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KINO: «Fai bei sogni» – Wenn die Mutter nicht mehr da ist

Süsse, Twist tanzen und eine unaufhörlich schmerzende Erinnerung: «Fai bei sogni» ­ des italienischen Altmeisters Marco Bellocchio ist eine Reise durch die Seelenlandschaft eines Mannes.
Geri Krebs
Der kleine Massimo (Nicolò Cabras) tanzt mit seiner Mutter (Barbara Ronchi) zum Beat. (Bild: Filmcoopi)

Der kleine Massimo (Nicolò Cabras) tanzt mit seiner Mutter (Barbara Ronchi) zum Beat. (Bild: Filmcoopi)

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

Vor zwei Jahren erhielt der grosse italienische Regisseur Marco Bellocchio in Locarno den Ehren­leopard. Der äussere Anlass für diese wichtigste Auszeichnung des Filmfestivals für ein Lebenswerk war, dass hier genau ein halbes Jahrhundert zuvor «I pugni in tasca» seine Weltpremiere erlebt hatte, Bellocchios kontrovers aufgenommener Erstling. Im heftigen Sozialdrama geht es um eine dysfunktionale Familie, in der ein psychisch gestörter Sohn seine tyrannische Mutter umbringt – ein für die damalige Zeit unerhörtes Thema.

«Fai bei sogni» erscheint nun fast wie ein versöhnliches Gegenstück zum Debütfilm des damals 26-jährigen Marco Bellocchio. Wieder steht die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter im Zentrum, und mit dem Jahr 1969 ist der Beginn des Films in jener Epoche angesiedelt, in der «I pugni in tasca» spielt. In der Eröffnungsszene von «Fai bei sogni» sieht man den neunjährigen Massimo in einer bürgerlichen Wohnstube mit seiner strahlenden jungen Mutter tanzen. Es ist die Zeit von Twist und Beat, und die Welt scheint hier in der norditalienischen Industriemetropole Turin noch in Ordnung.

Fai bei sogni – Träum was Schönes

Neben dem Tanzen schaut Massimo mit seiner Mutter am liebsten des Abends im Fernsehen eine populäre Gruselserie mit einem Monster namens Belfagor. Es ist eine Figur, die sich Massimo in der Folge immer wieder neu imaginiert, wenn etwas nicht rundläuft in seinem Leben.

Doch es ist eine weitgehend glückliche Kindheit, die der Knabe erlebt. Die Welt der Mutter ist das Haus, jene des Vaters die Spiele des FC Torino am Wochenende, die man im Stadion begeistert verfolgt. «Träum was Schönes» («Fai bei sogni») ist der Satz, den die Mutter ihrem Kleinen jeweils vor dem Schlafen­gehen mitgibt. So auch an jenem Abend, der ihr letzter sein sollte.

Ein Mann kämpft ­ mit einem Trauma

Sie habe schon immer zu den Engeln im Himmel gehen wollen, erklärt der Priester, zu dem man Massimo am nächsten Tag bringt – und der verstörte Junge weiss nicht, wie ihm geschieht. Das Einzige, was er weiss: Man belügt ihn. Was mit seiner Mutter wirklich geschehen ist, sagt ihm niemand.

Aus dieser von Bellocchio in wenigen Szenen grandios skizzierten Ausgangslage entwickelt sich der Film in der Folge in kunstvollen Rückblenden. Er beruht auf dem 2012 (auch auf Deutsch) erschienenen gleichnamigen autobiografischen Bestseller von Massimo Gramellini.

Ein erwachsener Massimo, der jetzt ein bekannter Journalist ist, erlebt ein Drama, das es in sich hat. Es geht dabei um eine Suche nach dem, was damals wirklich geschah – vor dem Hintergrund der Geschehnisse im Italien der 1980er- und 1990er-Jahre und darüber hinaus. Während die männliche Hauptfigur klar der erwachsene Massimo ist (gespielt von Valerio Mastandrea), liegt ein dramaturgischer Kniff von «Fai bei sogni» darin, dass die weibliche Hauptfigur erst nach der Hälfte des über zwei Stunden dauernden Films auftaucht.

Bérénice Bejo erweist sich als Glücksfall

Es ist die Notfallärztin Elisa. Eine Frau, die professionell mit Menschen umgehen kann, die eine Panikattacke erlitten haben. Und die Art und Weise, wie die französisch-argentinische Schauspielerin Bérénice Bejo diese Elisa verkörpert, die Massimo schliesslich ins Leben zurückhilft, sie ist schlicht grossartig. Die unter anderem als weibliche Hauptdarstellerin in der 2012 mit dem Oscar gekrönten Retro-Komödie «The Artist» von Michel Hazanavicius bekannt gewordene Schauspielerin erweist sich hier als Glücksfall. In einem Film, der bei aller Tragik eine beglückende Erfahrung darstellt – unter der Voraussetzung, dass man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

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