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KINO: Die Abenteuer einer Geldtasche

«Have a Nice Day» des chinesischen Regisseurs Liu Jian ist der erste Animationsfilm, der im Wettbewerb der Berlinale lief. Er zeigt ein zubetoniertes China, das von Kälte und nackter Gier beherrscht wird.

Der Filmtitel «Have a Nice Day» ist reiner Zynismus. Das macht bereits ein Zitat aus Leo Tolstois letztem Roman «Auferstehung» klar, welches am Anfang des Films steht. Darin ist die Rede von einer durch Smog geplagten, zugepflasterten Stadt, in der es keine Bäume, keine Vögel, ja ­keine Vegetation, aber trotzdem noch Frühling gibt. Nach diesem Blick zurück ins Jahr 1899 richtet der Regisseur Liu Jian sein Augenmerk ganz auf die Gegenwart.

Man sieht eine Stadt in Chinas wirtschaftlich prosperierendem Süden mit ihren Baustellen, Schnellstrassen, Presslufthämmern, Imbissbuden und Hochhäusern. In dieser kaputten Welt fährt der Chauffeur Xiao Zhang, der sonst auf einer Baustelle beschäftigt ist, einen finsteren Kerl, Typ Mafiaboss, zu einem Treffen. Im Auto befindet sich eine Tasche, darin verstaut eine Million Yuan, alles in 100er-Noten, geziert vom Konterfei Maos.

Xiao Zhang kann nicht widerstehen, irgendwann auf der Fahrt setzt er dem Mafiaboss ein Messer an die Kehle, klaut die Tasche, setzt sich ab, mietet sich in einem schäbigen Hotel am Bahnhof ein. Das Geld braucht er vor allem, um bei seiner Verlobten eine verunglückte Schönheitsoperation doch noch zu einem guten Ende zu bringen.

Ohne jeden Schnickschnack

Doch was der etwas naive Chauffeur nicht weiss: Auch der Mafiaboss war nur ein vergleichsweise kleiner Fisch, der im Auftrag eines grösseren Gangstersyndikats handelte. Und weil Xiao Zhang nicht nur naiv, sondern auch etwas unvorsichtig ist, werden rasch noch andere Leute auf seine Beute aufmerksam. Bald ­jagen dem Geld hinterher: eine Verkäuferin, ein Biker-Pärchen und ein Profikiller – und in immer schnellerer Folge wechselt die ominöse Tasche ihre Besitzer. Es ist der Plot eines klassischen Gangsterepos, gezeichnet mit der Ästhetik eines Film noir, den Liu Jian in seinem zweiten Spielfilm erzählt.

Und er tut es in einer Art und Weise, dass es glatt auch ein Realfilm sein könnte. In flächigen ruhigen Bildern und ohne jeden Schnickschnack, aber voller liebevoller Details, wie etwa häufig auftauchenden Filmplakaten oder Leuchtreklamen, zeigt «Have a Nice Day», durchsetzt von makabrem Humor, eine Welt scheinbar grenzenloser Freiheiten in Chinas entfesseltem Kapitalismus.

Diese Freiheiten gäbe es in drei Arten, philosophiert einmal ein Gangster: die des Bauernmarktes, die des Supermarktes oder die des Online-Shoppings. Und: Die Welt gehöre den Wahnsinnigen und den Idioten. Erstere stürmten los, machten Geld, Letztere seien zufrieden mit dem, was sie haben – und zu welcher Sorte man selber gehören wolle, sei ja wohl klar.

Sätze wie von Tarantino

Es sind Sätze wie diese, die in ihrem Sarkasmus auch einem Film von Quentin Tarantino entstammen könnten. Und auch die stark fragmentierte Erzählweise, mit der dieser von einem kleinen Team unabhängig produzierte Film operiert, erinnert stark an den amerikanischen Meister, der ausserdem in all seinen Filmen immer wieder klassischen Gangsterepen die Reverenz erwiesen hat.

Liu Jian tut es auf seine Weise. Und allein schon die zahlreichen Anspielungen auf Figuren des real existierenden Kapitalismus der Gegenwart – wie Donald Trump, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg – machen «Have a Nice Day» zu einem reinen Kino-Vergnügen.

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Have a Nice Day» läuft im Stattkino Luzern.

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