KINO: Die Welt der Geeks, Nerds und Sonderlinge

«X + Y» ist ein berührender Film über einen jungen Autisten. Dieser wagt sich ­hinaus in die weite Welt und findet dabei auch die Liebe.

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Nathan (Asa Butterfield) steht zum ersten Mal auf eigenen Beinen – und im Regen. (Bild: PD)

Nathan (Asa Butterfield) steht zum ersten Mal auf eigenen Beinen – und im Regen. (Bild: PD)

Nathan (Asa Butterfield) ist ein kleines Arschloch – zumindest verhält er sich so: Danke sagen kennt er nicht, er besitzt weder Empathie noch Feingefühl und verschliesst sich jeder menschlichen Annäherung. Doch Nathan trägt keine Schuld, ihm ist sein verletzender Umgang nicht bewusst. Der autistisch veranlagte Junge kann nonverbale Signale bei anderen Personen nicht deuten – klare Symptome des Asperger-Syndroms.

Für Regisseur Morgan Matthews ist «X + Y» der erste fiktionale Spielfilm – zuvor beschäftigte er sich über zehn Jahre lang mit gesellschaftlichen Dokumentarfilmen. Eine Trilogie über andersartige und ungewöhnliche Wettbewerbe führte ihn zum Mathegenie Daniel, der an einer neuronalen Entwicklungsstörung litt. Daniels Schicksal inspirierte Matthews zur ähnlichen, aber erfundenen Geschichte von «X + Y».

An der Grenze zum Kitsch

Bereits als kleiner Junge ist Nathan distanziert und verstockt. Nur seine klaren blauen Augen, mit denen er verwundert in die Welt blickt, versprechen Zugang zu seinem Innern. Der Junge erhält Spezialunterricht vom zynischen Mathelehrer Martin (Rafe Spall), dessen Krankheit Multiple Sklerose ihn langsam zu einem steifen Krüppel macht. Obwohl Nathan den Sarkasmus seines Lehrers meist missversteht, entwickelt sich zwischen den beiden eine Freundschaft.

Erst als Nathan ins englische Team der Internationalen Mathematik-Olympiade aufgenommen wird und ins Trainingscamp nach Taiwan fährt, lernt der weltfremde Teenager zum ersten Mal, auf sich allein gestellt zu sein.

Rührend, an der Grenze zum Kitsch, ist seine Begegnung mit dem schönen chinesischen Mädchen Zhang Mei (Jo Yang), die kein Problem mit seinen Absonderlichkeiten hat. So schnappt sie ihm kurzerhand einen Shrimp aus der Lunch-Box, damit sich darin sieben Stück befinden – denn für Nathan muss die Anzahl Shrimps eine Primzahl sein.

Schwierige Rolle

«Du bist wie eine Schildkröte in ihrem Panzer», sagt sie ihm. Zhang Mei schafft es, dass Nathan langsam seinen Kopf aus dem Panzer streckt. Während viele Details des Films gut recherchiert und glaubwürdig sind, wirkt die feine Liebesgeschichte zwischen Nathan und Zhang, die den Jungen grundlegend verändert, zu weit hergeholt. Das ändert aber nichts an der Rührseligkeit – und Liebe kennt bekanntlich keine Grenzen.

«X + Y» lebt weniger von der Geschichte als von seinen Figuren, die jede ihren eigenen Charme besitzt. Im Mathe-Camp begegnen wir der blassen Rebecca mit Nickelbrille, die Mathematik-Formeln auf dem Piano spielt, und dem hochnäsigen Luke Shelton, der nicht nur des Namens wegen auffällig an Sheldon aus der TV-Serie «The Big Bang Theory» erinnert. Bald wird Luke zum tragischen Charakter, der die einsame und asoziale Seite eines Autisten-Lebens zeigt. So bekommen die Zuschauer einen berührenden Einblick in diese Welt der «Geeks, Nerds und Sonderlinge», wie der Camp-Leiter sie liebevoll nennt. Nathans Rolle ist undankbar und schwierig zu spielen, doch der 17-jährige Asa Butterfield meistert die Aufgabe mit Bravour.

«Ich ging in spezialisierte Schulen und sprach mit autistischen Menschen – darüber, was zur Teenager-Zeit besonders schwierig für sie war», erzählte Butterfield. «Das war eine eindrückliche Lernerfahrung.» Die Vorbereitung hat sich ausgezahlt: Trotz stark verringerter Mimik vermag der Jungschauspieler die Hilflosigkeit und Verwirrung, die Freuden und Ärgernisse des verschüchterten Nathan überzeugend auszudrücken.

Julia Bänninger

Hinweis

Bewertung: 4/5 Sterne

«X + Y» läuft ab Donnerstag im Stattkino in Luzern