KABARETT: Andreas Thiel zielt mit Pointen

Gestern jährte sich der Anschlag auf «Charlie Hebdo». Andreas Thiel trat mit scharfem Intellekt als Schutzweste im Kleintheater auf.

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Andreas Thiel (Bild: pd)

Andreas Thiel (Bild: pd)

Seit seiner Korankritik in der «Weltwoche» will man Andreas Thiel die Satirikerrolle nicht mehr abnehmen. Genauso wie er in der Streitschrift «Der Schatten des Ostens» dem Koran Machtpolitik unter dem Deckmantel Religion unterstellt, wirft man ihm seither politische (rechte) Stimmungsmache vor – unter dem Deckmantel der Satire.

Doch wer ihn deshalb als Prophet der Rechten sieht, macht es sich zu einfach. Thiel ist Anarchist. Er denkt alles vom Anfang und zielt mit zugespitzten Pointen auf unsere Scheinmoral. Thiels Schutzweste: sein Intellekt. In einer Zeit, in der mehr gemeint wird als begründet, kann zu wissen, worüber man redet, matchentscheidend sein: Die Ausfälle eines Schawinski, den Thiel in dessen Sendung als selbstgerechten Egomanen vorführte, sind ebenso wie die aggressiven Interviews im Nachzug des Vorfalls Ausdruck einer kollektiven Hilflosigkeit.

Zuspitzung als Berufsroutine

Nüchtern betrachtet, muss man zugestehen: Thiel trifft seine Ziele. Dass er beim Entwickeln seiner Argumentationslinien nicht immer für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt, kann man dem Publizisten Thiel vorwerfen, nicht aber dem Satiriker. Für den ist Zuspitzung Berufsroutine. Und die, das lernen wir in seinem neuen Programm «Der Humor», komme auf Schweizerdeutsch, dieser Verbindung aus Konjunktiv und Diminutiv, nur als Stumpfsinn heraus.

Thiel argumentiert also zumeist auf Hochdeutsch, aus der gelassenen Haltung eines Menschen, der weiss, woher seine Haltung kommt. Sein neues Programm ist eine art Religions- und Humorunterricht. Thiel erklärt seinen herbeiimaginierten Gegnern – etwa Doris Leuthard – Satire mit allen Waffen der Satire. Er erklärt, warum man rassistische Witze witzig finden kann, ohne mit dem Inhalt einverstanden zu sein, und warum das Gegenteil von Humor Frustration bedeutet. «Politik ist kein Freipass», droht er Leuthard und spiegelt deren fatalen Tweet nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo». Dass er selbst dabei nie moralinsauer wird, ist eines der Geheimnisse für seine Unangreifbarkeit.

Auf Islam und Katholizismus schiesst Thiel neben anderen Religionen am meisten. Das hat weniger mit Thiel zu tun als mit dem Gegenstand: je belehrender das System, desto lustiger seine Vorführung. Thiels jüdischer Grossvater entlastet ihn vorm Antisemitismusverdacht («Juden haben Humor, weshalb ich mich frage, ob Schawinski wirklich Jude ist»), den Deutschen erklärt er Mentalitätsunterschiede («Schweizer sind höflich, Deutsche sind freundlich») und des Schweizers Liebe zur Minderheit, die dieses Volk aus ehemaligen Einwanderern so misstrauisch macht gegenüber anderen Einwanderern.

Thiels Programm geht weit übers Religionsbashing hinaus. «Der Satiriker ist ein schwindelfreier Komiker», sagt er einmal im Laufe des Abends. Thiel hält das Niveau seiner Gegner, da muss man halt manchmal untendurch.

Julia Stephan

Andreas Thiel: «Der Humor», Freitag, 8., und Samstag, 9. Januar, im Kleintheater Luzern.