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KINO: Die Kunst lenkt den Künstler

«Final Portrait» konzentriert sich auf 18 Tage im Leben von Alberto Giacometti (1901–1966). ­ Und kommt dessen ­Persönlichkeit, Werk und Umfeld näher als eine klassische Filmbiografie.
Regina Grüter
Zum Essen und Schlafen hat er nicht viel Zeit: Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) bei der Arbeit. (Bild: Parisa Taghizadeh/Final Portrait)

Zum Essen und Schlafen hat er nicht viel Zeit: Alberto Giacometti (Geoffrey Rush) bei der Arbeit. (Bild: Parisa Taghizadeh/Final Portrait)

Regina Grüter

«An einem Februarabend des Jahres 1952 schlenderte ich in Paris in das Café Aux Deux Magots auf der Suche nach jemandem, mit dem ich mich unterhalten konnte. Ich traf dort einen Bekannten, der mich seinem Gesprächspartner vorstellte: Alberto Giacometti.» Derart beschreibt der amerikanische Schriftsteller James Lord die erste Begegnung mit dem berühmten schweizerisch-italienischen Plastiker, Maler und Zeichner. Der Spielfilm «Final Portrait» nun basiert auf Lords Giacometti-Biografie, die heute noch als Standardwerk gilt.

Ein Biopic im üblichen Sinne ist Stanley Tuccis Film jedoch mitnichten. Der US-amerikanische Regisseur, den man besser als Schauspieler kennt, sucht eine andere Herangehensweise. Die Handlung spielt sich an mehreren Tagen im Jahr 1964 ab, im Pariser Atelier des Künstlers: Giacometti will seinen Freund Lord malen.

Dialoge schöpfen aus ­ echten Erfahrungen

Drei bis vier Stunden werde das in Anspruch nehmen, heisst es, einen Nachmittag höchstens. Doch schon bald ahnt der junge Schriftsteller, dass er noch ein Weilchen länger auf dem Stuhl im dunklen, engen, staubigen Atelier festsitzen wird.

Während James Lord sich in seiner Künstlerbiografie ganz zurücknimmt, stellt ihn Tucci zusammen mit Giacometti ins ­Zentrum seiner Betrachtung des künstlerischen Schaffensprozesses. Armie Hammer gibt den stets adrett gekleideten und fein säuberlich frisierten amerikanischen Kunstliebhaber und beweist sich erstmals in einer kleinen, unabhängigen Produktion. Der begnadete australische Mime Geoffrey Rush ist die ideale Besetzung des widersprüchlichen Künstlers mit den widerspenstigen Haaren. Die meiste Zeit über grantig, schlurft er durch die Räumlichkeiten, vollgestellt mit fertigen und unfertigen Figuren, die ein ums andere Mal seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Stanley Tucci gelingt es, obwohl er im Studio in London filmt, ein stimmiges Bild des Paris der 60er-Jahre zu schaffen. Schwarz-, Weiss- und Ockertöne herrschen vor – wie auch im Spätwerk Giacomettis. Die Dialoge schöpfen grossenteils aus der Biografie Lords und Anekdoten, welche ihm dieser im persönlichen Gespräch erzählt hat. Auch die Nebenrollen sind mit Tony Shalhoub als Giacomettis Bruder Diego, Sylvie Testud als Ehefrau Annette und Clémence Poésy als Caroline, Prostituierte und langjährige Geliebte des Künstlers, grossartig besetzt.

Das Atelier war ­Alberto Giacomettis Welt

Alberto Giacomettis lebendige Neugier und Sympathie für sein Modell schlägt sich im vertraulichen – und humorvollen! – Umgang nieder: «Ein echter Freund würde mir raten, das Malen für immer aufzugeben», meint er selbstironisch. Doch kann man von Freundschaft sprechen, wie Tucci es tut? Giacometti scheint sich nicht wirklich für sein Gegenüber zu interessieren – abgesehen davon natürlich, dass er ihn malen will; so, wie er ihn sehe, was sowieso sinnlos und unmöglich sei und nur ein Versuch noch dazu. Lord selber schrieb: «Freilich war es nie mehr als eine Bekanntschaft.»

«Einst hatte Alberto die Gesellschaft berühmter schöpferischer Menschen gesucht und genossen», hielt James Lord fest. «Jetzt schien er sich eher im Umgang mit obskuren und gewöhnlichen Leuten wohlzufühlen, mit Prostituierten, Herumtreibern, anonymen Gestalten in Nachtbars.» Die Atelierwelt war Giacomettis Welt. Für den Wunsch seiner Frau nach einem richtigen Zuhause hatte er nichts übrig.

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