der zweite über einen Künstler. Worin unterscheiden sich die Filme?

Julian Schnabel: Bei vielen Ereignissen in Basquiats Leben war ich selbst dabei. So musste ich sie nicht konstruieren. Der Film über van Gogh hingegen war wie ein Film über mich selbst. Vermutlich, weil ich mich mit den Aussagen identifiziere, die er über Malerei machte. Häufig fragt man mich, ob ein Film mich verändert habe. Normalerweise verneine ich dies. Aber dieses Mal ist es anders. Van Gogh und seine Gemälde fliessen in mich hinein und aus mir heraus. Es ist wirklich verrückt.

Können Sie etwas erzählen über den Moment, als der Film geboren wurde?

Eines Tages war ich mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière im Musée d’Orsay in Paris in einer Ausstellung über van Gogh und Antonin Artaud. Da kam mir die Idee, dass man eine Struktur finden müsste, um mit jedem ­Gemälde eine Episode seines ­Lebens zu erzählen. Die Szenen könnten so passiert sein oder auch nicht. In der Erkenntnis, dass wir auch etwas erfinden können, lag sehr viel Freiheit. Es ist deshalb keine Biografie, sondern ein Porträt.

Es gibt sehr viele Filme über van Gogh. Was haben Sie anders gemacht?

Es ist kein Film über ihn, sondern der Zuschauer ist van Gogh. Ich denke, dass jeder kreativ Tätige sich mit ihm identifizieren kann. Es geht darum, die eigene Sicht auf die Welt zu vermitteln. Seit ich Maler bin, verstehe ich, wie das zu tun ist.

Man hat den Eindruck, dass van Gogh im Film am glücklichsten ist, wenn er sich in der Natur befindet.

Ja, und wenn er malte. Es gibt den sehr schönen Moment im Film, als er das Porträt von Doktor Paul Gachet malt und zu ihm sagt: «Ich dachte, dass ein Künstler den Leuten beibringen muss, wie sie die Welt sehen müssen. Dieser Ansicht bin ich heute nicht mehr. Jetzt denke ich nur noch über meine Beziehung zur Ewigkeit nach.»

Welches ist Ihr Verhältnis zur Ewigkeit?

Wenn man jung ist, erwartet man den Zuspruch des Publikums. Mit der Zeit begreift man, dass man ihn nicht bekommen wird. Man versteht, dass der Weg das Ziel ist. Heute erwarte ich keinerlei Anerkennung mehr. Ich habe aufgehört, Leute erziehen und ihnen Dinge begreiflich machen zu wollen. Ich bin glücklich damit, meine Werke einfach in die Welt zu setzen. Eines Tages werden sie ihre Wirkung entfalten.

Aber ist es nicht schrecklich, wenn man so wie van Gogh niemals ein Publikum hat?

Das ist der Grund, weshalb Paul Gauguins Brief an van Gogh so schön ist. Darin schreibt er, dass er mit van Gogh ein Gemälde ­tauschen möchte. Van Gogh wird von jemandem Respekt entgegengebracht, der etwas von Malerei versteht. Deshalb war es für ihn auch so tragisch, als Gauguin aus Auvers-sur-Oise abreiste, wo sie eine Zeit lang zusammen wohnten. Van Gogh brauchte den Dialog mit ihm wirklich.

Van Gogh hatte zeitlebens keinen Erfolg, Sie hingegen schon. Was machen Sie besser?

Ich bin nicht besser als er. Ausserdem denke ich, dass ich bis jetzt noch nicht genügend Erfolg hatte. Wenn die Leute herausfinden werden, wie gut meine Gemälde wirklich sind, bin ich schon tot.

Was verändert sich mit dem Erfolg?

Niemand wollte die Gemälde van Goghs. Er kommunizierte nur mit sich selbst. Das war ein Privileg. Was ihm fehlte, war der Dialog mit dem Publikum. Das ist etwas, was ich im Gegensatz zu ihm hatte. Aber wenn ich male, kann ich nicht an ein Publikum denken. Wenn man für Leute mit realen Bedürfnissen malt, malt man nicht für sich selbst. Geld ist die Wurzel allen Übels. Es lenkt einen Künstler ab.

Im Film fragt van Gogh seinen Bruder Theo: Bin ich wirklich ein guter Künstler? Kennen Sie diese Zweifel auch?

Jeder Künstler kennt Momente des Zweifelns. Wollen Sie wissen, ob ich finde, dass ich ein guter Künstler bin? Ja, das bin ich. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und ich habe viele Gemälde gemalt. Manche davon sind nicht grossartig, aber viele sind wirklich gut. Aber wenn ich jene loswerde, die ich nicht mag, kann ich einen Werkkorpus hinterlassen, mit dem ich mich sehr wohl fühle.

Am Ende des Interviews empfiehlt Julian Schnabel dringend einen Besuch im Kunsthaus Zürich. Dort war der Künstler kurz zuvor und hat unter anderem zum ersten Mal das Original von van Goghs Selbstporträt «Mann mit Pfeife»gesehen. Er ist immer noch ganz hingerissen: «Es wird Sie umhauen», verspricht er.

Willem Dafoes Ähnlichkeit mit Vincent Van Gogh im Film ist verblüffend. Bild: DCM

Willem Dafoes Ähnlichkeit mit Vincent Van Gogh im Film ist verblüffend. Bild: DCM

Julian Schnabels Spielfilm «Van Gogh. At Eternity’s Gate» ist ein stiller, sinnlicher Film. Er handelt vom letzten und produktivsten Lebensabschnitt des Künstlers im Süden Frankreichs, in Arles und Auvers-sur-Oise. Psychische Probleme und Armut prägen dort ­seinen Alltag. Glück verspürt der Künstler in der freien Natur und in seiner Malerei. Sein Erleben der Landschaft ist eine fast schon transzendentale Erfahrung. Als Zuschauer sieht man die Welt durch seine Augen, kann sich in seine Seelenlage hineinversetzen und wird eins mit ihm. Willem Dafoe brilliert als van Gogh. Dafür wurde er in Venedig als bester Schauspieler geehrt. Kameramann Benoît Delhomme drehte grösstenteils mit der Handkamera, was stellenweise etwas wackelig daherkommt. Gewöhnungsbedürftig sind auch die Einstellungen mit geteilter Diopterblende. Dabei werden in einem Bild zwei Tiefenschärfen kombiniert. (gen)

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