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KINO: Gefangen sein oder eine Ziege werden?

Sie passen nicht ins Bild, oder man will sie einfach loswerden: Eine Britin mit sambischen Wurzeln ­erzählt in «I Am Not A Witch» ungläubig, zärtlich und eigenwillig von Frauen im Hexenlager.
Margaret Mulubwa spielt die als Hexe gebrandmarkte Shula mit grosser, stiller Ausdruckskraft. (Bild: Outside the Box)

Margaret Mulubwa spielt die als Hexe gebrandmarkte Shula mit grosser, stiller Ausdruckskraft. (Bild: Outside the Box)

Ein Bus stoppt in der ausgetrockneten Landschaft, ein paar Touristen steigen aus und betrachten gelangweilt eine Gruppe Frauen, wie sie da auf dem Boden sitzen, in blaues Tuch gehüllt, weisse Farbstriche auf den Wangen, und zunächst den Blicken einfach standhalten. Zum Abschluss dann präsentieren die Frauen ihr verrücktes Spiel: Sie geben komische Kreischlaute von sich und fuchteln wild mit Armen und Händen. Ein menschlicher Zoo. Ein Hexencamp. Am Rücken der Frauen sind weisse Bänder befestigt. Sie würden die Hexen daran hindern, wegzufliegen, erklärt der Wärter.

Rungano Nyonis Debütfilm spielt in Sambia, wo sie geboren ist. Was wie ein surrealistischer (Alb-)Traum anmutet, hat sie in Ghana tatsächlich vorgefunden, in einem der ältesten Hexenlager. Ins Zentrum rückt sie das Mädchen Shula, das von einer Dorfbewohnerin der Hexerei bezichtigt wird: Einen Eimer Wasser auf dem Kopf zu tragen ist das Natürlichste der Welt. Es kann nur das stumme Mädchen mit dem eindringlichen Blick gewesen sein, das sie ins Straucheln gebracht hat. Natürlich ist Shula keine Hexe, aber ein gefundenes Fressen für Mr. Banda, Minister für Tourismus und Volksglaube. Er weiss, wie man mit dem Aberglauben der Menschen Geld verdient, setzt Shula als Richterin bei Volkstribunalen ein, lässt sie lang ersehnten Regen zaubern oder nimmt die jüngste Hexe in eine Talkshow mit, wo er Shula-Eier an den Mann bringen will. Es sind absurd-komische Szenen.

Das passiert, wenn man das Band durchschneidet

Aufgewachsen ist Regisseurin und Drehbuchautorin Nyoni in Grossbritannien. Und es ist ihre ungläubige Sicht von aussen, vermischt mit dem zärtlichen Blick auf dieses Mädchen, das einfach da ist, allein, und eigentlich nur mit anderen Kindern zur Schule gehen möchte. Seine Geschichte erzählt Nyoni elliptisch und sehr eigen. Zur Anfangssequenz ertönt Antonio Vivaldis «Winter» aus den «Vier Jahreszeiten». Ein Sinnbild dafür, wie die Regis­seurin Welten zusammenführt: die ­moderne und die archaische, die prosaische und die mystische und ihre eigenen beiden; der Film ist rätselhaft, ist Sozialkritik und Staunen über die Schönheit ihrer alten Heimat, die in langen Aufnahmen von vertrockneten Bäumen in der staubigen Erde zu ­reiner Poesie wird (David Gallego, der auch das grandiose Amazonas-Drama «El abrazo de la serpiente» fotografiert hat).

Shula wird im Glauben be­lassen, eine Hexe zu sein, und sie weiss nicht, was besser ist: Eine Gefangene zu sein oder eine ­Ziege, die gehen kann, wohin sie will, und fressen kann, wann sie will. Denn eine Ziege wird man, wenn man das Band durchschneidet, heisst es.

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch


Hinweis

«I Am Not A Witch» läuft ab morgen im Stattkino (Luzern).

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