«JUST THE WIND», VERLIEHEN VON DER CINÉMATHÈQUE SUISSE, STARTET IM STATTKINO: Viele Filme buhlen um wenig Kinosääle

Läuft einer seiner Filme im Kino, ist die Hauptarbeit für den Filmverleih bereits getan. Ein Blick hinter die Kulissen des Filmbusiness.

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«Just The Wind» hat in der Schweiz keinen Verleiher gefunden. Für «Werke von Bedeutung» übernimmt die Cinémathèque Suisse neustens diese Rolle.

«Just The Wind» hat in der Schweiz keinen Verleiher gefunden. Für «Werke von Bedeutung» übernimmt die Cinémathèque Suisse neustens diese Rolle.

Cannes, vor vier Wochen: Hollywood-Star Leonardo DiCaprio stellt sich auf dem Roten Teppich dem Blitzgewitter der Fotografen. An seiner Seite Baz Luhrmann, der die Titelrolle in seinem jüngsten Film «The Great Gatsby» mit Leo besetzt hat. Es ist Mittwochabend, 15. Mai 2013. Über dem Luzerner Kino Moderne prangt bereits in grossen Lettern «The Great Gatsby – 3-D», denn nur einen Tag nachdem der Film ausser Konkurrenz eines der Prestige trächtigsten Filmfestivals der Welt eröffnet hat, kann ihn jeder im Kino sehen.

16. Februar 2012: «Just The Wind» (Besprechung siehe Box) des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf feiert Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale. Gut ein halbes Jahr später wird er in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film als ungarischer Beitrag für die Oscars eingereicht.

Morgen, 13. Juni 2013: «Just The Wind» läuft für eine Woche im Stattkino Luzern. «The Great Gatsby» startet in seine fünfte Zentralschweizer Kinowoche. Die Diskrepanz sticht ins Auge. Welche Prozesse spielen sich im Vorfeld hinter der Leinwand ab? Wer entscheidet, ob und wann ein Film bei uns startet und wie lange er schliesslich im Kinosaal verbleibt?

Unabhängige und Majors

Jeder kennt sie: die goldenen Grossbuchstaben WB, die für Warner Brothers stehen, der regenbogenfarbene Schriftzug von Disney oder die Erdkugel von Universal. Die Logos der sogenannten Major Studios, die am Anfang einer Hollywood-Produktion über die Leinwand flimmern, sind für uns so selbstverständlich wie die von Post oder SBB. Das besondere an den Majors ist, dass sie sowohl für die Produktion als auch für den Verleih eines Films verantwortlich zeichnen. Man unterscheidet zwischen ihnen und den unabhängigen Filmverleihern.

Der Filmverleih ist das Glied zwischen Produzent und Kinobetreiber. Zu seinen Aufgaben gehören die ganze Vorfinanzierung, das Drucken von Plakaten und Flyern, die Untertitelung – allenfalls die Synchronisation – sowie die Belieferung der Presse mit Informationen und Terminen zur Vorvisionierung. Und der Verleih setzt ein offizielles Startdatum fest. Den Kinobetreibern werden Filmkopien und deren Vorführungsrecht zur Verfügung gestellt. Im Schnitt gehen zirka sechs Franken der Billetteinnahmen an den Verleih.

Der unabhängige Filmverleih erwirbt neben den nationalen Kinorechten auch die fürs Fernsehen, die DVD-Auswertung und Video on Demand. Die amerikanischen Majors als Global Player haben nationale Ableger wie Warner Bros. (Transatlantic) Inc. in Zürich oder die Universal Pictures International Switzerland GmbH, ebenfalls mit Sitz in Zürich.

Zeitunabhängiges DCP

Die Digitalisierung, die nun nahezu in allen Kinos Einzug gehalten hat, hat das Filmbusiness massgeblich verändert. Ein weltweiter Start, wie der von «The Great Gatsby», ist nur deshalb möglich. Einem Schweizer Vertreter eines Major-Studios zufolge dauerte es früher zwei bis drei Monate, bis ein Hollywood-Film in der Schweiz starten konnte. Filme und Material mussten importiert werden. In Italien, Frankreich und England wurden 35-mm-Kopien gezogen – Kostenpunkt: zwischen 1000 und 3000 Schweizer Franken pro Kopie, während eine Hard Disk, ein Digital Cinema Package kurz DCP, gerade mal 100 bis 200 Franken kostet. Heute kann man im Voraus arbeiten. Hat das Kino den Film einmal auf dem Server, ist die Sache geritzt. Die Untertitel können als Textdatei nachgeliefert und eingelichtet werden.

Von speziellen Filmen, wie sie ein Programmkino wie das Stattkino Luzern zeigt, wurden vielleicht drei Kopien gezogen. Das bedeutete, dass ein Film mit fünf bis sechs Wochen Verspätung in Luzern startete, da erst die Arthouse-Kinos in Zürich, Basel und Bern damit beliefert wurden. «Auch von der nationalen Presse konnte man so kaum profitieren», sagt Peter Leimgruber, verantwortlich für die Stattkino-Programmation. War ein Film besonders erfolgreich, wie etwa «Die Frau mit den 5 Elefanten» (2009), musste man halt auf DVD oder Blu-ray ausweichen. Das DCP ist zeitunabhängig und erlaubt es auch kleinen Studiofilmkinos oder Landspielstätten mit den grossen mitzustarten. Hingegen sei ein Film früher länger in den Köpfen gewesen, so Leimgruber. Die Digitalisierung mache das Business noch schnelllebiger.

Einkäufer und Verkäufer

Für den Filmeinkauf fährt Patrick Riesen vom unabhängigen Zürcher Filmverleih Xenix jeweils an die grossen Festivals. «Dort werden bereits die neuen Projekte besprochen, die dann vielleicht am nächsten grossen Festival zu sehen sein werden. In Cannes wurden zum Beispiel Titel genannt, die nach Locarno, Venedig oder auch nach Toronto gehen», sagt Riesen. Mit Filmemachern und Produzenten sei man aber permanent in Kontakt und erhalte Drehbücher für neue Projekte. Finde man das Drehbuch gut, komme es häufiger als noch zu seinen Anfangszeiten vor dreizehn, vierzehn Jahren vor, dass man die Katze im Sack kaufe: Der Erstlingsfilm des Regisseurs hat einem gefallen, das Thema und die Schauspieler sind gut. Viel Arbeit passiert also bereits im Vorfeld. «Am Festival geht es dann eher darum, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden, also einen Film zu entdecken, den man unbedingt verleihen will.» Man stelle sich sein persönliches Programm zusammen, das zu Beginn aus 20 bis 30 Filmen pro Tag bestehe. «Weil parallel so viele Filme laufen, musst du nach 20 Minuten entscheiden, ob du den Film in der Schweiz verleihen möchtest und ob er ein gewisses Publikum ins Kino locken wird.»

Im zeitgleichen Start, den die Digitalisierung ermöglicht, sieht Patrick Riesen eher einen Vorteil für die Majors. Wenn ein Film wie «Fast & Furious 6» oder «Hangover 3» gleichzeitig in 150 Säälen starte, habe es für die kleineren Filme der Unabhängigen schlicht keinen Platz mehr. In den grossen Städten, wozu er filmmässig auch Luzern zählt, halte sich Verdrängungswettbewerb in Grenzen, da es eine klare Trennung zwischen Arthouse und Major gäbe. Wenn man mit einem Independent oder Swiss Film aber auch gleich in kleineren Städten oder Landkinos wie zum Beispiel Sarnen starten wolle, sei alles schon zuprogrammiert. Einen Vorteil im DCP sieht Riesen hingegen, wenn ein kleiner Film wie «Die Kinder vom Napf» oder «Die Wiesenberger» zieht. Die dynamische Kinoprogrammation basiert auf wöchentlicher Rücksprache zwischen Kino und Verleih. Gemeinsam wird entschieden, ob ein Film eine weitere Woche läuft oder abgesetzt wird. Das kann auch dazu führen, dass sich der Start eines Films verzögert.

Cinémathèque schliesst Lücke

Es gibt wahnsinnig viele Filme, die Konkurrenz ist gross und das Filmgeschäft kurzlebiger, darin sind sich die drei Branchenvertreter einig. Dass nun «Just The Wind» überhaupt in Luzern zu sehen ist, ist der Cinémathèque Suisse zu verdanken. Das Schweizer Filmarchiv ermöglicht Kinobetreibern Filme in ihr Programm aufzunehmen, die von den traditionellen Verleihern vernachlässigt werden, weil sie zu wenig rentabel sind. Sie komme aber erst dann ins Spiel, wenn ein Werk von Bedeutung auf dem Markt keine Abnehmer finde, betont die Cinémathèque.Regina Grüter

In einem Dorf in Ungarn wird eine Roma-Familie aufs Brutalste ermordet. Regisseur Bence Fliegauf («Milky Way») erzählt mit eindringlicher Bildsprache, wie die Nachbarsfamilie mit dem Verlust und der latenten Bedrohung umgeht.

Parallel werden die Mutter und die zwei Kinder von der Kamera durch den Alltag begleitet. Während Mutter und Tochter versuchen, ein angepasstes, unauffälliges Leben zu führen, begehrt der Junge Rio leise auf. Der Spielfilm «Just The Wind» basiert auf einer realen, rassistisch motivierten Mordserie und geht extrem unter die Haut.

Als nächsten Film aus dem Katalog der Cinémathèque wird das Stattkino Luzern «Cesare deve morire» zeigen, den Gewinner des Goldenen Bären 2012.reg