KAMMEROPER: Trip in die Unterwelt des Kunstbetriebs

Uraufführung am Luzerner Theater: Bei seinem Regiedebüt setzt der Autor und Musiker Jacob Suske (35) auf Provokation.

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Künstlerelend: Hans-Caspar Gattiker als Orpheus in der Kammeroper «Orpheus. Factory». (Bild: PD/Ingo Höhn)

Künstlerelend: Hans-Caspar Gattiker als Orpheus in der Kammeroper «Orpheus. Factory». (Bild: PD/Ingo Höhn)

Sterben gehört in der Oper zum guten Ton. Auf der Bühne schlägt der Tod oft grausam zu. So wundert es wenig, dass auch in der Kammeroper «Orpheus. Factory» von Jacob Suske gestorben wird. Das liegt auch an der Geschichte, die auf dem griechischen Orpheus-Mythos basiert. Dem begnadeten Sänger stirbt seine geliebte Eurydike weg. In seiner Verzweiflung begibt sich Orpheus in die Unterwelt, wo er durch seinen Gesang Hades bewegen konnte, Eurydike ins Leben zurückkehren zu lassen. Allerdings unter der Bedingung, dass sich der Sänger auf dem Weg aus der Unterwelt nicht nach ihr umdrehen durfte. Orpheus drehte sich um, Eurydike verschwand wieder im Hades. Der Sänger selbst kehrte allein in die Welt zurück und wurde später von Mänaden, Priesterinnen aus dem Gefolge von Dionysos, umgebracht.

Mythos aktualisiert

So weit hielt sich Jacob Suske an die mythologische Vorlage. Allerdings hat der Musiktheatermann, Autor und Jazzmusiker das Ganze ein wenig aufgefrischt und in die Gegenwart verlegt. Vor allem hat Suske, der für die Uraufführung seines Stücks im UG des Luzerner Theaters auch gleich seine erste Regie übernommen hat, die Ermordung von Orpheus im Stil der Gräueltaten des IS inszeniert. Säbelschwingende, vermummte Frauen stürmen auf den Sänger los, drücken ihn zu Boden und enthaupten ihn.

Die Szene ist zwar nur als unscharfes Video zu sehen, doch sie fährt wie ein Blitz ins Publikum. Nie wird im Verlaufe des Abends der islamistische Terrorismus ein Thema. Und man fragt sich, wie man sich das aus dem Kontext des Stücks erklären soll. Vermutlich geht das gar nicht. Die Enthauptung wirkt wie eine Provokation, die der Regisseur eingebaut hat, um sein Werk aufzupeppen, ohne Bezug zur übrigen Handlung.

Alles für den Marktwert

Jacob Suske lässt die Geschichte im aktuellen Kunstmilieu spielen. Orpheus ist als Künstler eine taube Nuss, vom Kunstmarkt gekauft und sich selbst überschätzend. Alles, was er als Künstler erreicht hat, hat er Eurydike zu verdanken, seine kreative Quelle, die er rücksichtslos ausbeutet. Eurydike zerbricht an der Situation, wird schwer depressiv und bringt sich schliesslich um. Die Galeristin macht dem selbstmitleidig trauernden Künstler Beine, damit er seine Muse wieder zurückholt und damit sein Marktwert nicht in den Keller saust.

Nach schleppendem Beginn als Beziehungsstück entwickelt sich die Oper zur Farce über Künstlertum und Kunstbetrieb. Ironie ist mit im Spiel (der Weg in die Unterwelt führt über die Kapellbrücke) und natürlich Musik, die für dramatische Stimmung sorgt und die Tragödie begleitet. Gesungen wird auch. Allerdings nicht steinerweichend. Es singen nicht Sänger, sondern Schauspieler, deren Stimmen elektronisch verstärkt werden müssen.

Kurt Beck

Hinweis:

«Orpheus. Factory» von Jacob Suske mit Hans-Caspar Gattiker, Miriam Japp, Lilli Lorenz und David Michael Werner: 3., 4., 6., 12., 18. und 26. Sept. www.luzernertheater.ch