Keine Visitenkarte vom Chef

Drucken
Teilen

Festival mat. Die Kammerkonzerte des Lucerne Festival Orchestra (LFO) sind Visitenkarten für dieses Orchester von Freunden. Gleich doppelt hätte das für das Kammerkonzert gelten können, mit dem das Festival am Sonntag auf der Seerose des Gästivals in Alpnachstad gastierte.

Gäste aus dem Gewandhaus

Da war das Leipziger Streichquartett angekündigt, das nicht nur im LFO mitspielt, sondern aus dem Gewandhausorchester Leipzig hervorgegangen ist: jenem Orchester, das für eine traditionsreiche Orchester-Klangkultur steht und dessen Chefdirigent Riccardo Chailly ab nächstem Jahr auch das LFO leitet. So versprach man sich indirekt auch eine Visitenkarte von dessen neuem Chef.

Aber es kam anders. Das Quartett trat nur in reduzierter Trio-Formation auf. Das Trio-Repertoire reichte nicht einmal für eine knappe Stunde Musik. Und der Cellist wies zwar auf die kommenden Konzerte des LFO hin. Aber er vermied in seinen ausgedehnten Zwischenmoderationen zur grossen Musiktradition Leipzigs aktuelle Bezüge, wie sie die neue Verbindung zwischen Leipzig und Luzern nahegelegt hätte.

Wenig Profil, keine Zugabe

So war das Konzert doch keine Visitenkarte des neuen Chefs. Und das war unter den gegebenen Umständen vielleicht besser so. Denn die drei Streicher betörten zwar in Stücken von Bach (mit Präludien und in der Bearbeitung von Mozart) mit einer warm und reich timbrierten Klangkultur, blieben aber stilistisch unaufgeregt und etwas profillos in der Mitte zwischen barocker Tanzlust und romantisierendem Wohlklang.

Ein Kernstück war die dis-Moll-Fuge aus dem ersten Teil des «Wohltemperierten Klaviers»: Nach deren zügiger Wiedergabe war selbst Hanns Eislers vital musiziertes Präludium mit Fuge über B-A-C-H kein Bruch, während die romantische Klanglichkeit sich natürlich zu Schuberts Streichquartett-Satz in B-Dur verlängerte. Selbst für ein lauschiges Abendkonzert, bei dem sich die Akustik der Seerose trotz eindringender Verkehrsgeräusche bewährte, blieb das unter den Erwartungen auch des zahlreich erschienenen Publikums, das sich hartnäckig, aber vergeblich eine Zugabe zu erklatschen suchte.