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KINO: Die vielen Verflechtungen an der Luzerner Baselstrasse

«Rue de Blamage» nannte man die Luzerner Baselstrasse zwischen Gütsch und Bahngleis. Mit Kindheitserinnerungen beladen, bietet der Luzerner Aldo Gugolz die tragikomische Momentaufnahme eines Quartiers, das sich stetig wandelt.
Regina Grüter
Strassenmusiker Daniele Martin spielte fürs Vorpremierenpublikum. (Bild: Eveline Beerkircher (2. April 2017))

Strassenmusiker Daniele Martin spielte fürs Vorpremierenpublikum. (Bild: Eveline Beerkircher (2. April 2017))

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Auf dem Lädeliplatz verdient Daniele Martin bedeutend besser als auf dem Mühlenplatz. Da kann der Strassenmusiker im Film noch so lange sagen, es gehe ja nur um «es betzali Mönz». Für die vielen Touristen vor dem damaligen Café Hug ist er wohl einfach ein Junkie, und sie sind ein bisschen überfordert. Zwischen «Gewerbehalle» und Bar Berlin (heute «El Barrio») aber, auf dem Lädeliplatz eben, da ist Daniele zu Hause; er wohnt an der Baselstrasse, und man kennt ihn.

Der Dokumentarfilm «Rue de Blamage» von Aldo Gugolz über die Luzerner Baselstrasse feierte am Sonntag Vorpremiere im Kino Bourbaki. Und Daniele, wie ihn alle nennen, ist einer der Protagonisten, die man weit über die Strasse hinaus kennt. So auch Jo Birrer. Wer hat das Stadtoriginal nicht schon vor seinem Wohnhaus (damals noch) an der Baselstrasse 51 sitzen sehen?

Ein Quartier, ­ das viele Namen kennt

Der Untergrund, wie das Gebiet Basel-/Bernstrasse auch genannt wird, hat im Laufe seiner Geschichte viele Namen gekannt: «Little Italy», als in den 1960er-Jahren italienische Gastarbeiter kamen – Aldo Gugolz hat als Kind viel Zeit bei italienischen Verwandten im Quartier verbracht, wo es nach Polenta, Risotto und Abgasen gerochen habe. Oder «Neu-Belgrad», fanden doch viele Flüchtlinge während des Balkankriegs hier eine neue Heimat.

Im Film ist es die Syrerin Amal Naser, die für die 76 Nationen steht, die an der Baselstrasse vertreten sein sollen. Mit 54 Prozent hatte das Quartier zu Beginn der Dreharbeiten den grössten Ausländeranteil Luzerns und den höheren als die Zürcher Langstrasse (41 Prozent). Der Begriff «Rue de Blamage» stammt aus den 1970er-Jahren.

Da steht er nun, ­ der Heinz Gilli

Für Christoph Fischer ist das Quartier, genauer gesagt der Kreuzstutz, ein Quell der Inspiration. Durch seinen Feldstecher beobachtet der Zuschauer zu Beginn des Films tragikomische Alltagsszenen, die Fischer oft mit der Kamera festhält. In den über zehn Jahren, in denen der freie Zeichner, Illustrator und Künstler hoch über dem Kreisel sein Atelier hat, ist ihm Heinz Gilli immer wieder vor die Linse getreten – erst als Strassenwischer, der ihn im Winter mit dem Schneepflug geweckt hat, dann als Pensionierter, der im Quartier seine Runden dreht. Dem «einfachen Arbeiter» will Fischer in Form eines überlebensgrossen Gilli an der Kreuzung ein Denkmal setzen. Die aufwendigen Arbeiten an der Skulptur durchziehen den Dokfilm wie ein roter Faden.

Mit Christina Caruso, die im Quartier arbeitet, hat Regisseur Gugolz das Drehbuch verfasst. Mit ihr hatte er jemanden, den er bei überraschenden Ereignissen von seinem Wohnort Berlin aus mit einem Kameramann aussenden konnte. «Die Personen im Film haben uns einen Teil ihres Lebens gezeigt», sagt der Regisseur. Dazu ist nicht jeder bereit. Die Arbeit am Film hat vier Jahre gedauert; Zeit, die es braucht, um Vertrauen aufzubauen, das sich auf die Leinwand überträgt.

So sagt die Bordellarbeiterin Connie Baumgartner im Film, dass sie ihre wahre Tätigkeit nach aussen hin verberge, da sie die Gesellschaft dafür verurteilen würde, und macht doch mit ihrem Mitwirken den mutigen Schritt an die Öffentlichkeit. Viele Fäden laufen auch bei Gugolz’ ehemaligem Schulkollegen Pete Schaeren zusammen, der an der Baselstrasse eine Liegenschaft verwaltet. Was er mit seinen Mietern – dazu gehörte auch Daniele – aufgrund sprachlicher oder kultureller Verständigungsschwierigkeiten erlebt, sorgt immer wieder für ein leises Schmunzeln. In seinem Engagement zeigt sich aber auch das Leben in der Strasse, und die Mieter bekommen ein Gesicht.

Die Kamera bleibt nie lange bei einem Protagonisten, aber lange genug. Der Film hat einen guten Rhythmus, und was naturgemäss zu Beginn etwas sprunghaft wirkt, wird im Laufe der 80 Minuten zu einem dichten Zopf geflochten. Die Personen so miteinander zu verweben, stellt eine beachtliche Leistung dar.

Protagonisten ­wachsen einem ans Herz

Wenn man Daniele kennt, mag man ihn. Und das genau schafft der Film: Die Protagonisten wachsen einem ans Herz. Es geschieht, wofür Stadtpräsident Beat Züsli in seinen Eingangsworten den Verein Basel-Bernstrasse Luzern lobte: Verständnis wird geschaffen für andere Lebensweisen, Gebiete, Kulturen und Menschen. So verkehrt sich der provokante Filmtitel in sein Gegenteil.

Inzwischen wohnt Daniele Martin wieder auf der Strasse. Er muss denn auch los, um seinen Schlafsack zu holen. Ein Dokfilm so nah am Leben kann nur eine Momentaufnahme sein.

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