KAMMERMUSIK-BOOM: Ganz nah dran an der Musik

Topkonzerte in Luzern und Zug bestätigen den Boom der Kammermusik. Und zeigen, was man von diesem Experimentierlabor für neue Konzertformen lernen kann.

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Sol Gabetta (Violoncello) und Bertrand Chamayou (Klavier) spielen zusammen im KKL.Bild Joachim Schmid

Sol Gabetta (Violoncello) und Bertrand Chamayou (Klavier) spielen zusammen im KKL.Bild Joachim Schmid

Bei klassischen Konzerten denken die meisten zuerst wohl an grosse Sinfonie- oder Chorkonzerte in repräsentativen Sälen wie dem Konzertsaal des KKL Luzern. Darunter können sich auch Leute etwas vorstellen, die in der Regel ganz andere Musik hören. Aber Kammermusik? Das ist, in kleinen Besetzungen, etwas, das sich an Kenner und Insider richtet. So will es das Klischee.

Blühende Nische

Da ist es doppelt erstaunlich, dass die Kammermusik in den letzten Jahren in der Region Luzern einen Boom erlebt. Zum einen, weil Luzern für diesen Bereich trotz KKL nicht über einen rundum idealen Saal verfügt.

Aus diesem Grund fand der Boom zunächst in Nischen auf dem Land statt – in Form von Kleinfestivals, die wie Pilze aus dem Boden schiessen: Vom Boswiler Sommer über die Sommerklänge Zug, Klang Meggen, Seekonzerte Sempachersee, Erstklassik in Sarnen bis zum Stradivari-Festival auf dem Bürgenstock.

Vier Topkonzerte diese Woche

Inzwischen ist der Boom auch in Luzern selbst angelangt. Im Mai setzen gleich zwei Festivals, ähnlich wie die ebenfalls neuen Konzerte im Rosengart-Museum, auf Kammermusik in kleinen Sälen: das Zaubersee-Festival des Luzerner Sinfonieorchesters und das Kammerfestival Tribschen im Salon des Wagner-Museums.

Und diese Woche finden gleich vier hochkarätige Kammerkonzerte mitten im Konzertalltag statt: Im KKL gibt es Rezitals mit der Starcellistin Sol Gabetta und dem Klavier-Shootingstar Khatia Buniatishvili, im Theater Casino, das sich generell mit hochkarätiger Kammermusik profiliert, tritt der Geiger Daniel Dodds im Duo auf. Das Turtle Island Quartet schliesslich spielt im Marianischen Saal ein Programm, das ausschliesslich improvisiert ist und damit beweist, dass Kammermusik mit der Zeit geht und den genannten Klischees diametral zuwiderläuft.

Experimentierlabor

Tatsächlich gibt es wohl kein Musikgenre, in dem Klischees und Realität so weit auseinanderklaffen wie in der Kammermusik. Ein kultiviertes Ritual für ein Bildungsbürgertum, das Experimente scheut? Davon war Kammermusik einst geradezu das Gegenteil. Seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert war sie ein Experimentierlabor für die Avantgarde ihrer Zeit. Beethovens späte Streichquartette etwa, aufgeführt vor kunstverständigen Gönnern, gingen weit über das hinaus, was in Orchesterkonzerten möglich war.

Später begünstigte Kammermusik auch das, was man heute neue Konzertformate nennt. In den Salons des 19. Jahrhunderts begleitete sie zu Speis und Trank gesellschaftliche Zusammentreffen. Und selbst im Konzertsaal sorgte Kammermusik für die Abwechslung, mit der heute Konzertveranstalter ein breiteres Publikum gewinnen möchten. So wurden zu Zeiten von Clara Schumann Lieder oder einzelne Sätze aus Kammermusikwerken ohne Berührungsängste gar mit Darbietungen von Artisten kombiniert.

Wie lässt sich diese Offenheit, dieser Geist des Aufruhrs und der sinnlichen Genüsse für die Kammermusik zurückgewinnen? Einer, der es wissen muss, ist der Cellist Gerhard Pawlica. Vor 17 Jahren etablierte er die erste nachhaltig erfolgreiche – und meist ausverkaufte –Kammermusikreihe in Luzern im 200 Plätze fassenden Marianischen Saal.

Unterhaltsame Avantgarde

Das ist umso bemerkenswerter, als hier neben Hardcore-Klassik immer wieder unkonventionelle Ensembles auftreten. Das Turtle Island Quartet etwa führt mit seiner swingenden Musik zwischen Klassik, Jazz und Impro die Avantgarde-Tradition des Streichquartetts unterhaltsam weiter. In früheren Jahren sprach Pawlica mit «Yello Lounges» (mit DJs mit Klassik-Live-Acts) gezielt ein junges Publikum an. Kann man dieses mit solchen Formen auch für Beethoven & Co. gewinnen?

Die Alterspyramide

Pawlica ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen skeptisch und entwirft eine Art Alterspyramide für Klassik-Quereinsteiger. Demnach hören die meisten bis 35 mehrheitlich Pop-Musik. «Wer dann entdeckt, dass klassische Musik interessant sein könnte, findet den Einstieg meist über Sinfonieorchester», sagt er: «Diese bieten einen leichteren Zugang mit der Monumentalität, die ich manchmal auch schätze, und dem Dirigenten als Identifikationsfigur.»

Von diesen Klassik-Einsteigern entdeckt wiederum nur ein Teil erst später die Kammermusik. Aber auch wenn deren Publikum meist deutlich über 50 ist, hat Pawlica um deren Zukunft keine Angst. Der Grund ist die Menge an «aufregender und toller Musik, die einen umso mehr vom Sockel haut, je näher man als Zuhörer dran ist.» Dass dabei bleibt, wer Feuer fing, zeigt der über all die Jahre und Wechsel hinweg stabile Abonnementen-stamm im Marianischen Saal.

Vom Salon in den Konzertsaal

Einen anderen Weg zeigen die Lunchkonzerte des Luzerner Sinfonieorchesters. Der von der KKL-Küche im Foyer servierte Lunch vor dem Konzert überträgt quasi das kulinarische Salonmodell in moderner Form (Konzertdauer: eine Stunde) auf den repräsentativen Rahmen des KKL. Der Auftritt des Temperamentsbündels Khatia Buniatishvili (im Klavierduo mit ihrer Schwester Gvantsa) verweist auf einen weiteren Kick, den Kammermusik bietet: Das Spektakel einer quasi artistischen Virtuosität, das am Freitag auch das von Ravels «La Valse» gekrönte Programm bietet.

Ein Reiz der Kammermusik liegt eben darin, dass sie nah ran geht und einzelne Individuen quasi solistisch in den Vordergrund rückt. Das Paradebeispiel für solchen Starglamour, der dann doch grosse Säle braucht und füllt, ist diese Woche das Rezital der Cellistin Sol Gabetta mit dem Pianisten Bertrand Chamayou im KKL: Von der attraktiven Erscheinung bis hin zu dem als «Fantaisie Russe» gestalteten Programm (Beethoven, Rachmaninow) ist auch das nicht bloss Musik für Kenner, sondern Verführung pur.

Programme für Individualisten

Von der Gegenseite her kommt Daniel Dodds als Konzertmeister der Festival Strings Lucerne. Diese nämlich verkörpern – ohne Dirigent – ein Orchestermusizieren, das sich nach einem Wort Abbados als gross besetzte Kammermusik versteht und damit Letzterer den Vortritt lässt. Mit dem Pianisten Herbert Schuch spielt Dodds zudem ein handverlesenes Programm, wie es für Kammermusik-Individualisten typisch ist: Unter dem Motto Traumwelten werden Werke von der frühen Romantik Schuberts über Franck und Ysaÿe bis zur zeitgenössischen Mystik Arvo Pärts («Fratres») verbunden.

Kammermusik kann also gerade heute wieder ganz aktuell sein. Was bisher fehlte, ist der Mut zu Programmen wie zu Zeiten Clara Schumanns. Aber das dürfte noch kommen. «Ja, ich hätte grösste Lust, einmal ein solches Programm zu machen!», meint Gerhard Pawlica. Und er sagt es mit jener Leidenschaft und jenem Feuer, das eben typisch ist – für die Kammermusik.

Urs Mattenberger

Die Konzerte

Das Lunchkonzert:

Freitag, 26. April, 12.30, KKL-Konzertsaal: Khatia & Gvantsa Buniatishvili (Klavier); Schubert (Fantasie f-Moll), Gershwin («Porgy and Bess»), Ravel («La Valse»). Lunch im Foyer ab 11.30.
VV: Tel. 041 226 05 15.

Die Individualisten

Sonntag, 28. April, 11.00, Theater Casino Zug: Daniel Dodds (Violine), Herbert Schuch (Klavier). «Traumwelten» von Schubert, Franck, Ysaÿe und Pärt).
VV: Tel. 041 228 05 05

Der Starglamour

Sonntag, 28.April, 11.00, KKL-Konzertsaal: Sol Gabetta (Violoncello), Bertrand Chama-you (Klavier), Beethoven (Zauberflöten-Variationen und Sonate Nr. 3), Rachmaninow (Sonate g-Moll), Servais (Fantaisie sur 2 Airs russes).
VV: Tel. 041 226 77 77

Die Spass-Avantgarde

Sonntag, 28. April, 17.00, Marianischer Saal Luzern: Turtle Island Quartet, «The Art of Groove». VV: info@kammermusik-luzern.ch,
Tel. 041 420 22 73. mat