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KINO: Fukushima – Leben nach dem Untergang

Der Dokumentarfilm «Half Life In Fukushima» erzählt in poetischen Bildern von einem, der in einer Welt lebt, die einem Science-Fiction-Film entsprungen zu sein scheint: Doch Fukushima ist real.
Geri Krebs
Eine Gruppe Japaner ehrt die 20 000 Todesopfer, welche das Erdbebens vom 11. März 2011 einforderte. Dabei ereignete sich in Fukushima das schwerste Reaktorunglück seit Tschernobyl (1986). (Bild: Kimimasa Mayama/Keystone (Sendai, Japan, 11. März 2017))

Eine Gruppe Japaner ehrt die 20 000 Todesopfer, welche das Erdbebens vom 11. März 2011 einforderte. Dabei ereignete sich in Fukushima das schwerste Reaktorunglück seit Tschernobyl (1986). (Bild: Kimimasa Mayama/Keystone (Sendai, Japan, 11. März 2017))

Mit dem Gekrächze von Raben und den Schreien von Möwen eröffnet «Half Life in Fukushima». Dann gibt die Kamera den Blick frei auf drei in Gelb und Weiss gehüllte Zen-Mönche, vertieft in ein Ritual. Der Ort ihrer Zeremonie ist der Rand einer Strasse, an der sich ein kleiner Altar mit Blumen befindet, offensichtlich eine Erinnerungsstätte für Verstorbene. Dahinter türmen sich endlos aufgereihte riesige schwarze Abfallsäcke – und weil wir wissen, wo wir sind, darf man davon ausgehen, dass sich in den Säcken abgetragenes, radioaktiv verstrahltes Material befindet.

Kurz darauf sieht man einen älteren Mann, der einem verwahrlosten Strand entlanggeht, bis die Kamera lange am Meer verweilt und die Brandung zeigt. Es ist wohl jenes Meer, das am 11. März 2011 zu einem Tsunami anschwoll, Tod und Verwüstung über die Gegend um die japanische Stadt Fukushima brachte und die Katastrophe beim dortigen Atomkraftwerk auslöste. Eine nächste Szene zeigt den älteren Mann, wie er in einem Kleinlastwagen durch Strassen einer Vorstadt fährt. Auf den ersten Blick wirkt alles normal, wenn da nur nicht die totale Abwesenheit von Menschen wäre.

In Schutzanzug gehüllte Gestalt

Fast zehn Minuten dauern diese ersten Szenen von «Half Life in Fukushima», bis erste Worte gesprochen werden. «Am Anfang hatte ich auch Angst vor der Radioaktivität», hört man jetzt die Stimme des Mannes aus dem Off, während er erst an einer Strassensperre einer in Schutzanzug gehüllten Gestalt seinen Ausweis zeigt, dann durchgewinkt wird und schliesslich in Echtzeit an einer immer noch funktionierenden Verkehrsampel grotesk lange wartet, bis er schliesslich abbiegt und aus der Stadt aufs Land hinausfährt.

Naoto heisst der Mann, Bauer und Landbesitzer ist er, wie man erfährt, und irgendwie hat er es geschafft, nach der Reaktorkatastrophe wieder in sein Haus im verstrahlten Gebiet zurückzukehren. Vielleicht ist er auch gar nie von dort weg, hat sich im Wald versteckt, als alle Bewohner und Bewohnerinnen im Umkreis von 30 Kilometern um das havarierte AKW zwangsevakuiert wurden – so genau wird das nicht klar in diesem Film, der bewusst nicht erklärt, sondern nur beobachtet. Realisiert hat diesen Dokumentarfilm das schweizerisch-italienische Regieduo Mark Olexa und Francesca Scalisi.

Das Zirpen der Grillen. Der Wind in den Bäumen. Die Stimmen von Vögeln. Schliesst man die Augen zum Film und achtet nur auf die Tonspur, man könnte über weite Strecken der Illusion erliegen, hier handle es sich um ein reines Naturidyll. Doch wir befinden uns in der Gegend um Fukushima, und Naoto sagt gegen Ende des Films: «Das hier ist wie Tschernobyl. Dabei glaubte ich einmal, dass alles wieder wird wie vorher. Doch jetzt sind fünf Jahre vergangen, und meine Stadt wird nicht wieder auferstehen.»

Der Filmtitel ist doppeldeutig, denn «Half Life» heisst «halbes Leben», dann aber auch «Halbwertszeit», jene Zeitspanne, die es braucht, bis sich radioaktive Strahlung um die Hälfte verringert hat. Das wären im Falle von Fukushima über 30 Jahre – so lange wollte Naoto auf keinen Fall warten. Er will leben – dort, wo schon seine Ahnen lebten. Jetzt.

Bewertung: 3 von 5 Punkten

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

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