Vor der Verführung dieser Frau war kaum ein Mann sicher

Die Obwaldner Autorin Heidy Gasser erzählt im biografischen Roman «Die Verführerin» das skandalöse Leben einer unglücklichen Frau.

Arno Renggli
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Ausschnitt des Buchumschlags: Laut der Autorin Heidy Gasser sind Gesicht und Haare der realen ­Protagonistin typähnlich wie auf dieser Illustration. (Bild: Vreni Wyrsch, Kriens)

Ausschnitt des Buchumschlags: Laut der Autorin Heidy Gasser sind Gesicht und Haare der realen ­Protagonistin typähnlich wie auf dieser Illustration. (Bild: Vreni Wyrsch, Kriens)

«Oft bin ich beim Schreiben fast verzweifelt», sagt die Autorin Heidy Gasser (62) über ihre Arbeit an diesem Buch. «Gerade weil es so schwierig ist, Verständnis und Sympathie für die Hauptfigur aufzubringen.» Auch bei der Lektüre irritiert und provoziert einen die Protagonistin auf ihren Egotrips, die dabei keine Kollateralschäden scheut. Aber es ist eine packende Psychostudie und Sittengemälde aus dem letzten Jahrhundert.

Autorin Heidy Gasser. (Bild PD)

Autorin Heidy Gasser. (Bild PD)

Und die Geschichte ist wahr. Diese Frau, im Roman Ruth genannt, hat tatsächlich gelebt, in der Zentralschweiz, wie Heidy Gasser verrät, mehr will sie zum Schutz der Familie nicht sagen.

Ein Koffer mit Liebesbriefen

Es waren Ruths Töchter, die Heidy Gasser mit einem Koffer voller Liebesbriefe aufgesucht hatten. Briefe, die ihre Mutter heimlich aufbewahrt hatte, die nach deren Tod ans Tageslicht kamen und den geschockten Töchtern ein völlig anderes Bild ihrer Mutter und der Familie vermittelt haben. Nun baten die beiden Heidy Gasser, dies in einen Roman zu verarbeiten. Die Briefe, viele dann im Buch im Originallaut abgedruckt, bildeten zusammen mit den Erinnerungen der beiden Töchter Heidy Gassers Quellen.

Geistliche als bevorzugte Verführungsopfer

Was für eine Story! Die 1924 ­geborene Ruth, schon als Kind eine durchsetzungsfähige Manipulatorin, wird als noch ganz junge Frau unehelich schwanger. Um einen Skandal zu vermeiden, nimmt man ihr das Kind weg. Es ist dies ein traumatisches Erlebnis, das vieles verständlich macht, was danach passiert – wenn auch kaum alles entschuldigt. Pech, dass Ruth dann den falschen Mann heiratet. Der spiessige, perfektionistische Primarlehrer Alberto passt schlecht zu der Frau, die vor allem nach der absoluten Liebe, ständiger Bestätigung und viel Sinnlichkeit sucht.

Da Alberto nicht in der Lage ist, ihr dies zu geben, sucht sie es anderswo, bei anderen Männern. Wobei sie vor allem Geistliche ins Visier nimmt, die sie meist unter dem Vorwand von spirituellen Nöten aufsucht und ihnen dann buchstäblich zu Leibe rückt. Mit grossem Erfolg, muss man sagen. Die Mehrheit der Männer hat dieser Frau, die offenbar viel Charme und erotische Ausstrahlung hatte, wenig Widerstand entgegenzusetzen.

So geht das über Jahrzehnte, eine Affäre jagt die andere, dokumentiert in besagten Liebesbriefen. Aber Ruth findet nicht wirklich, was sie sucht, diese allumfassende Liebe. Die Männer genügen letztlich ihren Ansprüchen nicht oder wenden sich jeweils auch wieder von ihr ab. Sie bleibt letztlich unglücklich.

Als Mutter eine Katastrophe

Damals zwar ein skandalöses Tun, mag man aus heutiger Sicht die erotischen Sehnsüchte und den fast ans Selfiezeitalter gemahnenden Narzissmus der Hauptfigur nachvollziehbar finden. In diesem Sinne ist Ruth vielleicht in eine für sie viel zu prüde und verschlossene Zeit ­hineingeboren worden.

Was man ihr nicht verzeihen kann: Sie ist eine katastrophale Mutter, interessiert sich nur für «Bébés», wohl aus Kompensation für das erwähnte Trauma, aber nicht für ihre Kinder. Immer wieder lässt sie an diesen ihre Frustration aus, sogar in schockierenden Gewaltausbrüchen. Die Töchter, dieselben, die Heidy Gasser aufgesucht haben, sind tragische Nebenfiguren in einer Geschichte, die verstört, berührt und lange nachhallt.

Heidy Gasser: Die Verführerin. Bildfluss Verlag, 175 S., 40 Fr.