Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KABARETT: Joachim Rittmeyer: «Erfolgsstücke sind wie treue Hunde»

Joachim Rittmeyer blickt zurück auf über 40 Kabarettdienst­- jahre. Ein Gespräch über sein 20. Programm und das Altern.
Mit ungebremstem Gestaltungswillen: Kabarettist Joachim Rittmeyer (64) im neuen Programm «Bleibsel». (Bild Hilde Eberhard)

Mit ungebremstem Gestaltungswillen: Kabarettist Joachim Rittmeyer (64) im neuen Programm «Bleibsel». (Bild Hilde Eberhard)

Interview Julia Stephan

Joachim Rittmeyer, Sie haben bis heute 20 Kabarettprogramme geschaffen. Ihr Figurenkabinett ist dabei beeindruckend konstant geblieben. Seit wann sind diese schrulligen Kerle Teil Ihres Universums?

Joachim Rittmeyer: Mit dem Figuren­kabarett habe ich erst mit dem 10. Programm begonnen. Davor hatte ich mich mehr aufs klassische Nummernkabarett konzentriert, hatte Themen aufgegriffen, Missstände angeprangert.

Dem politischen Kabarett konnten Sie sich in Ihren Anfängen, die in den 1970ern liegen, vermutlich kaum entziehen ...

Rittmeyer: Ja, damals ging man noch sehr aufklärerisch an die Sachen heran. Die Menschen waren mehr informiert. Heute stehen uns zwar mehr Infos zur Verfügung, aber das Wissen ist zersplittert. Bis auf die News in den Pendlerzeitungen findet man kaum noch kollektiv geteiltes Wissen.

Wie kriegt man als Kabarettist da noch ein Bühnenprogramm ohne Ablaufdatum hin?

Rittmeyer: Das war mitunter ein Grund, warum ich inzwischen auf zeitlose Figuren setze. Ich stelle sie immer wieder in andere Kontexte wie in einer Serie mit mehreren Staffeln.

Werden Ihre Figuren auch älter?

Rittmeyer: Älter werde vor allem ich! Nehmen Sie meinen Wissenschaftler Theo Metzler. Den hatte ich schon als 40-Jährigen im Repertoire. Inzwischen bin ich 64 und habe ihn altersmässig fast eingeholt. Zu diesem Metzler hege ich eine gewisse Sympathie. Er nimmt sich im Alter diejenigen Freiheiten, die viele alte Leute hätten, würden sie sie nur nutzen.

Heute ist man auch mit 60+ noch sehr aktiv. Finden Sie wirklich, alte Menschen nutzen Ihre Chancen zu wenig?

Rittmeyer: Es gäbe so viele Möglichkeiten! Aber viele runden ihr Leben lediglich ab, indem sie auf Reisen gehen.

Sie sind da womöglich privilegiert: Als freischaffender Künstler erfindet man sein Leben ständig neu. Sie haben Übung!

Rittmeyer: Ja, für mich wird das kein Problem sein. Im Gegenteil: Vielleicht muss ich meinen Gestaltungswillen sogar etwas herunterdimmen.

Spüren Sie das Alter auf der Bühne?

Rittmeyer: Früher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob etwas schieflaufen könnte. Heute schon.

Als junger Primarlehrer verweigerten Sie den Militärdienst, verloren Ihren Job und landeten im Gefängnis. Dort schrieben Sie ein Theaterstück. Fast hat man den Eindruck, Sie seien in der Haft zum Künstler gereift.

Rittmeyer: (Lacht.) So einfach war das natürlich nicht! Ich war als junger Primarlehrer gerade ins Leben eingestiegen, wollte die Welt mitgestalten, und dann sollte ich im Militär plötzlich wieder wie ein Automat funktionieren. Da zog ich die Haft vor und betrachtete sie als eine Art Pause, bevor es so richtig losgehen würde. So war es dann auch.

Manche Menschen werden im Militär aus Langeweile zu akribischen Zeitungslesern. Hatten Sie während der Haft Zeit, darüber nachzudenken, was Sie wirklich wollen?

Rittmeyer: Langeweile ist immer ein Übergang zu etwas Neuem. Über diese selbst verordnete Langeweile bin ich zum eigenen Stoff gekommen.

Jüngere Generationen empfinden dieses Gefühl nur noch selten. Warum?

Rittmeyer: Man darf sich heute auf der Meinungsebene fast alles erlauben. Aber das Schlimmste ist, nichts zu tun oder jemanden ins Leere laufen zu lassen. Fragen wie «Was hast du vor?» kommen oft, wenn man das Zurückliegende noch gar nicht verdaut hat. Man hat nicht mehr den Mut, die Dinge ausschwingen zu lassen. Langeweile ist das grösste Tabu unserer Zeit.

Was gewinnt man, wenn man länger an einem Ort verweilt?

Rittmeyer: Je länger man etwas anschaut, desto komischer wird es. Als Kind habe ich oft die Buchstaben von Wörtern durcheinandergewirbelt. Die Wörter sind mir unter der Hand zerflossen. So gehts manchmal mit dem ganzen Leben, wenn man anfängt, die Dinge umzubuchstabieren.

In den 1980er-Jahren haben Sie Spiele entwickelt. Heute immer noch?

Rittmeyer: Ja, ich mag diese Herausforderung! Und ich staune immer, wie viel Fantasie die Menschen haben. Auch wenn sie an der Oberfläche gar nicht so wirken und sehr viele Gemeinplätze rauslassen.

Beim inzwischen vergriffenen Spiel «Schicksack», das Sie mit Urs Hostettler entwickelt haben, spielte man ein ganzes Leben von Geburt bis Tod durch, die schicksalhaften Wendungen zog man in Form von Spielkärtchen. Wie kam das an?

Rittmeyer: Solche offenen Spielanordnungen ohne Vorschriften und Richtig-Falsch-Kriterien können auch schiefgehen. Es gab Menschen, die haben uns dieses Spiel zerstochen zurückgeschickt.

Haben Sie in Ihrem Leben solche Schicksalswendungen erlebt?

Rittmeyer: Ja! Meine Frau habe ich so kennen gelernt! Ich bin im Appenzell an einem Ferienhaus vorbeigelaufen. Und sie hat gerade im richtigen Moment ihren Kopf aus dem Fenster gestreckt. Man muss wissen, diese Appenzeller Fenster sind furchtbar klein. Ich sagte zu ihr: «Da hat jetzt noch niemand rausgeschaut.» Und sie meinte darauf: «Man kommt auch fast nicht wieder aus diesen kleinen Fensterrahmen raus.» Worauf ich meinte, das müsse sie auch nicht.

Ein Flirt.

Rittmeyer: Ja, so ein Flirt ist ja auch ein Spiel. Man muss im richtigen Moment am richtigen Ort sein (lacht).

Bis Mitte der Neunziger haben Sie bei der SRF-Satiresendung «Übrigens» mitgewirkt. Reizt Sie das Medium Fernsehen noch?

Rittmeyer: Ich habe in diesem Nischenformat gerne gearbeitet, habe aber auch gemerkt, dass diese beim Fernsehen oft geforderte Instantunterhaltung nicht so mein Ding ist. Dort muss alles sehr klar sein. Was gesagt wird, wird auch so gemeint. Ich umgehe in meinen Programmen aber bewusst diese Bekennungs- und Meinungspointen im Stil von «Wir sind auch gegen Blocher». Im Fernsehen entzündet man sich an Namen des öffentlichen Lebens. Ich erzähle lieber Geschichten.

So manchem älteren Kabarettisten wirft man vor: Der wiederholt sich. Ihnen auch?

Rittmeyer: Das wäre das Schlimmste!

Läuft man mit dem Erfolg Gefahr, genau das zu tun?

Rittmeyer: Ein Erfolgsstück ist wie ein Hund, der treuherzig an einem hochschaut. Man denkt sich dann: «Den kann ich doch nicht weggeben.» Ich sehe dieses Dilemma bei vielen Promis. Auf dem eigenen Kerngebiet hat man oft nichts mehr zu sagen. Man hat Angst davor, den eigenen Erfolg zu gefährden.

Hinweis

Joachim Rittmeyer: «Bleibsel». Premiere: heute Mittwoch um 20 Uhr im Theater am Hechtplatz, Zürich. Im Herbst auch im Luzerner Kleintheater.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.