Fragwürdige Song-Inhalte: Wenn Kinderchöre von Kokain singen

Lieder landen auf dem Index, Texte werden öffentlich diskutiert. Sexismus, Gewalt- und Geldverherrlichung kommen in vielen Songs vor. Die Gesangslehrerin und Musikerin Alessandra Murer hinterfragt diese Lieder in Schulen und Chören durchaus kritisch.

Interview: Jana Avanzini
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Sie tastet sich mit der Musik gerne an Grenzen: Alessandra Murer im Singsaal der Musikschule in Stans.

Sie tastet sich mit der Musik gerne an Grenzen: Alessandra Murer im Singsaal der Musikschule in Stans.

Bild: Dominik Wunderli (Stans, 12. Dezember 2019)

Alessandra Murer ist Sängerin und Gesangslehrerin. Die 34-Jährige lebt in Luzern, singt in verschiedenen Bands, unterrichtet in Stans, Stansstad und Dallenwil und leitet zwei Kinderchöre und einen Erwachsenenchor. Rund 900 Songs hat sie in den vergangenen vier Jahren im Einzelunterricht mit Schülerinnen und Schülern zwischen 8 und 58 Jahren gesungen. Einige davon auch mit fragwürdigen Inhalten.

Wir haben im Kinderchor früher Kirchenlieder gesungen, klassische Stücke, Traditionelles und wenn es hochkam mal etwas von Abba oder Cats. Inwiefern hat sich das verändert?

Alessandra Murer: Auf dem Plan stehen noch immer Künstler wie Abba, Queen oder die Beatles. Doch viele Lehrpersonen gehen heute vermehrt auf Wünsche von Schülerinnen und Schülern ein – entsprechend werden auch Songs aus den Charts gesungen. Selena Gomez und Ariana Grande, die grossen Diven Lady Gaga oder Adele. Loredana wurde auch schon gewünscht. Aus dem Deutschsprachigen ist Capital Bra sehr beliebt.

Capital Bra ist nun nicht gerade ein Künstler, dessen Texte man als pädagogisch wertvoll bezeichnen würde. Wie gehen Sie mit solchen Wünschen um?

Wenn ein Kind sich ein Lied mit Texten aussucht, welche ich als Lehrperson als grenzwertig empfinde, dann sage ich das auch. Capital Bra hat ganz klar gewaltverherrlichende und sexistische Texte: «Bin der Täter, heute ein Star. Sie leckt an meinem Yarak (türk. Penis) und ich an meinem Paper. Spiel mit der Bitch wie ne Barbie», sind Stellen aus einem Song, den sich beispielsweise eine Schülerin im Einzel-Gesangsunterricht wünschte.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben das Lied gesungen, jedoch unter Vorbehalt, dass sich die Schülerin mit dem Inhalt auseinandersetzt. Ich werte den Song nicht, indem ich ihn grundsätzlich ablehne, aber ich fordere die Schülerin dazu auf, den Text durchzugehen und anzustreichen, was sie als problematisch wahrnimmt. Ich sage, dass ich im Text grenzwertige Stellen wahrnehme. Sei das gewaltverherrlichend, düster, selbstzerstörerisch, sexistisch. Und ich versuche das Bewusstsein der Kinder zu schärfen.

Um welches Bewusstsein geht es da?

Ich mache ihnen klar, dass Musik eine Kunstform ist. Damit hat sie auch die Freiheit, an Grenzen zu gehen, sie zu überschreiten. Ich zeige auf, dass es sich um Überzeichnung handelt, um Provokation, oder darum, eine Fantasie in der Kunst auszuleben. Manchmal auch bloss um einen Hype – wie aktuell bei der Geldverherrlichung und dem Thema Status. Songs sind oft autobiografisch inspiriert, doch sie sind keine Tagebücher. Ich versuche zu vermitteln, dass Musikerinnen und Musiker ihr Leben nicht so führen, wie sie es vielleicht in Songs darstellen. Hoffe ich zumindest. (Lacht.) Oder wenn doch, dass es nicht positiv oder gar legal ist, so durchs Leben zu gehen.

Wo unterscheidet sich dabei Ihre Haltung als Privatperson von der als Lehrperson?

In einigen Punkten. Ich als Privatperson mag auch Künstlerinnen und Künstler mit provokativen und grenzwertigen Texten – wenn diese zum Nachdenken anregen – wie bei Faber beispielsweise, den ich toll finde. Doch als Lehrerin stellt mich seine Musik vor Herausforderungen. Mit Kindern würde ich solche Texte nicht unreflektiert singen.

Findet die ältere Generation die Musik der Jugend nicht immer verstörend? Die Beatles waren schon des Teufels, Elvis Presley verdarb die Jugend, Metaller waren Satanisten per se und heute ist alles sexis- tisch und gewaltverherrlichend.

Das stimmt teilweise natürlich. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Früher war Provokation in der Musik mit der Überwindung von konservativen Wert- und Weltvorstellungen verbunden. Es war Rebellion, Befreiung. Doch wovon will sich die heutige Musik befreien, was will sie überwinden? Oft zementieren und reproduzieren diese Texte alte Bilder, und oft geht es nur ums Provozieren. Gerade Hip-Hop, der früher teilweise sehr politisch war, wirkt heute oft auf verwirrende Weise rückständig und sexistisch. Diese Musik spiegelt die Gesellschaft in ihrer Verherrlichung von Geld und Status.

Wie wichtig ist eine Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Musik im Musikunterricht?

Aus meiner Sicht gehört ein Mindestmass an Auseinandersetzung mit den Texten dazu, sei das ein Blick auf die Kernaussage des Songs, das Thema. Besonders bei deutschen Texten kann man den Text auch einfach inhaltlich durchgehen. Ein Problem dabei ist, dass uns im Musikunterricht neben Singen, Rhythmuslehre, Noten- und Instrumentenkunde oft die Zeit dafür fehlt.

Gibt es negative Rückmeldungen von Eltern auf zeitgenössische Lieder, die in Chören oder im Einzelunterricht gesungen werden?

Ich habe noch keine erlebt. Ich fand gewisse Texte in Songs bedenklich, die in Kinderchören gewünscht worden sind. Es wurde jedoch nie zum Thema. Wenn Neunjährige im Chor im beliebten Song SOS von Avici die Zeile «a pound of weed an a bag of blow (Kokain)» singen, dann finde ich das schon recht seltsam. (Lacht.) Doch oft ist es so, dass auch Erwachsene bei englischen Songs gar nicht hinhören. Das Bewusstsein für die Inhalte ist auch bei den Eltern nicht grösser als bei den Kindern. Es gibt natürlich auch die Option, gewisse Textstellen umzuschreiben. Das wird aber meist nur gemacht, wenn das Wort «fuck» auftaucht. Was auch nicht gerade selten ist.