KINO: Als wärs kinderleicht

Begeistertes Publikum, zahlreiche Preise und gar Chancen auf einen Oscar: Der Schweizer Film «Ma vie de Courgette» erlebt einen sensationellen Erfolg. Und das mit gutem Grund.

Andreas Stock
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«Ma vie de Courgette» betrachtet die elternlose Welt aus grossen Kinderaugen: Zucchini und seine Freunde im Waisenhaus. (Bild: Praesesens)

«Ma vie de Courgette» betrachtet die elternlose Welt aus grossen Kinderaugen: Zucchini und seine Freunde im Waisenhaus. (Bild: Praesesens)

Andreas Stock

kultur@luzernerzeitung.ch

Eine leere Bierbüchse. Das ist alles, was Icare als Erinnerung an seine Mutter geblieben ist. Nicht, dass der Neunjährige eine glückliche Kindheit hatte. Sie trank zu viel und vernachlässigte ihren Buben, dem sie den Spitznamen Courgette (deutsch: Zucchini) gab. Nun ist sie tot, der Vater auch weg, und dem liebenswürdigen Polizisten Raymond bleibt nur, Zucchini zu Madame Papineau zu bringen: «Ich bringe dich zu anderen Kindern, die auch keine Mama und keinen Papa haben», erklärt er. Und verspricht, Zucchini regelmässig zu besuchen.

«Willkommen im Knast», begrüsst ihn dort der freche, rothaarige Simon, der das Rudel von Waisenkindern anführt – denen es hier freilich sehr gut ergeht. Er nennt den schüchternen Buben zuerst «Kartoffel». Doch bald freunden sich die beiden Kinder an. Als noch Camille zu ihnen kommt, kehrt ein Leuchten in die Augen von Zucchini zurück.

Kinderdramen sind kein Kinderspiel

Geschichten über Waisenhäuser sind selten leichter Stoff. Vernachlässigte, schlecht behandelte oder der Gewalt ausgesetzte Kinder kommen unfreiwillig zusammen, müssen mit körperlichen und seelischen Wunden leben. Davon erzählt auch das Buch «Autobiographie d’une Courgette» von Gilles Paris, das der Westschweizer Claude Barras als Vorlage diente und das er mit einem ambitionierten Ziel adaptierte: einen Film zu machen, der das schwierige Thema und das Leid der Kinder ernst nimmt, aber im heiteren Tonfall erzählt. Kinder wie Erwachsene sollen dem Film etwas abgewinnen können.

Dass dies hier künstlerisch wie inhaltlich so herausragend gelungen ist, beweist nicht nur der Publikumserfolg – allein in der Westschweiz sahen «Ma vie de Courgette» bereits 120000 Besucher. Sondern auch die zahlreichen Auszeichnungen sowie die Nominationen für César, Golden Globes und Oscar.

Die französische Regisseurin Céline Sciamma hat sich in ihren Filmen mehrfach mit Kindern beschäftigt, so im preisgekrönten Drama «Tomboy» (2011). Von dieser Erfahrung profitierte ihr erstes Drehbuch für einen Animationsfilm. Sciamma gelingt es, kindgerecht und spielerisch zu ­erzählen, doch mit genug Zwischentönen und Tiefgang, um auch ein erwachsenes Publikum zu erreichen. Ein schönes Beispiel ist der Skiausflug mit den Waisenkindern. Episodisch und amüsant wird erzählt, wie sie Ski fahren, ein Schlittenrennen machen, Schneemänner bauen und am Discoabend tanzen. Zwischen diese heiteren Szenen sind kurze, nachdenkliche Situationen geschoben, die jedoch den positiven Grundton nicht trüben. So wird einer der Buben verdächtigt, einem fremden Mädchen die Skibrille gestohlen zu haben, die jenes ihm kurz überlassen hatte. Und wir erleben, wie er unter dem Verdacht leidet. Oder wie die Waisen eine liebende Mutter beobachten: ein stummes, vielsagendes Bild, das ans Herz geht.

Eigenständigkeit und grosse Kulleraugen

Neben diesen erzählerischen Qualitäten überzeugt «Mein Leben als Zucchini» mit einer formalen Eigenständigkeit, was im boomenden Animationsfilm durchaus eine Herausforderung darstellt. Denn neben grossen Studios wie Pixar, Disney oder Universal, die mit Computeranimationen den Markt dominieren, gibt es im Stop-Motion-Film mit dem britischen Aardman-Studio ein weiteres, das Massstäbe setzt.

Zwar hat Claude Barras mit der belgischen Chefanimatorin Kim Keukeleire einen Profi; sie hat bei «Chicken Run» und «Fantastic Mr. Fox» mitgewirkt. Doch die beiden verfolgten künstlerisch eigene Wege: Unter anderem mit Puppen, die eher zu grosse Köpfe mit grossen Kulleraugen haben. Diese Augen, die an die berühmten Gemälde der US-Künstlerin Margaret Keane («Big Eyes») erinnern, sind die Fenster zur Seele der Figuren: In ihren grossen Pupillen mit den grossen Lidern zeigen sich Trauer, Freude, Überraschung und Enttäuschung.

Aus diesen grossen Kinderaugen blicken wir auf ihre Welt. Die ist sehr liebevoll gestaltet, oft detailverliebt, teils betont kindlich und einfach. Die putzige Anmutung kontrastiert mit einem modernen Soundtrack (Sophie Hunger) und einer Tonspur mit realen Geräuschen aus der Erwachsenenwelt: Motoren, ein klingelndes Handy, das Piepsen einer Autotür, die geöffnet wird. Dies alles trägt mit dazu bei, dass «Ma vie de Courgette» 60 Minuten ­Kinomagie bietet.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

Regisseur Claude Barras: «Drei Sekunden Film pro Tag»

Claude Barras, Sie erzählen von Kindern aus schwierigen Verhältnissen. Wie sind Sie darauf gekommen?

Der Film basiert auf dem Roman «Autobiographie d’une courgette» von Gilles Paris, der eher für Erwachsene geschrieben ist. Ich wollte die Geschichte für Kinder ab acht Jahren öffnen. Die Arbeit am Drehbuch hat fünf Jahre in Anspruch genommen.

Der Film ist reine Magie, auch weil die animierten Figuren und ihre Stimmen echt wirken. Wie kommt das?

Die Stimmen sollten voller Emotion und realistisch sein. Wir liessen die Szenen von Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren ohne Schauspielerfahrung nachspielen. Sie wurden nach dem Typ, den sie repräsentierten, ausgesucht. Es sollte natürlich wirken, eben nicht so, als würden sie spielen. Die Stimmen waren deshalb das Erste, was wir gemacht haben.

Wie verlief die Arbeit am Set?

Es waren 50 Personen am Set, 10 davon Animatoren. Ein Animator schaffte durchschnittlich drei Sekunden Film pro Tag. Es gab 15 verschiedene Sets.

Auch die Musik trägt zur Magie bei.

Als das Storybord stand, habe ich Musik nach meinem Geschmack ausgesucht. Ich wollte das Lied «Le vent nous portera» drinhaben, weil mir der Text sehr gefällt und wie Sophie Hunger das Chanson singt. Max Karli, einer der Produzenten, fragte Sophie Hunger an, ob sie die Filmmusik machen wolle. Nachdem sie Einblick ins Projekt bekommen hatte, willigte sie ein.

Wie blicken Sie den Oscars entgegen?

Wir werden sehen. In Los Angeles haben wir 25 Vorstellungen durchgeführt für Leute, die abstimmen können.

Aufzeichnung: Regina Grüter