Kaum zu fassen: Alain Berset erlebte am Eröffnungskonzert des Lucerne Festival den «Schock des Alten»

Am Freitagabend sprach Bundesrat Alain Berset am Eröffnungskonzert des «Life Is Live»-Festivals über Corona. Anschliessend trotzte das von Herbert Blomstedt geleitete Lucerne Festival Orchestra der Krise.

Urs Mattenberger
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Bundesrat Alain Berset bei seiner Eröffnungsansprache im KKL Luzern.

Bundesrat Alain Berset bei seiner Eröffnungsansprache im KKL Luzern.

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival (Luzern, 14. August 2020)

«Das ist wahrscheinlich der Schock des Alten», sagte Bundesrat Alain Berset am Freitag in seiner Ansprache zur Eröffnung des Lucerne Festival im ausverkauften Konzertsaal des KKL Luzern: «Wir sind hier tatsächlich wieder in einem Konzertsaal versammelt: Echte Menschen, dreidimensional, leibhaftig anwesend. Es ist kaum zu fassen».

Vor den leeren Stühlen des coronabedingt auf 35 Musiker geschrumpften Lucerne Festival Orchestra und zu den 950 Besuchern im ausverkauften und trotzdem nur halbvollen Konzertsaal sprach Berset über mögliche Folgen der Corona-Krise für die Gesellschaft und insbesondere auch die Kultur. Begrüsst wurde er seinerseits von Markus Hongler, der als Stiftungsratspräsident von Lucerne Festival versprach, das Festival plane für 2021 wieder ein vierwöchiges Programm, allerdings «mit Vorsicht». Und der sich erfreut zeigte, dass mit dem Kurzfestival «Life Is Live» wenigstens während zehn Tagen Konzerte auf dem Programm stehen, nämlich bis zum 23. August.

Das Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Herbert Blomstedt. Am Klavier Martha Argerich.

Das Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Herbert Blomstedt. Am Klavier Martha Argerich.

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival (Luzern, 14. August 2020)

Alain Berset liess sich, wie an den Medienkonferenzen auch, durch aktuell steigende Fallzahlen nicht aus der magistralen Ruhe bringen. Die bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Welt der letzten Monate hätten «eine verstörende und gleichzeitig aufklärerische Wirkung» entfaltet, auch weil die unmittelbar erlebte Kultur abhanden kam: «Wir haben es seit jeher rituell beteuert – aber jetzt haben wir es wirklich erlebt: Ein vitales Kulturleben gehört zu den Fundamenten einer jeden Gesellschaft. Wir brauchen Kultur – verschiedene Perspektiven, originelle Einsichten, Unterhaltung ebenso wie das ernsthafte Spiel mit Identitäten. In der Schweiz gelte das sogar ganz besonders, weil wir eine vielfältige Nation sind, deren Sprachen und Kulturen sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen: Wir brauchen Kultur, weil wir selber definieren müssen, was uns verbinden soll».

Und was uns verbindet, erlebten wir immer noch am intensivsten, wenn es live in unserer Anwesenheit geschieht – im Theater, im Konzertsaal, im Stadion, im Museum. «Präsenzkultur sei deshalb eine weitere Wortschöpfung aus Coronazeiten, die uns vielleicht erhalten bleibe. Dass in der Schweiz die Kultur in dieser existenziellen Krise vergleichsweise stark unterstützt werde, entspreche deshalb «einem breiten politischen Konsens». Ob aber dieses Bewusstsein für die Unverzichtbarkeit der Kultur auch nach dieser Krise noch so stark sein werde, sei nur zu hoffen.

Das Verbindende habe in der Corona-Zeit überhaupt «eine unverhoffte Renaissance erlebt»:

«Diese ziemlich schweizerisch anmutende Dialektik von Nähe und Distanz wird uns noch länger begleiten.»

Aber ob nach dieser Krise der Gemeinsinn so stark bleibt oder ob die Ungleichheit und die zentrifugalen Kräfte noch stärker werden als zuvor – das ist für Berset die grosse – und völlig offene – Frage der nahen Zukunft.

Zu den positiven Aspekten der Krise zählte der Bundesrat auch, dass das «Interesse an der Wissenschaft» wieder zugenommen und das «seit einiger Zeit schwindende Vertrauen in Fakten» gebremst habe. «Fast scheint es, als seien wir angesichts des Ernstes der Lage selber wieder ernsthafter geworden».

Ohne die Verwirrungen und Informationspannen der letzten Monate anzusprechen, räumte Berset ein, dass auch die Politik ein «Entdeckungsverfahren» nach dem Prinzip von «Versuch und Irrtum» praktiziere. Auch wenn man das in der Schweiz gern als «Durchwursteln» bezeichne, sei es von wissenschaftlichen Verfahren gar nicht so verschieden: «Man entscheidet ständig über Dinge, die eigentlich noch nicht entscheidungsreif sind. Denn das Virus gibt den Takt vor. Da darf man nicht zu viel Angst haben vor Fehlentscheidungen, sonst ist man gelähmt. Und nicht zuletzt geht es darum, zu sagen, was man weiss – und auch zu sagen, was man nicht weiss. Also um Bescheidenheit angesichts einer unsicheren Situation.»

Zum Schluss wies Berset auf die entscheidenden Fragen hin, mit denen uns das Virus konfrontiere: Wie gehen wir mit Unsicherheit um? Werden wir kreativer und rationaler? Oder werden wir defensiver und misstrauischer? Macht uns die Unsicherheit mutig oder ängstlich? Jeder Einzelne, jede Gesellschaft, jedes Land müsse auf diese Fragen eine Antwort geben. Und nur schon, dass wir uns diese Fragen stellen müssen, halte er für einen Fortschritt.

Bemerkenswert war der erste Auftritt von Alain Berset an einer Grossveranstaltung mit 1000 Teilnehmern auch deshalb, weil er in der Corona-Medienkonferenz diese Woche betont hatte, dass man bei Grossveranstaltungen unterscheiden müsse zwischen «Rockkonzert, Oper oder Fussballspiel». Berset wollte in Luzern zwar kein Signal dafür setzen, dass bestuhlte Konzertsäle vergleichsweise unbedenklich seien, sagte sein Kommunikationschef Peter Lauener auf Anfrage. So verstehen konnte man es trotzdem. Und dass sich Sicherheitskonzepte in einem grossen Konzertsaal wie dem des KKL gut umsetzen lassen, zeigte der reibungslose Ablauf des Konzerts.

Obwohl der Saal erstaunlich voll wirkte, blieben zwischen den Besuchergruppen etliche Sitzplätze frei. Die innerhalb des Konzerttrakts des KKLs obligatorischen Masken wirkten schon fast selbstverständlich, und selbst beim Verlassen verhinderte der flüssige Ablauf dichte Stauungen. Der Applaus für Berset und die Standing Ovation für die Musiker war denn auch so enthusiastisch, als feierte das Publikum sich auch ein bisschen selbst.

Die Trompeter Reinhold und Friedrich und Wim Van Hasselt nach dem Konzert.

Die Trompeter Reinhold und Friedrich und Wim Van Hasselt nach dem Konzert.

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival (Luzern, 14. August 2020)

Die Orchestermusiker, darunter auch dieses Jahr prominente Solisten wie der Trompeter Reinhold Friedrich, musst Masken nur im Backstage-Bereich tragen. Und das Orchester befeuerte unter der Leitung von Herbert Blomstedt mit Beethoven und Stargast Martha Argerich am Flügel die Emotionen derart innig und energisch, als gäbe es kein Corona. Auch da wirkte der Schock des Alten ganz neu.

Festival «Life Is Live», bis 23. August: www.lucernefestival.ch

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