KINO: Claude Lelouch: «Ich glaube an die Macht des Hirns»

Der französische Regisseur Claude Lelouch (78) hat seinen Klassiker «Un homme et une femme» neu verfilmt. Ein Gespräch über die Liebe und das Leiden.

Drucken
Teilen
«Früher dachte ich, dass jede Frau mich zur nächsten führt.» Claude Lelouch, Regisseur (Bild: PD)

«Früher dachte ich, dass jede Frau mich zur nächsten führt.» Claude Lelouch, Regisseur (Bild: PD)

Interview Marlene von Arx

Claude Lelouch, zum 50-Jahre-Jubi­läum Ihres Oscar-gekrönten Klassikers «Un homme et une femme» haben Sie mit «Un + une» eine Art Neuverfilmung gedreht. Weshalb?

Claude Lelouch: Ich wollte die Beziehung zwischen Männern und Frauen 50 Jahre später zeigen, denn sie hat sich verändert. Die Frau hat heute mehr zu sagen. Sie kann ein Kind allein aufziehen. Der Mann indes will nicht mehr erwachsen werden. Ich habe den Wandel selber erfahren: Ich habe sieben Kinder mit fünf Frauen. Das Thema ist sehr persönlicher Natur.

Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Männern und Frauen heute?

Lelouch: Männer haben Angst vor Frauen. Früher fühlten sie sich überlegen. Die Männer haben die Frauen enttäuscht, das macht den Männern Angst und die Beziehungen schwierig. Natürlich ziehen sich die Geschlechter immer noch an, aber ein gewisses Vertrauen ist verloren gegangen. Heute wollen die Leute eine Absicherung, wenn sie sich auf eine Liebesgeschichte einlassen. Und das ist die Schuld der Männer. Auch meine.

Sie sagen, Männer haben Angst vor den Frauen. Trifft das auch auf Sie und Ihre Lebenspartnerin Valérie Perrin zu, mit der Sie das Drehbuch zu «Un + une» geschrieben haben?

Lelouch: Ich hatte nie Angst vor Frauen. Ich habe von jeder Frau, mit der ich zusammen war, Neues gelernt. Aber es hat eine Lebzeit gedauert, sie zu verstehen und zu schätzen, wie fantastisch sie sind. «Un + une» ist eine Hommage an die Frauen. Der Dramatiker Sacha Guitry sagte, das Wichtigste sei, seine Witwe zu finden. Ich glaube, ich habe die letzte Frau gefunden, mit der ich Zeit verbringen will. Vorher dachte ich, dass jede Frau mich zur nächsten führen wird. Nun habe ich die Richtige fürs Jetzt. Ich bin ja auch älter. Für die 20- und 30-Jährigen ist es schwieriger.

Wie meinen Sie das?

Lelouch: Mit dem Internet wird es schwieriger, die richtige Person zu finden. Angeblich erleichtert das Internet alles – das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur in der Liebe. Es hat das Mittelmass in die Krise gestürzt. Die Gesellschaft fordert in allem Exzellenz. Ein gutes Buch wird heute zurückgewiesen, es muss aussergewöhnlich sein. Auch die Liebe, sie muss ultimativ sein.

Was macht eine gute Liebesgeschichte aus?

Lelouch: Eine Liebesgeschichte ist ein langes Gespräch. Wenn zwei sich nichts mehr zu sagen haben, ist die Liebe vorbei. Deshalb ist es wichtig, dass Paare reden. Stille ist das Ende der Liebesgeschichte. Das versuche ich aufzuzeigen. Ich liebe Menschen, die reden wollen. Deshalb liebe ich auch Woody-Allen-Filme!

Was halten Sie vom US-Kino?

Lelouch: Ich mag die amerikanischen Filmemacher, die europäisches Kino mögen. Scorsese, Coppola, Allen, auch Tarantino mag französische Filme. Ansonsten ist amerikanisches Kino toll für Kinder. Walt Disney ist grossartig. Ich bin damit aufgewachsen und bin gleich alt wie sein Schneewittchen! Das US-Kino ist sehr gut darin, in Kindern die Freude am Film zu wecken.

Apropos Kinder: sieben Kinder mitfünf Frauen. Wie war das Familienleben?

Lelouch: Ich war kein guter Vater, als die Kinder noch klein waren. Ich war zwar da, wenn es Probleme gab, aber meistens habe ich mich mehr um die Arbeit gekümmert. Sobald sie eine Kamera halten konnten, war ich besser. Sie alle haben glücklicherweise ihre Liebe zum Kino entdeckt und arbeiten heute als Filmemacher oder Schauspieler. Mit meinem letzten Film «Salaud, on t’aime» habe ich versucht, mich bei meinen Kindern zu entschuldigen. Als leidenschaftlicher Künstler ist es schwierig, ein guter Vater zu sein. Leidenschaften lassen schlecht teilen. Daher sind Superstars keine guten Eltern. Kein grossartiger Schauspieler ist wirklich glücklich. Der einzige glückliche Schauspieler, den ich je kennen gelernt habe, ist Jean-Paul Belmondo.

Sehen Sie Parallelen zwischen Belmondo und Jean Dujardin, dem «The Artist»-Oscar-Preisträger und Star in «Un + une»?

Lelouch: Er könnte sein Sohn sein! Ich wollte ursprünglich Belmondo zuerst als Jeans Vater engagieren. Sie sind beide auf eine ähnliche Art verrückt. Jean liebt das Leben, er ist positiv. Wir gravitieren ja alle zum Negativen. In Frankreich gab es einen TV-Kanal, der ausschliesslich gute Nachrichten bringen wollte. Es gab ihn gerade einmal zwei Tage. Deshalb ist auch Amma im Film. Sie ist ein indischer Guru und hält einen einfach in den Armen. Ein total positives, schönes Erlebnis. Mit Liebe kann man alles erreichen, findet sie. Und ich teile diese Meinung.

Haben Sie wegen der Spiritualität Indien als Handlungsort gewählt?

Lelouch: Ich glaube an die Macht des Hirns, aber respektiere alle Religionen und habe Augenblicke der Spiritualität. Solche Dinge sind gut für verlorene Seelen. Seit Jahren haben mir Freunde gesagt, Indien sei mein Land. Es ist das Land der Ewigkeit. Ich glaube wie Indien nicht an den Tod. Jedes Leben bereitet das nächste vor. In Indien wissen sie, dass man leiden muss, wenn man lernen will. Leiden ist die beste Schule: Ich habe mehr von meinen Flops gelernt als von meinen Hits.

Spirituelle Reise

FILM mva. Der Charmeur Antoine reist nach Indien, um die Musik für ein Bollywood-Liebesdrama zu komponieren, und lernt Anna, die Frau des französischen Botschafters, kennen. Aus einem harmlosen Flirt wird eine tiefe Verbindung. Probleme werden einander anvertraut und eine spirituelle Reise unternommen. Doch was, wenn die Realität die Reiseprospektromantik einholt?

Nicht sonderlich nachhaltig

«Un + une» ist eine bekömmliche Romanze für Erwachsene mit einem Protagonistenpaar, das man gern durch das verzaubernde Indien begleitet. Die Dramedy kann die nachhaltige Wirkung des Klassikers «Un homme et une femme» (1966), dem «Un + une» nachempfunden ist, nicht nachahmen, aber sie gliedert sich hübsch in das massive Gesamtwerk von Claude Lelouchs Momentaufnahmen der Liebe ein.

Bewertung: 3 von 5 Sternen
«Un + une» läuft im Bourbaki in Luzern.

 

Antoine Abeilard (Jean Dujardin) und Anna (Elsa Zylberstein) verlieben sich in Indien. (Bild: PD)

Antoine Abeilard (Jean Dujardin) und Anna (Elsa Zylberstein) verlieben sich in Indien. (Bild: PD)