KINO: Ein starker Film gegen das Schweigen

Im Dokfilm «Als die Sonne vom Himmel fiel», verbindet Aya Domenig die Geschichte ihrer japanischen Grosseltern mit den Folgen der Atombombe. Und zeigt Parallelen zu heute auf.

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Chizuko Uchida arbeitete 1945 in Hiroshima als Krankenschwester, als die Atombombe abgeworfen wurde. (Bild: PD)

Chizuko Uchida arbeitete 1945 in Hiroshima als Krankenschwester, als die Atombombe abgeworfen wurde. (Bild: PD)

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Andreas Stock

Dies ist nicht ein weiterer Film über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Der eindrückliche Dokumentarfilm «Als die Sonne vom Himmel fiel» der japanisch-schweizerischen Filmemacherin Aya Domenig, der am Filmfestival Locarno seine Premiere feierte, geht über die Zeugnisse von Atombombenopfern hinaus. «Mich interessierte der Bezug zur Gegenwart. Vor allem, wie das Ereignis das Leben der Betroffenen verändert hat», sagt die 43-jährige Regisseurin.

Das Thema gefunden hat die in Japan geborene und in der Schweiz aufgewachsene Aya Domenig in der eigenen Familie: «Ich wusste schon als kleines Kind, dass mein Grossvater den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima erlebt hatte. Aber er wollte nie darüber reden; es sei zu furchtbar.» Ihr Grossvater war damals als Arzt am Rotkreuzspital von Hiroshima tätig; er verstarb Jahrzehnte später vermutlich an den Spätfolgen der inneren Verstrahlung.

Zivilcourage, die beeindruckt

In der Filmschule hatte Domenig erstmals daran gedacht, ihren Diplomfilm darüber zu drehen; doch sie begann das Projekt zunächst privat und ohne Fördergelder: «Die Zeit war reif», erklärt die Regisseurin; ihre Grossmutter war bereits Mitte 80 (sie verstarb 87-jährig, einen Monat nach Ende der Dreharbeiten).

«Ich stiess über das Internet auf Krankenschwestern, die meinen Grossvater gekannt hatten, und war erstaunt, wie viele von ihnen noch leben. Sie gehören zur letzten Generation jener, die noch Zeugen waren. Mir schien es wichtig, die Erinnerungen aus dieser Perspektive zu sammeln.»

In der Folge kristallisierten sich neben der Grossmutter zwei zentrale Protagonisten heraus: die 93-jährige Chizuko Uchida, die 1945 als Krankenschwester tätig war und sich bis heute als Atomgegnerin und Pazifistin engagiert.

Und der mittlerweile 98-jährige Arzt Shuntaro Hida; er war ebenfalls Arzt in Hiroshima und leitete bis im Alter von 92 Jahren eine eigene Klinik, die sich ausschliesslich mit den Folgeschäden bei Strahlenopfern und deren Kinder und Enkelkindern beschäftigt. «Er hat rund 6000 Patienten behandelt und verfügt über ein ungemein grosses Wissen», sagt die Filmerin.

Die Zensur der Besatzer

Diese Zeitzeugen sind ein grosses Geschenk für den Film. Es sind beeindruckende Menschen, die trotz schweren Erfahrungen ihren Humor und Optimismus behalten haben – «man kann viel von ihnen lernen», sagt Domenig, «ich bin sehr berührt von ihrer Zivilcourage und ihrem unermüdlichen Engagement.»

«Als die Sonne vom Himmel fiel» verbindet feinfühlig und klug die eigene Familiengeschichte mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Unter anderem zeigt er die Diskrepanz darin, wie Japan einerseits der Atombombenabwürfe gedenkt, anderseits aber die Opfer stigmatisiert wurden und es keine wirkliche kritische Aufarbeitung gab. So werden gemäss Hida die Gesundheitsschäden weiterhin massiv unterschätzt, was auch auf die Zensur zurückzuführen sei, die damals die US-Besatzungsmacht durchgesetzt hatte.

Kollektiv wichtiger als Individuum

Aya Domenig war in der Schweiz und bereitete ihre geplanten Dreharbeiten für April in Japan vor, als sich im März 2011 die AKW-Katastrophe in Fukushima ereignete. «Ich habe mit meinen Protagonisten telefoniert, die mir erzählten, dass sie den Opfern helfen wollten. Wir haben alle sofort die Parallelen gesehen», erinnert sie sich. «Fukushima hat mir die Augen geöffnet. Dadurch habe ich vieles aus der Vergangenheit besser verstanden und umgekehrt», sagt die Regisseurin. «Gerade das Schweigen war mir zuvor als ein zentraler Aspekt nicht so bewusst – dieses über eine Katastrophe nicht reden zu können.»

Es wiederholte sich zudem, dass es Zivilcourage und Mut braucht, eine Meinung zu äussern oder die Behörden zu kritisieren, weiss Domenig. Japan sei eben immer noch eine Gesellschaft, in der das Kollektiv betont werde, das Individuum als weniger wichtig gelte. Das wird auch im Film spürbar.

Mit «Als die Sonne vom Himmel fiel» gelingt es Aya Domenig sehr schön, eine Balance zwischen familiärer Nähe und respektvoller Distanz zu finden und über das Erinnern, Bewahren und Schweigen zu reflektieren. «Es war eine grosse Herausforderung, zwei historische Ereignisse, die Familiengeschichte und die weiteren Protagonisten, die ich in gut 100 Stunden Filmmaterial und japanisch gesprochen versammelt hatte, zu verdichten», sagt Domenig über den Filmschnitt. Und betont die sehr gute, wertvolle Zusammenarbeit mit der bekannten Cutterin Tania Stöcklin.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Hinweis

«Als die Sonne vom Himmel fiel» läuft ab Donnerstag im Stattkino Luzern. Bei der Premiere um 18.30 ist die Regisseurin anwesend.