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KINO: Die Liebe wird zur Schande

Was kann man Leo Tolstois «Anna Karenina» bei über 60 Verfilmungen noch hinzufügen? Ein russischer ­Altmeister wählt eine neue Perspektive, verlässt sich aber ganz auf den Sog dieser grossen Liebesgeschichte.
Regina Grüter
Erst geliebt, dann geächtet: Anna Karenina (Jelisaweta Bojarskaja) bewegt sich in der vornehmen St. Petersburger Gesellschaft. (Bild: Trigon)

Erst geliebt, dann geächtet: Anna Karenina (Jelisaweta Bojarskaja) bewegt sich in der vornehmen St. Petersburger Gesellschaft. (Bild: Trigon)

Regina Grüter

Sophie Marceau und Keira Knightley haben sie gespielt, Greta Garbo sogar zweimal: Anna Karenina, die Figur aus Leo Tolstois weltberühmtem Liebesroman aus dem Jahr 1878. Es gibt unzählige Verfilmungen, die wenigsten davon sind russisch. «Ich wollte schon sehr lange einen Film über die Liebe drehen, und was könnte da interessanter sein, als Anna Karenina zu verfilmen?», sagt Regisseur Karen Schachnasarow. «Niemand hat je besser über das Verhältnis zwischen Mann und Frau geschrieben, als Leo Tolstoi, und niemand wird je besser darüber schreiben.»

Mit «Anna Karenina – Vronsky’s Story» verfolgt der 1952 geborene russische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent einen neuen Ansatz. Er bettet die Liebes­geschichte zwischen der unglücklich verheirateten Anna Karenina und Graf Wronski ein in eine Rahmenhandlung, die auf Aufzeichnungen des Schriftstellers und Arztes Wikenti Weressajew basiert. Diese spielt 30 Jahre später in der Mandschurei. Im russisch-japanischen Krieg treffen dort in einem Lazarett Annas Sohn Sergei und der verletzte ­Offizier Wronski aufeinander. Der Militärarzt will wissen, was mit seiner Mutter passiert sei. Warum sie das getan habe. Anna Karenina hat sich vor den Zug ­geworfen – obwohl die Neuver­filmung hinter diese Deutung ein Fragezeichen setzt.

Ihre Welt steht still, die Umgebung dreht sich weiter

Schachnasarow («Ward No. 6», «White Tiger») lässt nun Wronski die Geschichte aus seiner Perspektive erzählen. Ganz in diesem Sinn beginnt jener mit dem Satz: «In der Liebe gibt es viele Wahrheiten.» Annas tragisches Schicksal vorweggenommen, setzt die Rückblende mit der ersten Begegnung der beiden ein, am Bahnhof. Geheimnisvoll, charmant und voller Liebe sei sie ­gewesen. Die Kamera umkreist Wronski sanft, Sonnenlicht durchflutet den Bahnsteig. Die eine Szene macht klar, es ist um ihn geschehen.

Anna sträubt sich erst gegen die Avancen des attraktiven ­Grafen. Wie bei Joe Wrights Verfilmung aus dem Jahr 2012 mit Keira Knightley und Aaron Taylor-Johnson verfällt ihm Anna in der berühmten Ballszene. Bei Schachnasarow funktioniert sie aber wesentlich besser. Beim Tanz steht ihre Welt still, während sich die Umgebung dreht. Die Erde dreht sich weiter. Wright war so sehr um einen ­modernen, überraschenden Ansatz bemüht, dass die Gefühle oft auf der Strecke blieben. Dabei geht es einzig und allein ­darum. «Anna Karenina» handelt von einer Frau, die bereit ist, für die Liebe alles zu opfern, und die nicht gewillt ist, für die Gesellschaft den Schein zu ­wahren.

Das Thema der absoluten Liebe ist zeitlos

Indem sich Schachnasarow auf wenige Hauptfiguren konzen­triert und die Romanhandlung um das Ehepaar Lewin ganz weglässt, schafft er Raum. Nicht nur für die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Mutter und Sohn. Heute herrschen zwar andere Zwänge, doch das Thema der absoluten Liebe ist zeitlos. Wie weit ist man bereit, sich zu verleugnen, um den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen?

Die in Russland sehr popu­läre Jelisaweta Bojarskaja ist die Idealbesetzung für die Rolle der Anna. In ihrem schönen Gesicht, das ein bisschen an die junge ­Michelle Pfeiffer erinnert, lässt sich die Entwicklung von Leben, Liebe und Hoffnung bis hin zu Einsamkeit, Verzweiflung und Tod ablesen. Das Grübchen, das sich zeigt, wenn sie lächelt, verschwindet mit der Zeit ganz. Und Wronski (Maxim Matwejew) bekommt bei Schachnasarow mehr als den Part des konturlosen Schönlings. Er kann seine Geschichte zu Ende erzählen.

Dazu bekommt der Offizier im Lazarett ein verlassenes chine­sisches Mädchen zur Seite gestellt. Es setzt sich neben ihn, wenn er gedanklich in die Vergangenheit abschweift. Und im Umgang zeigt sich, dass Wronski ein guter Mensch ist. Die etwas uninspirierte Figur des Mädchens und die Dramatisierung der Schlusssequenz von Wronskis Erzählung durch Zeitlupe hätte Schach­na­sarow getrost weglassen können. «Anna Karenina – Vronsky’s ­Story» ist schönstes, klassisches Kostümkino in russischer Tradition mit hervorragender Kameraführung und Ausstattung.

«Anna Karenina – Vronsky’s Story», ab Donnerstag im Kino.

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