Zaubersee-Festival: Jung gebliebene Geigerin wirkt befreit

Im einzigen Konzert mit sinfonischer Grossbesetzung bekräftigte das Luzerner Sinfonieorchester seine erstaunliche Eignung für die Musik von Schostakowitsch. Und Veronika Mullova zeigte ein faszinierendes Luzern-Comeback.

Fritz Schaub
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Die gebürtige Moskauerin Veronika Mullova mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL. Rechts Dirigent Oleg Caetani. (Bild: Ingo Höhn/PD, 25. Mai 2019)

Die gebürtige Moskauerin Veronika Mullova mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL. Rechts Dirigent Oleg Caetani. (Bild: Ingo Höhn/PD, 25. Mai 2019)

Nicht Kammermusik steht am Samstagabend im Zaubersee-Kammermusikfestival auf dem Programm, wie es sein Charakter eigentlich verlangt. Aber sehr wohl eine Musik aus der Zeit um 1919. Und auch zwei russische Komponisten, die unter dem kommunistischen Regime litten, kamen zu Gehör.

Dass die Unterdrückung auch nach Stalins Tod weiterging, zeigt das Schicksal der Geigerin Veronika Mullova. Etwas über 20 Jahre alt, floh die bei Moskau geborene Geigerin aus der Sowjetunion in den Westen und machte dort rasch auf sich aufmerksam. Schon 1986 trat sie erstmals an den Internationalen Musikfestwochen Luzern im alten Kunsthaus auf, ein Jahr nachdem sie das Violinkonzert von Jean Sibelius mit dem Boston Symphony Orchestra unter dem damaligem Chefdirigenten Seiji Ozawa aufgenommen hatte – ein Highlight.

Zehn Jahre nach dem Luzern-Début von Anne-Sophie Mutter erscheint die schlanke Geigerin wie das Gegenbild der jungen «Mutter», die von Luzern aus ihre beispiellose Karriere startete und nicht zuletzt mit schulterfreien Auftritten für Furore sorgte. Denn schlank und sportlich wirkt auch die 60-Jährige noch und mit aufgelöstem Haar und Décolleté sichtlich befreiter. Doch etwas Herbes, Erdiges geht noch immer von ihrem Spiel aus.

Auf ihre Wiedergabe bezogen: Das Rhapsodische und auch das rein Virtuose wird eher zurückdrängt zu Gunsten einer auch in den grossen Aufschwüngen beherrschten Ausdrucksweise. Dabei dringt sie immer wieder in die überraschend vielen Piano- und Pianissimo-Bereiche vor. Hierin folgt ihr das Luzerner Sinfonieorchester nicht immer in gewünschtem Masse. So ist etwa die leise Einleitung der beiden Klarinetten und der beiden Oboen im langsamen, verträumten Mittelsatz zu laut. Auch das Verlöschen am Satzende hat nicht ganz die Magie, die aus der Stille erwächst. Sehr eindrucksvoll bringt der Streicherkörper die dunklen, raunenden Klangfarben hervor, die dem Konzert so sehr die finnische Aura verleihen.

Übergreller Prokofjew

Viel trägt zu dieser Aura die ungewöhnliche Orchesteraufstellung bei: die Bratschen rechts mit den Celli und den Kontrabässen, die ersten und zweiten Geigen links. Das ergibt eine starke Verankerung im Bassfundament. Dies auch in der Orchestersuite, die Sergei Prokofjew aus der 1919, kurz nach der Emigration in den USA entstandenen Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» nach einer Märchendichtung von Carlo Gozzi zusammengestellt hat. Die sechs Sätze beschwören so etwas wie die Atmosphäre der «Balletts russes», die Prokofjews Landsmann Strawinsky zu sei- nen Ballettpartituren inspirierten. Nur, dass hier die Farben noch greller, die Rhythmen noch kantiger und hektischer sind.

Der erfahrene Dirigent Oleg Caetani erreicht mit sparsamer Zeichengebung ein Maximum an Farbigkeit und aggressiver Strahlkraft und animiert die vor allem solistisch geforderten Blechbläser zu Höchstleistungen. Daneben gefallen insbesondere die aus feinerem Holz geschnitzten Sätze, der raffiniert lüpfig daherkommende Marsch und der fast Ravel’sche Anmut verbreitende Satz «Der Prinz und die Prinzessin» mit der vom Flötensolo angestimmten herrlichen Liebesmelodie.

Anklagende Sinfonie

Nirgends wirkt sich die Orchesteraufstellung so ergiebig aus wie in der sechsten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Unheimlich, wie sich der Klagegesang des einleitenden Largos einprägt, als die Bratschen und Celli, von den Hornbläsern «von oben» ergänzt, im Forte gesättigt im Ausdruck den Trauermarsch anstimmen.

Das Luzerner Sinfonieorchester knüpft mit dieser Wiedergabe nahtlos an jene der fünften Sinfonie in den Abo-Konzerten von Mitte Mai an. Auch die sechste Sinfonie entstand unter dem Damoklesschwert der Sowjetdiktatur. Und doch scheint es, der Komponist habe sich hier weniger maskieren müssen. Im aggressiven Scherzo kommen das Können und die Spiellust der Bläser unter dem auswendig dirigierenden Caetani zu ausgelassener Wirkung. Und im Finale herrscht eine rossinische Heiterkeit, bevor die die martialischen Züge überhandnehmen, vom Dirigenten jedoch nicht entlarvend überbetont werden.