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Julie Delpy: «Das schockiert nur, weil sie eine Frau ist»

Seit ihr Sohn auf der Welt ist, hat Julie Delpy jeden Tag Angst. Jetzt hat die Französin einen Film gedreht, der Eltern das Fürchten lehrt.
Lory Roebuck
Julie Delpy ist eine von wenigen französischen Schauspielerinnen, die auch in Hollywood Erfolg haben. (Bild: Getty Images)

Julie Delpy ist eine von wenigen französischen Schauspielerinnen, die auch in Hollywood Erfolg haben. (Bild: Getty Images)

Sie würde lange Antworten geben, warnt man uns, die wichtigen Fragen sollten wir also besser gleich zu Beginn stellen. Doch Julie Delpy ist keine Person, der man ins Wort fallen will. Die französisch-amerikanische Schauspielerin spricht im Interview genau wie in ihren Filmen: atemlos, aussschweifend, eindringlich.

Delpy ist ans Zurich Film Festival gereist, um ihren neuen Film «My Zoe» (Kinostart: 14. November) vorzustellen, ihre siebte Regiearbeit. Die 49-Jährige schrieb wie immer auch das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle. Sie spielt Isabel, eine Mutter, die zunächst um das Sorgerecht und schliesslich um das Leben ihrer neunjährigen Tochter Zoe kämpft. Das lässt keinen kalt.

Ihr neuer Film war für mich der pure Horror.

Julie Delpy: Sie haben Kinder, stimmt’s?

Ja. Ich bin dieses Jahr erstmals Vater geworden.

Daniel Brühl, der im Film einen Arzt spielt, hat ähnlich reagiert, als er das Drehbuch gelesen hat. Das war vor ein paar Jahren, als sein Sohn zur Welt kam. Du kannst dein Kind nicht vor allem schützen, furchtbare Dinge geschehen leider jeden Tag. Ich war neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal mitbekam, wie eine befreundete Mutter ihr Kind verlor. Das ist das Schlimmste überhaupt. Ich hatte es deswegen auch nie eilig, Kinder zu kriegen. Mein Sohn kam vor zehn Jahren auf die Welt, und solche Ängste plagen mich seither jeden Tag. All meine anderen Sorgen kriege ich in den Griff, aber diese? Unmöglich! (lacht)

Die Idee zu «My Zoe» hatten Sie bereits vor 25 Jahren – also lange bevor Sie Mutter wurden. Was war der Anstoss?

Das war der Hauch einer Idee. Ich hatte gerade den Film «Trois couleurs: blanc» mit Krzysztof Kieślowski abgedreht und meine Gedanken kreisten danach nur um diese einzige Frage: Wie kannst du gegen das Schicksal ankämpfen? Das ist nun die Kernidee hinter «My Zoe».

Wie nahm diese Kernidee nach der Geburt Ihres Sohnes weiter Form an?

Alles drehte sich nur noch um ihn. Ich konnte nicht anders, als darauf zu fokussieren, wie einzigartig er ist. Und dass es niemanden auf der Welt gibt, der ihn ersetzen könnte. Ein paar Jahre später steckte ich mitten in einem Sorgerechtsstreit um ihn. Das war wieder so eine angsterfüllte Zeit. Würde ich jetzt nur noch ein halbes Kind haben? Würde ich die Hälfte seines Lebens verpassen? In einer solchen Situation musst du die ganze Beziehung zu deinem Kind neu aufbauen. Dein Kind ist noch dein Kind, aber es ist anders als zuvor.

Ihre Filmfigur in «My Zoe» polarisiert. Sie überschreitet zum Wohl ihrer Tochter auch ethische und moralische Grenzen.

Das ist ein weiterer Grund, warum ich unbedingt diesen Film machen wollte. Normalerweise ist es die männliche Hauptfigur, die aufs Ganze geht, koste es, was es wolle. Und es ist die Frau, die dann sagt: «Tu das nicht, du bist doch verrückt, wir müssen uns damit abfinden.» Isabel, meine Filmfigur, tut etwas Bahnbrechendes, etwas Verbotenes – aber das schockiert nur, weil sie eine Frau ist.

Im Film «My Zoe» kämpft Isabel (July Delpy) zuerst um das Sorgerecht und dann auch um das Leben ihrer Tochter Zoe (Sophia Ally). (Bild: Warner Bros.)

Im Film «My Zoe» kämpft Isabel (July Delpy) zuerst um das Sorgerecht und dann auch um das Leben ihrer Tochter Zoe (Sophia Ally). (Bild: Warner Bros.)

Also erzählt «My Zoe» eine bekannte Geschichte, aber aus einer anderen, weiblichen Perspektive?

Genau. Unzählige Filme haben schon von einem Sorgerechtsstreit erzählt, und immer aus der Perspektive des Vaters. Man hat automatisch Mitleid mit ihm. Sogar mein eigener Anwalt sagte mir mal: «Aber du kriegst doch schon das Haus.» Wie bitte? Natürlich kriege ich das Haus, ich habe es bezahlt! (lacht schallend.) Alle denken, Mütter kriegen das Haus, das Kind und das Geld, und manchmal ist das auch so, aber nicht immer. Und ausserdem sind viele Mütter auf Unterhaltszahlungen angeweisen, weil sie weniger verdienen. Wenn wir gleiche Rechte und gleichen Lohn hätten, würde das hinfällig.

War diese dezidiert weibliche Sicht auf Ihren Filmstoff der Grund, weshalb einer Ihrer wichtigsten Finanzgeber aus dem Projekt ausstieg?

Nicht nur. Ich merkte zu spät, dass diese Leute nicht ernstzunehmen waren. In ihrem Herkunftsland gibt’s wohl weniger Gesetze, die Filmemacher schützen. Jedenfalls verlangten sie, dass ich ein Dokument unterzeichne, das es ihnen erlauben würde, den Namen einer unbeteiligten Person als Drehbuchautor zu deklarieren. Das ist doch völlig absurd. Die warfen mir dann vor, ich sei schwierig.

Sie konnten das Geld dann andersweitig auftreiben. Das bedeutet, Sie haben «My Zoe» mitproduziert, geschrieben, Regie geführt und die Hauptrolle gespielt. Ist das nicht brutal stressig?

Natürlich ist es stressig, eine Filmszene zu drehen, in der ich gleichzeitig auch spiele. Aber das ist auch wahnsinnig erfüllend, denn ich kann in diesem Moment meinen Job ausüben, und zwar nach meinen eigenen Bedingungen. Wissen Sie, was mich viel mehr stresst? Das Spiel der Filmindustrie mitzuspielen. Ich stehe schon seit ich vierzehn Jahre alt bin vor der Kamera. Ich wurde während meiner Karriere immer wieder schikaniert, belästigt und bedroht. Als junge Schauspielerin bist du diesem Spiel völlig ausgeliefert, und wenn du nicht mitmachst, hat das negative Auswirkungen auf deine Karriere.

Julie Delpy und der deutsche Schauspieler Daniel Brühl bei der Filmpremiere am 15. Zurich Film Festival. (Bild: Keystone)

Julie Delpy und der deutsche Schauspieler Daniel Brühl bei der Filmpremiere am 15. Zurich Film Festival. (Bild: Keystone)

Welche negativen Auswirkungen?

Ich musste zum Beispiel immer wieder Projekte absagen, um widerlichen Produzenten und Regisseuren auszuweichen.

Sind Sie je an den Punkt gelangt, wo Sie Ihre Filmkarriere hinschmeissen wollten?

Immer wieder. Ich habe mich für einige Zeit aufs Drehbuchschreiben beschränkt, ich habe Musik gemacht, gemalt, Kleider designt. Und einmal wollte ich mich als Innenarchitektin neu erfinden (lacht).

Warum drehten Sie trotzdem weiter Filme?

Wahrscheinlich, weil ich die kreative Seite der Industrie so sehr liebe. Als ich nach einigen Jahren Pause zurückkehrte, fühlte ich mich wie ein neuer Mensch.

Sie sind eine von wenigen französischen Schauspielerinnen, die auch in Hollywood erfolgreich arbeiten. Was war da der Schlüsselmoment?

Der Erfolg von «Before Sunrise» hat mir sicherlich viele Türen geöffnet.

Der von unzähligen Kinofans verehrte Independentfilm kam 1995 in die Kinos, für die beiden Fortsetzungen erhielten Sie je eine Oscarnominierung für das beste Drehbuch.

Genau genommen hatten mein Leinwandpartner Ethan Hawke und ich bereits bei Teil eins die meisten unserer Dialoge selbst geschrieben. Doch wir wurden im Abspann nicht als Autoren aufgeführt. Das macht mich heute noch sauer, ich habe Regisseur Richard Linklater noch nicht vollständig verziehen. Und er weiss das.

Einer der schönsten Liebesfilme aller Zeiten: Julie Delpy und Ethan Hawke 1995 in «Before Sunrise». (Bild: HO)

Einer der schönsten Liebesfilme aller Zeiten: Julie Delpy und Ethan Hawke 1995 in «Before Sunrise». (Bild: HO)

Trotzdem drehten Sie mit Linklater noch die Fortsetzungen «Before Sunset» und «Before Midnight»…

…Ja, und bei diesen Filmen bin ich auch als Autorin aufgeführt, wie es sich gehört.

Die drei «Before»-Filme erschienen jeweils genau im Abstand von neun Jahren im Kino. Nach dieser Rechnung wäre es 2022 wieder soweit. Kriegen wir dann einen vierten Teil zu sehen?

Richard und Ethan haben mir eine Idee für einen vierten «Before»-Film geschickt. Aber sie gefällt mir nicht. Ich habe selbst ein paar Ideen. Aber vielleicht braucht es gar keinen weiteren Film, vielleicht war dieser Sonnenuntergang auf Griechenland der perfekte Schluss für diese langjährige Beziehungsgeschichte. Und ganz ehrlich: Ich weiss nicht, ob da draussen überhaupt ein Publikum ist, das sich dafür interessiert, was eine fünfzigjährige Frau zu sagen hat.

Ist es dann nicht umso wichtiger, dass genau solche Filme gemacht werden?

Ich weiss nicht mal, ob sich Ethan und Richard anhören wollen, was ich zu sagen habe. (lacht.) Aber wir sollten uns wohl unbedingt mal zusammensitzen.

My Zoe Der Film ist am 4. Oktober am Zurich Film Festival zu sehen und läuft ab dem 14. November in den Schweizer Kinos.

Julie Delpy

Delpy kam 1969 als Tochter eines französischen Schauspielerpaares zur Welt. Sie wurde als Vierzehnjährige von Regisseur Jean-Luc Godard entdeckt, der ihr eine Rolle in «Détective» (1985) gab. Dank ihrer Rolle als Nazisympathisantin in «Hitlerjunge Salomon» (1990) von Agnieszka Holland wurde Hollywood auf sie aufmerksam. Delpy zog Anfang der Neunziger zuerst nach New York, dann nach Los Angeles. Der Durchbruch gelang ihr mit «Before Sunrise» (1995), für die beiden Fortsetzungen wurde sie jeweils für den Oscar nominiert. Delpy hat seit 2001 auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ihr Regiedebüt «2 Days in Paris» lief 2007 in den Kinos, seither hat sie sechs weitere Filme realisiert. (lor)

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