KINO: «Das Projekt war letztendlich eine Glaubenssache»

«Boyhood» schildert die Geschichte einer Kindheit. Dafür hat sich das Filmteam über zwölf Jahre hinweg immer wieder getroffen. Regisseur Richard Linklater erzählt von seinem «Independent-Epos».

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Richard Linklater gibt Instruktionen. (Bild: PD)

Richard Linklater gibt Instruktionen. (Bild: PD)

Richard Linklater (53) gehört momentan sicherlich zu den ungewöhnlichsten und interessantesten Regisseuren des amerikanischen Kinos. Der überzeugte Independent-Regisseur feierte seinen Durchbruch 1995 auf der Berlinale mit der Romanze «Before Sunrise», die ihm den Silbernen Bären einbrachte. 2004 und 2013 folgten die Fortsetzungen «Before Sunset» und «Before Midnight», in denen sich die Geschichte mit Julie Delpy und Ethan Hawke weiterentwickelt. Mit «Boyhood» stellte der Texaner auf der diesjährigen Berlinale einen Film vor, der die Kindheit eines Jungen einfängt. Ein einzigartiger Film, denn Linklater holte zwölf Jahre lang seine Darsteller immer wieder vor die Kamera, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, das Heranwachsen eines Knaben zu einem jungen Mann in 163 Minuten zu erleben.

Wie kommt man auf die Idee, zwölf Jahre lang das Aufwachsen eines Jungen filmisch einzufangen?

Richard Linklater: Die ehrliche Antwort ist, dass ich mich hinsetzte, um eine Geschichte über die Kindheit zu schreiben, aber nicht wusste, welchen Teil der Kindheit ich beleuchten wollte. Beim Film ist man normalerweise eingeschränkt. Weshalb man sich Momente aus einer Kindheit aussucht. Ich aber sah das als Problem, nur einen Teil zu untersuchen. Also versuchte ich, Lösungen zu finden, und fragte mich schliesslich, was wäre, wenn ich jedes Jahr etwas filme, um den natürlichen Prozess einer Kindheit in seiner Gesamtheit einzufangen. Eigentlich ist es eine Idee, die undurchführbar ist, weshalb es bisher auch kein anderer gewagt hat und es wahrscheinlich auch keine Nachahmer geben wird. Die Anforderungen sind sehr hoch.

Lars von Trier hatte mal eine ähnliche Idee und traf sich über Jahre immer wieder mit Udo Kier und Jean-Marc Barr, um ihren Alterungsprozess filmisch zu porträtieren. Aber er soll es inzwischen aufgegeben haben.

Linklater: Ich mache ihm da keine Vorwürfe (lacht), denn es ist wirklich eine nahezu unrealisierbare Angelegenheit, die sehr viel Leidenschaft und Ausdauer braucht.

Was nicht Sie allein benötigten. Waren denn Ihre Schauspieler stets bereit, sich jedes Jahr aufs Neue zu treffen, um wieder Szenen zu drehen?

Linklater: Na ja, als unser junger Hauptdarsteller Ellar mit zwölf in die Pubertät kam, wollte er für einen kurzen Moment nicht mehr mitmachen. Legal hätte man dagegen nichts tun können – schon gar nicht, wenn man mit einem Sechsjährigen anfängt, der wirklich noch nicht wissen kann, wie er als Teenager mal drauf sein wird. Das ganze Projekt war letztendlich eine Glaubenssache. Man musste hoffen, etwas zu kreieren, das es wert wäre, sich jedes Jahr wieder zusammenzufinden und dabei auch Spass zu haben.

Wie haben Sie überhaupt einen Jungen gefunden, den Sie für geeignet hielten?

Linklater: Natürlich traf ich mich mit etlichen Jungs, die damals im gleichen Alter wie Ellar waren. Letztendlich habe ich aber auf meine Intuition gehört. Ausserdem sprach für Ellar, dass seine Eltern beide Künstler sind. Ich dachte einfach, irgendetwas davon wird auch in ihm stecken. Ich entschied mich damals einfach für ihn, ohne zu wissen, ob er sich nicht zu einem 120 Kilo schweren Wrestler entwickeln würde. Dann wäre der Film eben in diese Richtung gegangen.

Gab es noch andere Hürden und Überraschungen, die Sie in den zwölf Jahren meistern mussten?

Linklater: Für Überraschungen war immer viel Raum da. In den ersten Jahren muss man einen so jungen Schauspieler erst mal an die Situation gewöhnen, um ihm klarzumachen, wer wir sind, wer er ist und was wir wollen. Man manipuliert ein bisschen, aber mit der Zeit wurde daraus eine echte Zusammenarbeit, wie auch mit Ethan Hawke und Patricia Arquette.

War es nicht schwer, Geld für ein auf so lange Zeit angelegtes Projekt aufzutreiben?

Linklater: Ja, das wäre fast undurchführbar gewesen, aber wir fanden eine Filmfirma, die an uns glaubte. IFC ist eine Produktionsgesellschaft, die von New York aus agiert und uns jedes Jahr eine kleine Summe zur Verfügung stellte, um weitermachen zu können.

Wie kommt es, dass Sie sich in Ihren Filmen oft mit lebensechten Menschen auseinandersetzen?

Linklater: Ich sehe mich als Erzähler, der seine Geschichten durch Menschen weitergeben will. Es sind sehr persönliche Geschichten von mir, auch wenn sie nicht autobiografisch sind. «Boyhood» fällt in die gleiche Kategorie, auch wenn ich durch die Zusammenarbeit mit Ethan feststellte, dass unsere Väter aus der gleichen Zunft kommen. Beide arbeiteten für eine Versicherungsgesellschaft. Wir sprachen über unsere Väter und auch darüber, wie wir als Väter sind. Insofern war es ein gemeinsamer und offener Entstehungsprozess, der im Kern sehr persönlich ist.

Sind viele Szenen der Schere zum Opfer gefallen?

Linklater: Ehrlich gesagt, mussten wir nur wenig herausnehmen, denn so viel Filmmaterial stand gar nicht zur Verfügung. Gewöhnlich haben wir in jedem Jahr etwa drei Drehtage gehabt. Man darf nicht vergessen, dass wir sehr strikt sein mussten, weil wir nur ein kleines Budget für dieses Independent-Epos zur Verfügung hatten (lacht).

Müssten Sie jetzt nicht einen Film über das Heranwachsen eines Mädchens zur Frau drehen?

Linklater: Man kann an der Idee anknüpfen, alles ist möglich. Aber «Boyhood» war eine starke Idee, weil ich etwas aus jenen Jahren eines Jungen erzählen wollte. Weitere Konzepte habe ich dazu nicht im Kopf. Aber vielleicht werden andere davon inspiriert, da weiterzumachen.

Wie sieht also Ihr nächster Film aus?

Linklater: Das weiss ich noch nicht, aber ich habe etliche Projekte, bei denen ich daran arbeite, sie realisieren zu können. Auf jeden Fall ist Schluss mit den «Before»-Filmen, und es fühlt sich gut an, drei Teile davon geschafft zu haben. Aber man kann nie wissen, was die Zukunft bringt.

Markus Tschiedert/Ricore