KINO: «Die Geschichte ist wie eine dieser Schneekugeln»

«Schellen-Ursli»- Regisseur Xavier Koller erzählt, wie er aus dem berühmten Buch einen Kinofilm schuf. Und was ein Kinderfilm mit gutem Essen gemein hat.

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Regisseur Xavier Koller wagte sich an einen Klassiker. (Bild: Key / Frenetic)

Regisseur Xavier Koller wagte sich an einen Klassiker. (Bild: Key / Frenetic)

Xavier Koller, die Carigiet-Zeichnungen zum «Schellen-Ursli» gehören zum kollektiven Gedächtnis der Schweiz. Welche ist Ihre liebste?

Xavier Koller: Das Bild, wie Uorsin mit der grossen Glocke vor der Türe steht und klopft, oder auch die Holzbrücke.

War es ein Anliegen, diese Bilder in eine filmische Form zu bringen?

Koller: Wir haben diese und weitere ikonografische Bilder aufgegriffen, damit sie an die Geschichte erinnern. Aber letztlich war es unser Ziel, der Filmgeschichte ihre Eigenständigkeit zu geben.

Wie haben Sie den Stil des Films entwickelt?

Koller: Mit meinem Kameramann Felix von Muralt wie auch mit dem Production Designer Frank Bollinger, der Kostümdesignerin Monika Schmid und dem Maskenbildner Marc Hollenstein. Alle waren bei der Entwicklung des Stils mitbeteiligt. So haben wir uns für eher monochrome Farben entschieden; ausser bei Uorsin, der farbiger ist und als Charakter herausgehoben werden soll.

Wie kamen Sie zum Projekt?

Koller: Die Produktion hatte mich während der Dreharbeiten zu «Eine wen iig – dr Dällebach Kari» angefragt, ob ich Interesse hätte. Vor gut eineinhalb Jahren überliess man mir die Drehbuchfassung von Stefan Jäger, um das Buch neu zu schreiben.

Worum ging es Ihnen bei dieser Überarbeitung?

Koller: Eine Geschichte zu entwickeln, die Humor und Drama organisch verbindet. Und Dialoge zu schreiben, die direkt, knapp und glaubwürdig sind. Ich mag es, Dialoge zu schreiben, Sprachidiomen nachzugehen. Und es ging darum, Uorsin eine Persönlichkeit zu geben. Die Szenen sollten darstellen, warum er so ist, wie er ist. Auch seinen Eltern und der Dorfgemeinschaft galt es eine Geschichte und Charakter zu geben. Dazu kamen der Käse-Krimi und die Story mit dem Wolf.

Dieses Wolf-Motiv betont aber den Märchencharakter der Geschichte?

Koller: Es ist ja auch ein Märchen. Die Geschichte ist für mich wie eine dieser Schneekugeln. Innerhalb dieser Kugel hatte ich die Freiheit, alles zu machen, was möglich war. Und den Wolf sehe ich als ein Spiegelbild von Uorsin, der auch ein Wolf-Typ ist; ein eigensinniger Leader, aber sehr sensibel, gepaart mit gegenseitigem Respekt.

Dass die Glocke aus dem Buch der Höhepunkt am Filmende wird, war für Sie von Anfang an klar?

Koller: Die Glocke ist das Zentrum der originalen Geschichte, also musste um sie herum auch der Höhepunkt gebaut werden. Je tiefer man in eine Geschichte eindringt, umso vertrauter wird man mit ihr. Ziel muss es sein, dass das Publikum die Geschichte, die es kennt, vergisst. Und einsteigt auf die Geschichte, die es sieht.

Wie erreicht man das?

Koller: Gerade in einem Familienfilm, bei dem die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern allenfalls nicht so lang ist, muss in einem gewissen Rhythmus immer etwas passieren. Jede Szene muss eine Überraschung bieten, um die Aufmerksamkeit wach zu halten. Sei es mit Humor, mit Drama oder Spannung. Das ist etwas, was beim Umsetzen der Geschichte organisch wächst.

Schweizer Familienfilme gibt es nicht so häufig, und jetzt mit «Heidi» gleich zwei in kurzer Zeit.

Koller: Ja, es ist etwas, was bei uns eher wenig gepflegt wird. Es gibt auch nicht so viele Originalgeschichten. Die Frage für die Produzenten ist immer, ob sich ein Kinofilm ökonomisch lohnt. Es braucht eine bekannte Geschichte, damit die Chance besteht, ein grösseres Publikum zu erreichen. Ansonsten ist es wesentlich schwieriger, in diesem Genre einen erfolgreichen Film zu produzieren.

Nach «Die schwarzen Brüder» haben Sie erneut einen Familienfilm gemacht. Was gefällt Ihnen an dem Genre?

Koller: Für Kinder gute Filme zu drehen, ist wie Kindern ein gutes Essen zu servieren. Denn nur mit guten Speisen lernt man gutes Essen schätzen. Diese Qualität möchte ich jungen Menschen vermitteln. So wie ich selber gutes Essen schätze – und selbst gerne koche. Wenn man so etwas macht, sollte es Qualität haben, überzeugend, glaubhaft und wahrhaftig sein. Kinder lernen so Qualität schätzen und entwickeln ein Verständnis dafür.

Was ist besonders beim Drehen mit Kindern?

Koller: Wie bei Erwachsenen gilt es, auf sie einzugehen, was bei Kindern noch wichtiger ist. Es geht darum, dass sie keine Angst, sondern Lust am Spielen haben. Es gilt ihnen die Last zu nehmen, dass alles so furchtbar wichtig ist. Dass sie einen Fehler machen dürfen und es ihnen vor allen Dingen Spass machen muss. Denn Kinder sind Profis darin, sich selber zu sein, und vor allem dies gilt es zu nutzen.

Darum ist das Casting der richtigen Kinder wichtig?

Koller: Ja, das Casting ist das A und O. Aber ebenso wichtig ist gute Vorbereitung. Dabei geht es etwa darum, eine emotionale Bindung aufzubauen, Vertrauen zu geben und zu gewinnen, damit sie sich beim Spielen frei und sicher fühlen.

Interview Andreas Stock

Hinweis

«Schellen-Ursli» läuft seit dieser Woche in den Kinos, Besprechung auf der Kulturseite vom letzten Montag.