KINO: «Elle» – Ein teuflisches Vergnügen

Verstörend und faszinierend zugleich: Mit «Elle» verfilmt der holländische Altmeister Paul Verhoeven («Basic Instinct») Philippe Djians Roman «Oh …». Für ihre Darstellung verdient Isabelle Huppert einen Oscar.

Regina Grüter
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«Du hättest ihm ja nicht gleich die Augen auskratzen müssen.» Isabelle Huppert als Michèle Leblanc in «Elle». (Bild: Frenetic/PD)

«Du hättest ihm ja nicht gleich die Augen auskratzen müssen.» Isabelle Huppert als Michèle Leblanc in «Elle». (Bild: Frenetic/PD)

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Einen «amoralischen Film», nennt Regisseur Paul Verhoeven sein Werk. «Elle» basiert auf dem Roman «Oh …» von Philippe ­Djian aus dem Jahr 2012. Da sind nicht nur Sex und Gewalt; da ist eine Frau, Michele Leblanc ­(Isabelle Huppert), die sich in kein Schema pressen lässt. Mit der besten Freundin Anna produziert sie Videogames (im Buch Filme), was die Atmosphäre von Sex und Gewalt auf der visuellen Ebene verstärkt. Erfolgreiche Geschäftsfrau? Ja. Liebende Tochter, Mutter und Freundin? Jein.

Die schwarze Katze mit den grünen Augen ist die einzige ­Zeugin. Sie sei bei sich zu Hause überfallen und vergewaltigt worden, teilt Michele beim Abendessen ihrem Ex Richard und den besten Freunden lapidar mit. «Warten Sie mit dem Wein noch zehn Minuten», meint Annas Ehemann Robert.

Sie macht einfach weiter, ­ als ob nichts gewesen wäre

Es ist die Art von Humor, wie sie der Roman vorgibt. Die ironischen Selbstgespräche, die Michele in «Oh …» mit sich selber führt, verraten eine Menge mehr über die Frau. Der Film hat keine Zeit für Erklärungen. Die Ambiguität der Figur, die eben gar nicht so widersprüchlich ist, sondern eher authentisch, liegt in den Händen von Isabelle Huppert («La pianiste», «L’avenir»). Es kommt noch dicker: Michele betrügt ihre beste Freundin mit deren Ehemann und beginnt eine Affäre mit ihrem Vergewaltiger.

Während der spanische Spielfilm «Kiki» Paraphilien – sexuelle Neigungen, die deutlich von der Norm abweichen – auf liebenswert-romantische Art präsentierte, kommt hier die harte Variante. Thriller, Familiendrama, Porträt einer modernen Frau, «Elle» ist alles, nur kein Psychogramm. Man fällt in der einen Szene heftig in das Psychothriller-Genre hinein und landet in der nächsten abrupt im Familiendrama, denn das Leben geht trotz der ungeheuren Tat einfach weiter. Das widerspricht jeder Regel des Thrillers. Und das ist es, was an dieser Figur am meisten irritiert: Sie macht einfach weiter, als ob nichts gewesen wäre, und behält immer die Oberhand.

Nahe an der literarischen Vorlage

Regisseur Verhoeven versucht nicht, uns Michele zu erklären, und bleibt damit nahe an der Vorlage, die in der ersten Person geschrieben ist. Michele ist, wie sie ist, und natürlich hat sie die monströse Vergangenheit geprägt – der Vater sitzt seit Jahren wegen Massenmords an Kindern im Gefängnis. Aber sie ist kein Opfer. Ihr Blick ist nach vorn gerichtet. Wohl eine Überlebensstrategie angesichts dessen, was sie erlebt hat.

«Elle» ist souverän inszeniertes, zurückgenommenes Schauspielkino, das einem einiges zu denken gibt. Wer den Roman nachträglich lesen sollte, wird wohl immer Isabelle Huppert vor Augen haben und denken, dass niemand anders diese Rolle hätte spielen können. Kaum zu glauben: Es ist die erste Oscar-Nominierung der 63-jährigen französischen Ausnahmeschauspielerin. Den Golden Globe gabs bereits – wie auch für den Film. Go for it, Isabelle Huppert!

Bewertung: 4 von 5 Punkten