KINO: Erhellende und intime Einblicke in die Haute Couture

Wie entsteht eine Haute-Couture-Kollektion und welche Philosophie verfolgen Modemacher? Diesen Fragen geht Frédéric Tcheng in seinem Dokumentarfilm nach.

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Raf Simons betrachtet leicht nachdenklich eine seiner Kreationen. (Bild: PD)

Raf Simons betrachtet leicht nachdenklich eine seiner Kreationen. (Bild: PD)

2012 tritt der Belgier Raf Simons seinen Posten als Chefdesigner beim Modehaus Dior an. Sein Einstieg könnte herausfordernder kaum sein. In nur zwei Monaten soll seine erste Show über die Bühne gehen, dafür muss eine ganze Kollektion entworfen und geschneidert werden. Hiermit ist der rote Faden von Dior und I gelegt. Regisseur Frédéric Tcheng verfolgt diese nervenaufreibende Zeit von der Ankunft Raf Simons im Modehaus bis hin zur finalen Modeshow vor Presse und Publikum.

Siamesische Zwillinge

Die ersten Worte des Films stammen aus Christian Diors Memoiren, die 1956 ein Jahr vor seinem überraschenden Tod erschienen sind. Dior spricht in den zitierten Stellen von den siamesischen Zwillingen, die sein Leben geprägt haben.

Einer ist jener Designer, der 1947 als Gründer des Modehauses Dior geboren wurde. Ein Mensch, der zwangsläufig in der Öffentlichkeit stand und das Ziel verfolgte, die Modewelt zu revolutionieren, indem er Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit der Frauen mit seiner Mode betonte. Mit dem Designer verwachsen ist der andere Zwilling: der private Christian Dior. Geboren 1905, ein stiller Mensch, der die Öffentlichkeit scheute. Diese Gegensätzlichkeit von Intimität und Öffentlichkeit stellt die vielleicht zentrale Parallele zwischen Dior und seinem indirekten Nachfolger Raf Simons dar. Auch Simons ist ein schüchterner Mann und mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. In der vielleicht intimsten Szene des Films treffen wir Simons auf dem Dach des Hauses, in dem gleich seine erste Show beginnen soll. Simons ist völlig aufgelöst und kämpft mit der Anspannung und Nervosität, die ihm Tränen in die Augen ­treiben.

Philosophische Fragen

Tchengs Film reisst viele spannende Fragen an. Woher kommt Inspiration, wie kann man Moderne und Tradition miteinander verbinden, was ist die Funktion von Mode? Viele solcher Fragen schneidet der Film immer wieder an, doch so richtig mag sich Tcheng dann doch nicht auf eine dieser eher philosophischen Fragestellungen einlassen und geht stattdessen auf Nummer sicher und konzentriert sich vornehmlich auf die Entstehung von Raf Simons erster Kollektion und die damit verbundenen logistischen und handwerklichen Herausforderungen. Dabei erhalten wir Zuschauer seltene Einblicke in die Arbeit, die hinter den Türen des Modehauses stattfindet. Insbesondere das Team der Schneider und Schneiderinnen und deren Leistung erhält viel Raum und gibt dem Zuschauer eine Ahnung ihres Arbeitsalltags.

Kein Platz für kritische Blicke

Ganz klar, Tchengs Film ist vor allem eine Würdigung all der Menschen, die sein Film porträtiert. Kritische Fragen darf man von dem Film allerdings nicht erwarten. Tcheng hinterfragt weder die Mechanismen der Modewelt, noch den oberflächlichen Prunk der Modeshows oder den Umgang mit dem einzelnen Menschen im Modebetrieb, wie man ihn zeitweise in den entsprechenden Castingshows im Fernsehen miterleben kann. Dies würde aber wahrscheinlich auch den konzentrierten Rahmen von Tchengs Film sprengen, der uns so spannende, durchaus erhellende und auch einige intime Einblicke in den Arbeitsalltag des Modehauses Dior bietet.

Pascal Gut

Hinweis

«Dior and I» läuft im Kino Bourbaki in Luzern •••••