KINO: «Das Böse gehört nicht ins Kino»

Der Spielfilm «Leviathan»: Im Westen vielfach preisgekrönt und für einen Oscar nominiert, ist er in Russland heftig umstritten. Ab 12. März im Bourbaki, Luzern.

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Der gestrandete Wal ist Metapher für vieles in Andrey Zvyagintsevs (Frontbild Irina Buzhor/Kommersant) Film «Leviathan». (Bild: PD / Cineworx)

Der gestrandete Wal ist Metapher für vieles in Andrey Zvyagintsevs (Frontbild Irina Buzhor/Kommersant) Film «Leviathan». (Bild: PD / Cineworx)

Eigentlich ist es kein lauter Film. Der Automechaniker Kolja hat Haus, Werkstatt und Grundstück am Meer, der korrupte Bürgermeister will es ihm abnehmen. Kolja wehrt sich, vergeblich. Sein alter Armeefreund Dmitri, ein Rechtsanwalt aus Moskau, legt dem Bürgermeister einen Aktenordner mit Belastungsmaterial gegen ihn vor, um ihn zu zwingen, Kolja eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Dmitri wird brutal zusammengeschlagen. Koljas Frau Lilija betrügt ihn mit Dmitri und begeht Selbstmord, Kolja versucht, sein Leid im Wodka zu ertränken, landet schliesslich als Lilijas angeblicher Mörder für fünfzehn Jahre im Gefängnis.

Der Bürgermeister aber eröffnet gemeinsam mit dem russisch-orthodoxen Bischof, der ihm vorher immer wieder gut zugeredet hat, sein gottgefälliges Werk entschlossen voranzutreiben, an der Stelle des abgerissenen Hauses feierlich eine grosse Kirche.

Züge eines Kulturkrieges

Am 28. Januar feierte der Film «Leviathan» des Regisseurs Andrey Zvyagintsev in Moskau offiziell Premiere. In die russischen Kinos kam er am 5. Februar, aber laut der Nachrichtenagentur Tass sahen schon über 4 Millionen Zuschauer den 141-Minuten-Streifen mit seinem trostlosen Sujet im Internet. Seit Wochen tobte in der russischen Öffentlichkeit eine erbitterte Diskussion um «Leviathan», die Züge eines regelrechten Kulturkrieges angenommen hat. Orthodoxe Gläubige und Nationalpatrioten erbosten sich über den Film, die liberale Intelligenzija feiert ihn. «Ein fantastisches Werk», schwärmt der oppositionelle Blogger Ayder Muschdabajew. «Jede Szene stimmt.»

«Leviathan» ist Kult geworden, das weiss gestrichene Metallskelett eines Wales, das die Filmemacher am Ufer der Barentssee montiert hatten, hat schon ein Moskauer Geschäftsmann gekauft, um es auf seinem Rasen zu platzieren.

Lizenz verweigert

Das Erscheinen des Filmes verzögerte sich schon im Sommer 2014: Das Kulturministerium verweigerte die Lizenz, weil die Helden zu heftig mit Schimpfwörtern um sich warfen, die Mutterflüche mussten herausgeschnitten werden. Aber Minister Wladimir Medinski, der erst kürzlich gedroht hat, man werde keine Filme mehr finanzieren, die Russland als «Scheisshaufen» darstellten, quittierte die ersten ausländischen Preise für «Leviathan» mit sehr allgemeinem Lob über die «hohe Meisterschaft unserer Filmemacher».

«Exportkino»

Regisseur Zvyagintsev gilt als Spezialist für Festivalfilme. «Bisher haben alle seine Filme Preise gewonnen», sagt der Petersburger Kinokritiker Michail Trofimenkow. «Er macht Exportkino mit viel dunkler russischer Seele. Sein Kameramann arbeitet fantastisch, er engagiert hervorragende Schauspieler, die die Schwächen des Drehbuchs überspielen.» «Leviathan» stecke voller metaphysischer Anspielungen auf den biblischen Hiob, den Leviathan als Staatsmoloch nach Thomas Hobbes oder Kafkas absurden Roman «Der Prozess». «Ein Film wie ein leerer Koffer, in den jeder die Interpretation hineinpacken kann, die er will.»

Zu viel westlicher Ruhm

Aber die Auszeichnungen für Zvyagintsevs leeren Koffer häufen sich. «Leviathan» wurde in Moskau, Cannes, München, Bromberg, London, Palitsch, Abu Dhabi und Goa preisgekrönt, in Hollywood erhielt er den Golden Globe und war gar für einen Oscar nominiert.

Zu viel westlicher Ruhm, Russlands Staatspatrioten schlugen Alarm. «Kein russischer, sondern ein antirussischer Film», verkündete der Kreml-nahe Politologe Sergei Markow. «Ein professionell gemachtes filmisches Anti-Putin-Manifest.» Die «Vereinigung Orthodoxer Experten» forderte, den Film zu verbieten. «‹Leviathan› ist böse. Und das Böse darf nicht ins Kino kommen.»

In Samarka unterschrieben orthodoxe Geistliche, Kosaken-Atamane, Regionalparlamentarier und Künstler einen Brief, in dem sie forderten, dem Regisseur des «Akademischen Theaters Samara», Waleri Grischko, der in dem Film die Rolle des heuchlerischen Bischofs spielt, das Gehalt zu entziehen. Auch Tatjana Trubi­lina, Ortsvorsteherin des Dorfes Teriberka, wo der Film gedreht worden war, erboste sich: «Unnütz und wirklichkeitsfern. Die Kinoleute haben nicht mit normalen Leuten geredet, sondern sich die Penner ausgesucht. Davon gibt es bei uns ein oder zwei.»

«Unser ‹Charlie Hebdo›»

Die liberale Moskauer Opposition hält dagegen. «Die Räuber haben sich in den Helden des Films wiedererkannt», spottet der Satiriker Wiktor Schenderowitsch. «Und wetzen jetzt beleidigt die Zungen.» Nachdem das russische Kino jahrelang fast nur Kitsch und Langeweile produziert hat, hat es wieder ein Film zum politischen Symbol geschafft. «‹Leviathan› ist unser ‹Charlie Hebdo›», verkündet Dmitri Muratow, Chefredakteur der Oppo- sitionszeitung «Nowaja Gaseta».

Russischer Alltag

Dabei unterstützen auch orthodoxe Geistliche Zvyagintsev. «Der Film ist ehrlich», sagt der Murmansker Metropolit Simon. «Er zeigt die Probleme unseres Landes wie die klaffenden Wunden eines menschlichen Körpers.» Und selbst die nationalistisch-stalinistische Wochenzeitung «Sawtra» bestätigt, Koljas Schicksal in «Leviathan» sei in der russischen Provinz banaler Alltag. «Es ist eine menschliche Tragödie. Tragödien aber entsprechen keinen politischen Moden, sie sind weder prowestlich noch prorussisch.»

Stefan Scholl, Moskau / mm

Andrey Zvyagintsev

Andrey Petrovich Zvyagintsev, geboren 1964 in Nowosibirsk, studierte zunächst Schauspiel bei Lev Belov am Institut für Theater in seiner Heimatstadt. Anschliessend arbeitete er an der russischen Theaterakademie.

Übers Fernsehen zum Kino

In den 1990er-Jahren erhielt Zvyagintsev Nebenrollen in verschiedenen Fernseh- und Kinoproduktionen. Erste Erfahrungen als Regisseur sammelte er im Jahr 2000, als er die Regie bei drei Folgen der russischen Fernsehserie «Black Room» übernahm. Mit seinem ersten Spielfilm «The Return» wird Zvyagintsev auf Anhieb einem grossen Publikum bekannt. Der Film wurde 2003 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und lief weltweit mit grossem Erfolg in den Kinos.

Mit «The Banishment» landete der Russe 2007 im internationalen Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes, wo sein Hauptdarsteller Konstantin Lavronenko, der schon in «The Return» mit von der Partie war, mit dem Darstellerpreis geehrt wurde. Das Drama «Elena» gewann im Jahr 2011 den Spezialpreis der Jury in der Cannes-Sektion «Un certain regard».Mit «Leviathan» nahm Zvyagintsev 2014 wieder am internationalen Wettbewerb in Cannes teil und gewann den Preis für das beste Drehbuch.

red