KINO: Grotesker Tanz im Grenzgebiet

Wie schon in seinem vielbeachteten Erstling «Lebanon» fragt der israelische Filmemacher Samuel Maoz nun auch in «Foxtrot» nach dem Sinn militärischer Einsätze. Mit makaberen Wendungen.

Irene Genhart
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Jonathan Feldman (Yonathan Shiray) tanzt mit seinem Gewehr in der Wüste. (Bild: PD)

Jonathan Feldman (Yonathan Shiray) tanzt mit seinem Gewehr in der Wüste. (Bild: PD)

Irene Genhart

kultur@luzernerzeitung.ch

Freiwillig in den Krieg gezogen ist Jonathan Feldman (Yonathan Shiray) nicht. Er leistet bloss pflichtschuldig seinen Dienst am Vaterland und bewacht mit drei anderen Soldaten einen Grenzposten irgendwo im Niemandsland zwischen Israel und dem besetzten Gebiet. Viel Zeit totzuschlagen gilt es dabei.

Die vier Soldaten, dem Alter nach Jugendliche noch, tun, was Jungs gern tun. Sie hängen herum, triezen sich, blödeln, Sexheftchen sind ein Thema. Jonathan kritzelt ab und zu in einem Notizheft herum. Einmal fällt bei einer Kontrolle ein Spielzeugroboter aus einem Auto, er wackelt anschliessend im Grenzbereich herum. Eines Morgens stolziert das Dromedar, welches das Filmplakat nebst Jonathan zeigt, an den Grenzwächtern vorbei: Sie heben die Schranke für das Tier so selbstverständlich wie für Autos und Menschen.

Todesnachricht überbracht

«Strasse rein» melden sie zwischendurch. «Foxtrot» ist ihr Codename, in der groteskesten Szene dieses Films, der so heisst wie der Tanz, demonstriert Jonathan in Militärmontur und mit Gewehr in der Hand, wie Foxtrott geht: zwei Schritte nach vorn, ein Hüpfer zur Seite, zwei Schritte zurück, ein Hüpfer zur anderen Seite. Es ist ein Treten, gar Hopsen an Ort, und ist – sich als roter Faden durch den Film ziehend – als Metapher wohl auch so zu verstehen. Denn Samuel Maoz, der, obwohl 1963 geboren, mit «Foxtrot» erst grad seinen zweiten langen Film vorstellt, hat schon in «Lebanon» vor neun Jahren nach dem Sinn von Krieg und den Folgen von Kriegsaktionen auf die Verfassung von Soldaten gefragt.

«Foxtrot» ist in drei Akte aufgeteilt, die Szenen am Grenzposten bilden das Kernstück. Die davor stehende und danach kommende Episode drehen sich um Jonathans Eltern: Daphna und Michael Feldman, gespielt von Sarah Adler und Lior Ashkenazi, wobei vor allem Ashkenazi durch sein glühend beherrschtes Spiel überzeugt. Ihr Sohn Jonathan, vermelden zum Filmanfang zwei angereiste Armeeangehörige den in Tel Aviv wohnenden Eltern, sei im Dienst des Landes gefallen.

Daphna bricht sofort zusammen. Michael indes hört sich mit versteinerter Miene an, was die Soldaten routiniert herunterbeten. Dass er sich um die Beerdigung nicht zu kümmern brauche, weil Jonathan selbstverständlich mit aller ihm zustehenden Ehre bestattet werde. Dass Michael aber gut auf sich und seine Gesundheit aufpassen und sicherlich jede Stunde ein Glas Wasser trinken solle. Und dass er, sobald Daphna wieder zu sich komme, sich mit dem Care-Team in Verbindung setzen könne: Man ist beim Militär auf solche Situationen bestens vorbereitet.

Unbedingt sehenswert

Daphna und Michael aber sind es nicht. Wut, Verzweiflung, Bedauern brechen über sie hinein. Michael ringt mit sich, informiert Verwandte, Bekannte. «Verstehst du, was ich sage?», fragt er seine Mutter.

Doch was gibt es da eigentlich zu verstehen? Maoz erzählt chronologisch, doch die Geschichte seines Films nimmt zweimal eine fast schon ins Makabre führende Wende.

«Foxtrot» ist ein auch bildlich starker Film. Eine Familientragödie, ein Beziehungsdrama, vor allem aber ein heftiger Antikriegsfilm. Einer, der – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – nicht überall gut ankommen wird, in unseren Augen aber auch dadurch unbedingt sehenswert ist.

Hinweis

«Foxtrot» läuft im Kino Bourbaki (Luzern).