«Klub der jungen Dichter»
Der neue Jurypräsident: «Kinder können Geschichten aus ihrem eigenen Leben schöpfen»

Der Luzerner Kinderbuchautor und Coach Bruno Blume ist der neue Jurypräsident des «Klubs der jungen Dichter». Aufgrund einer persönlichen Besonderheit denkt und arbeitet er auf einen ganz spezielle Weise.

Arno Renggli
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Bruno Blume: «Die Art zu schreiben hat sich mit den sozialen Medien verändert.»

Bruno Blume: «Die Art zu schreiben hat sich mit den sozialen Medien verändert.»

Bild: Esther Studerus

Bruno Blume, viele Schulkinder sowie auch Lehrpersonen kennen Sie von Ihren Büchern und Ihren Auftritten bei Klassen. Aber einige unserer Leserinnen und Leser wissen noch wenig über Sie. Wie würden Sie sich selber kurz beschreiben?

Ich bin von ganz innen heraus Geschichtenerzähler, so bin ich zu den Büchern gekommen. Ich mag es humorvoll und engagiert, ob ich diskutiere, schreibe oder Häuser saniere. Und ich bin Asperger-Autist, der immerzu die Welt hinterfragt.

Bitte erklären Sie uns, was Asperger-Autist bedeutet.

Unsere autistische Wahrnehmung ist anders; wir sind vertrauensvoll und ehrlich (was oft als unhöflich empfunden wird) und meist besonders gut im Denken und Beobachten. Aber das Spektrum ist extrem breit: Aspergerinnen und Asperger sind unterschiedlich, manchmal auch gegensätzlich, etwa in Mathe: Da gibt es richtige Cracks, aber auch Totalverweigerer. Ich selber bin ein Zahlenmensch.

Inwiefern beeinflusst es Ihr Leben und Ihren Alltag?

Menschen mit Asperger-Autismus ecken stark an. Und entwickeln darum Anpassungsstrategien – Mädchen in der Regel erfolgreicher als Jungen. Diese Strategien gilt es, als Erwachsene zu hinterfragen und anzupassen. Das ist ein langer, oft schmerzhafter Prozess.

Die Frage lautet: Wie viel (Asperger-)Persönlichkeit lebe ich aus und wie viel Risiko gehe ich damit ein, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Die meisten Betroffenen sind zudem hochsensibel. Wir würden die Welt anders einrichten: weniger laut, weniger grell, dafür sozialer und offener.

Sie übernehmen die neue Aufgabe als Jurypräsident des «Klubs der jungen Dichter». Was motiviert Sie?

Vielen Kindern liegt das Aufsatzschreiben in der Schule mässig. Das heisst aber nicht, dass sie nicht schreiben können. Ich möchte vor allem das freie, unkonventionelle, literarische Schreiben fördern. Die Kinder und Teens sollen verstehen, dass sie die Weiten des Schreibens ausloten und aus ihren eigenen Tiefen schöpfen können. Es geht nicht primär darum, eine Aufgabe zu erfüllen.

Wettbewerb: Schreib auch du eine Geschichte!

Zum diesjährigen «Klub der jungen Dichter» haben wir vier Textanfänge zur Auswahl vorgegeben. Mitmachen können Schülerinnen und Schüler vom 4. bis zum 9. Schuljahr. Für die besten Geschichten gibt es tolle Preise, zudem werden die Texte in unserer Zeitung publiziert. Teilnahmeschluss ist der 21. Oktober. Alle weiteren Infos unter: luzernerzeitung.ch/dichter

Ihre eigenen Bücher richten sich ja vor allem an Kinder und Jugendliche. Was interessiert Sie daran besonders?

Kinder und Jugendliche sind noch nicht festgelegt in ihren Wünschen und Vorstellungen. Es fällt mir leicht, sie zu begeistern, ihr Denken anzuregen und ihre Gefühle zu wecken. Sie lassen sich im besten Sinn von Geschichten verführen.

Oft heisst es, dass sich Kinder und Jugendliche immer weniger fürs Lesen interessieren. Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Schulbesuchen? Gehen Sie mit einer besonderen Art Ihres Auftretens darauf ein?

Ich finde nicht, dass die Jungen sich weniger fürs Lesen interessieren. Sie werden aber stärker als früher davon abgelenkt. In meinen Lesungen will ich sie begeistern, verwundern und ihnen zeigen, dass sie sich selbst und ihre Fragen ans Leben in Büchern wiederfinden. Der vielleicht wichtigste Aspekt ist dabei, dass wir in den Lesungen gemeinsam lachen und staunen.

Wenn wir nochmals auf das Asperger-Syndrom zurückkommen: Hat dieses auch positive Aspekte – gerade für Ihre Arbeit als Autor?

Ich denke, gerade darum bin ich Autor geworden. Weil ich extrem viel auf mich selbst zurückgeworfen war. So entstehen meine Geschichten meist an der Grenze zwischen persönlicher und allgemeiner Wahrnehmung. Schon als Kind habe ich viel gelesen. Nicht nur, um das Alleinsein auszufüllen. Sondern auch, um mir soziale Verhaltensmuster anzueignen, die ich nicht wie «normale» Menschen gelernt hatte. Meine Art wurde als provokant empfunden, was mich zum Aussenseiter machte. So halte ich das viele Alleinsein als Autor sehr gut aus, ja brauche es sogar.

Sie beraten andere Betroffene. Wie kam es dazu?

Ich erkenne sie leicht und verbinde mich gern mit ihnen. Mit den Erfahrungen als fünffacher Familienvater, Lehrer und Autor, der öffentlich auftritt, kenne ich die Problemfelder von verschiedenen Seiten. Ich will Aspergerinnen und Aspergern Mut machen, aus gesellschaftlich vorgegebenen Rollenmustern auszubrechen, die für uns nicht passen.

Wenn junge Menschen schreiben: Gibt es Dinge, die dabei auffallen. Stärken? Oder typische Mängel, die man leicht beheben könnte?

Gemäss Erfahrungen in meinen Schreibwerkstätten fällt es den schwächeren Kindern schwer, einen Text zusammenhängend zu verfassen. Da hilft es, diesen jemandem vorzulesen und dann zu fragen, was angekommen ist. Worüber ich oft staune, ist der Wortschatz von Kindern; sowohl über geringen als auch breiten.

Wie hat sich deren Themenwelt entwickelt, was steht vor allem im Fokus, auch im Vergleich zu früher?

Ich führe seit 23 Jahren Schreibwerkstätten durch und stelle kaum thematische Veränderungen fest. Anders bei der Art zu schreiben: Die hat sich mit den sozialen Medien entwickelt: Kinder haben ein breiteres Repertoire an Erzählhaltungen, an Möglichkeiten, wie sie ihre Geschichte erzählen.

Was erhoffen Sie sich von den Geschichten des «Klubs der jungen Dichter»? Und wollen Sie unseren jungen Autorinnen und Autoren noch drei Tipps für einen möglichst guten Text geben?

Ich hoffe, dass wir ganz unterschiedliche Texte erhalten, die auch einigen Humor aufweisen. Wir haben die Themen, die Satzanfänge breit aufgestellt, sodass für alle etwas Anregendes dabei sein sollte. Meine Tipps:

1. Schreibt persönliche Storys! In eurem Umfeld kennt ihr euch so gut aus, dass ihr darin Figuren lebendiger und Handlungen glaubhafter gestalten könnt.

2. Schreibt nichts, was ihr schon gelesen oder gesehen habt, sondern etwas Einzigartiges!

3. Wagt etwas! Fragt euch nicht, ob das, was ihr schreibt, gut ist oder ob es gewinnen wird, sondern habt Spass beim Schreiben. Überrascht uns, bringt uns zum Fürchten, Lachen und Staunen!

Bruno Blume und seine Bücher

Bruno Blume, in Zug aufgewachsen und heute in Luzern lebend, ist seit 20 Jahren Autor. In erster Linie schreibt er Bücher für Kinder und Jugendliche. Zuletzt erschienen ist «Meine grössten Erfolge in der Liebe». Darin erzählt er von einem kleinen Kerl, der um die Liebe der Mädchen wirbt und dabei immer wieder alles vermasselt. Das bietet Witz, zeigt aber auch auf berührende Art die Bedeutung der Liebe, etwa seitens der Eltern. Bruno Blume hat einen eigenen Verlag, den kwasi Verlag. Hier ist gerade das Kinderbuch «Kaya Kompliziert» von Noëmi Sacher und Tanja Stephani erschienen. Es thematisiert einfühlsam und humorvoll kindliche Zwangsstörungen.

Vernissage des Kinderbuchs «Kaya Kompliziert»: Freitag, 24.9., im MaiHof Luzern. 15 bis 18 Uhr: Stündliche Lesungen für Kinder/Eltern. Ab 19 Uhr Lesung für Erwachsene mit der Autorin und Bruno Blume.