KINO: Alles ausser Langeweile

«Monsieur & Madame Adelman» erzählt die erfrischende Liebesgeschichte eines Schriftstellers ­ und seiner Muse. Obwohl die Verhältnisse da nicht immer ganz klar sind.

Regina Grüter
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Adelman (Bild: Filmcoopi)

Adelman (Bild: Filmcoopi)

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Lustig und intelligent seien sie, die jüdischen Autoren, und damit die besten der Welt. Der angehende Schriftsteller Victor ist zum ersten Mal bei den Eltern seiner neuen Freundin Sarah Adelman zu Besuch. Die Worte des Schwiegervaters in spe lösen alle Blockaden: «Ich fühle mich als Jude!», erklärt Victor, nennt sich fortan Adelman und schreibt deren Familiengeschichte nieder in einem schöpferischen Exploit. Auf einen Schlag ist er ein berühmter Schriftsteller. Aber hat sich das alles tatsächlich so und nicht anders ereignet?

Der Film «Monsieur & Madame Adelman» beginnt klassisch – Sarah erzählt einem Journalisten an Victors Beerdigung ihre 45-jährige gemeinsame Geschichte –, ist aber in der Folge alles andere als konventionell.

Man blendet zurück ins Jahr 1971, als Victors und Sarahs Liebesgeschichte in einem schalen Nachtclub ihren Anfang nahm. Die Literaturstudentin muss den Möchtegern-Schriftsteller aus gutem Haus erst für sich gewinnen. Das tut sie ganz à la française, indem sie ihn eifersüchtig macht, erst mit dem besten Freund, dann mit dem Bruder.

Geistreiche Ironie, ­tiefgründige Ernsthaftigkeit

«Monsieur & Madame Adelman» ist eine Liebesgeschichte und Chronik einer Ehe. Der französische Film atmet den Zeitgeist der vergehenden Jahre – die Ausstattung ist einfach grossartig –, die Politik dringt über das Radio ins Private.

Nicolas Bedos und Doria Tillier, auch im wirklichen Leben ein Paar, haben zusammen das Drehbuch geschrieben und spielen die Hauptrollen gleich selber. Regie führte Bedos, in Frankreich ein bekannter Autor für Theater, Fernsehen und Film, Kolumnist, Schriftsteller und Schauspieler. Tillier ist Schauspielerin. «Monsieur & Madame Adelman» ist also ganz und gar ihr Film.

Sie geben denn auch ein Paar zum Verlieben ab. Das Szenario ist ihnen auf den Leib geschrieben, die Dialoge sind witzig, und ein Gefühl für Tempo zeichnet die Inszenierung aus. Dabei hält der Film über die ganzen zwei Stunden die Balance zwischen geistreicher Ironie und tiefgründiger Ernsthaftigkeit. Denn «Monsieur & Madame Adelman» ist sowohl romantische Komödie (aber nicht so quasselig) als auch dramatische Liebesgeschichte (mit traurigen Momenten à la «Amour»). Und die hört nicht dann auf, wenn’s ernst wird.

Verlieben, lieben, ­ entlieben

Zukunftsängste, ihre Gedanken über Familie, das Alter, Untreue seien in das Drehbuch eingeflossen, sagen Nicolas Bedos und Doria Tillier, die beide noch in ihren Dreissigern sind. Am Ende des Films sind sie 70 – eine grosse Herausforderung, allein schon der Maske wegen –, auch das eine Glanzleistung. Die Protagonisten schlittern von der narzisstischen Verliebtheit in die langweilige Ehe mit einem Sohn, der unter den hohen Erwartungen zurückbleibt. Auch sexuelle Frustration und grosse Depression bleiben ihnen nicht erspart. Jedoch erleben sie das nicht zeitgleich und aus jeweils anderen Gründen.

Stark aber geht es um die Schriftstellerei, unabhängig von Ruhm und Geld. Um Kreativität, den künstlerischen Schaffensprozess, an dessen Anfang eine Idee steht und in der Krise eben keine. Oder, wie Sarah es im Film sagt, um «Humor und Fantasie zwischen zwei Menschen», die sich lieben. Geistiges Eigentum, spielt das überhaupt eine Rolle? Was, wenn der eine ohne den anderen einfach nicht kann?

Nicolas Bedos und Doria Tillier haben keine Angst vor Tabus und spielen mit Übertreibungen nah am Sarkasmus. Das mag zeitweise plakativ und für den einen oder anderen gar anstössig sein, ist aber immer ehrlich. Und ja, «Monsieur & Madame Adelman» ist lustig und intelligent.

Hinweis

«Monsieur & Madame Adelman», ab Donnerstag im Kino Bourbaki, Luzern.