KINO: Cannes trotzt dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit

Das Filmfestival von Cannes steht in der Kritik, es zeige zu wenige Filme von Frauen. Dabei stammen die zwei bisher besten Filme im Programm von Regisseurinnen.

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Nicole Kidman, Regisseurin Sofia Coppola, Kirsten Dunst und Elle Fanning (v. l.) bei der Premiere von «The Beguiled». (Bild: Keystone (24. Mai 2017))

Nicole Kidman, Regisseurin Sofia Coppola, Kirsten Dunst und Elle Fanning (v. l.) bei der Premiere von «The Beguiled». (Bild: Keystone (24. Mai 2017))

Nichts bringt den künstlerischen Direktor Thierry Frémaux schneller auf die Palme als die Frage, ob er etwas gegen Frauen habe. Von 19 Filmen im diesjährigen Wettbewerb stammen nur drei von Regisseurinnen. Und in der 70-jährigen Geschichte des Festivals hat erst eine einzige Regisseurin die Goldene Palme gewonnen: Jane Campion 1993 mit «The Piano». Er könne nichts dafür, dass die Filmindustrie von Männern dominiert sei, sagte Frémaux genervt und wiederholte sein Mantra: Er wolle die besten Filme zeigen, egal, ob sie von Männern oder Frauen stammten.

Schützenhilfe bekam er von Nicole Kidman, die an der Pressekonferenz zu «The Beguiled» von Sofia Coppola erklärte, 2016 seien bloss 4 Prozent der 250 erfolgreichsten Filme von Frauen inszeniert worden. In anderen Worten: Das Festival ist nicht die Ursache des Problems, es gibt lediglich ein Abbild von ihm. «Es ist aber wichtig, dass man weiter über die Ungleichbehandlung der Geschlechter spricht», sagte Kidman und appellierte an ihre Kolleginnen: «Wir müssen unsere Regisseurinnen unterstützen, sonst bewegt sich nichts.»

Verwundeter Unteroffizier im katholischen Frauenheim

Dass es markante Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Blick gibt im Kino, bewies Sofia Coppola mit ihrem Kammerspiel «The Beguiled». Es basiert auf dem Roman von Thomas Cullinan von 1966, den 1971 der als Macho-Regisseur bekannte Don Siegel («Dirty Harry») mit Clint Eastwood in der Hauptrolle verfilmte. Die Geschichte dreht sich um einen im Sezessionskrieg verwundeten Unteroffizier, der in einem katholischen Frauenheim Unterschlupf findet, wo er den Damen den Kopf verdreht.

Während Siegel und Eastwood sexuelle Begierde sichtbar machten, spielt sie Coppola herunter. Wenn die junge Alicia (Elle Fanning) den Korporal (Colin Farrell) verführt, lässt sie die Liebenden sogleich mit einer Überblendung verschwinden. Während Siegel die Amputation eines Offiziersbeines in aller Drastik zeigte, spart sie Coppola aus. Ihr geht es weniger um Konflikte als um Stimmungen. Sie hat «The Beguiled» auf Zelluloid gedreht und die Szenerie in ein gedämpftes Licht getaucht, was dem Film einen dunstig-beigen Look verleiht. Das ist zwar ästhetisch, aber es wird nicht ersichtlich, was Coppola an dem Stoff gereizt hat. Es mag politisch unkorrekt sein, es zu sagen: Aber der Film von Siegel mit Eastwood ist besser.

Ebenfalls nicht restlos überzeugen konnte die Japanerin Naomi Kawase mit dem Drama «Radiation». Sie erzählt von einem Starfotografen, der sein Augenlicht verliert, und einer jungen Frau, die Audiobeschreibungen von Filmen für Blinde produziert. Er wirft ihr vor, ihre Kommentare seien zu explizit. Der Film ist eine Meditation darüber, was das Wesen des Mediums Film ausmacht: seine Flüchtigkeit. «Radiation» ist klug aufgebaut und stellenweise anrührend, aber auch arg geschmäcklerisch inszeniert. Ka­wase zeigt die schöne Frau mit Vorliebe im Gegenlicht, so bei Spaziergängen am Strand, und untermalt ihre Schritte mit sanften Klavierläufen. «Radiation» ist ein Film fürs Eso-Publikum, das auf Zen-Metaphern steht.

Starke Filme aus Tunesien und aus Deutschland

Machen Frauen also keine guten Filme? Gemach. Die beiden besten Werke, die wir bisher in Cannes gesehen haben, stammen von Regisseurinnen und liefen in der Nebensektion «Un Certain Regard». Die Tunesierin Kaou­ther Ben Hania (*1979) erzählt in «La belle et la meute» von einer jungen Frau, die an einer Studentenparty von Polizisten vergewaltigt wurde und Anzeige erstatten will. Doch auf dem Polizeiposten beschimpft man sie als Hure. Die Beamten weigern sich, die Anzeige anzunehmen. Das beklemmende Drama schildert, wie die Frau eine Nacht lang versucht, zu ihrem Recht zu kommen. Es entwirft das Bild eines Landes, das bis ins Mark korrupt ist.

Und in «Western» erzählt die Deutsche Valeska Grisebach (*1968) anhand von deutschen Bauarbeitern, die als Saisonniers in Bulgarien schuften, von der schwierigen Verständigung in Europa, mit verkehrten Vorzeichen: Die Osteuropäer, die sonst in Sozialdramen oft die armen Schweine im Westen geben, sind nun bei sich, die Westler die Fremden. Eine hinreissende Comédie humaine, die arm an Handlung, aber reich an Aperçus und schrägen Figuren ist. Schade, hat Frémaux nicht den Mut gehabt, diese zwei Filme von noch unbekannten Regisseurinnen in den Wettbewerb zu nehmen. Der Vorwurf des Frauenmangels wäre wohl vom Tisch gewesen.

 

Christian Jungen, Cannes

kultur@luzernerzeitung.ch