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KINO: Grusel-Vorstadt der Coen-Brüder

George Clooney verfilmt in «Suburbicon» eine Geschichte der Coen-Brüder – und blickt nur oberflächlich in die Abgründe der amerikanischen Mittelschicht: Sozialdrama, Thriller, pechschwarze Komödie in einem.
Daniel Kothenschulte
Der Schauspieler Matt Damon in «Suburbicon» als unbegabter Missetäter, der sich selbst eine Grube gräbt. (Bild: Hilary Bronwyn Gay)

Der Schauspieler Matt Damon in «Suburbicon» als unbegabter Missetäter, der sich selbst eine Grube gräbt. (Bild: Hilary Bronwyn Gay)

Daniel Kothenschulte

Schwer zu sagen, wer als erster in Hollywood die sauberen Vorgärten amerikanischer Wohnviertel nach vergrabenen Leichen durchforstet hat. Lange jedenfalls bevor David Lynch in seinem modernen Klassiker «Blue Velvet» dekorativ ein abgeschnittenes Ohr hinter einem weissen Gartenzaun platzierte, erzählte schon Alfred Hitchcock in gesitteter Umgebung von bösen Onkeln mit guten Manieren («Im Schatten des Zweifels»). Oder von verscharrten Leichen, die einfach nicht verschwinden wollten («Immer Ärger mit Harry»).

George Clooney muss also seiner neuesten schwarzen Komödie keine lange Einführung vorausschicken. Wer einen Film über eine archetypische amerikanische Grusel-Vorstadt «Suburbicon» nennt, kann sich auf wohlige Erwartungen stützen: Bald schon werden sich jene Abgründe auftun, die Susan Sontag einmal den «amerikanischen Surrealismus» genannt hat.

Grimmige Fratze der weissen Mittelschicht

In erlesenen Bildern führt Clooney in eine 50er-Jahre-Kleinstadt, deren Pastellfarben das makabre Geschehen nicht zu überdecken vermögen. Schon in der ersten Szene zeigt eine biedere weisse Mittelschicht ihre grimmigste Fratze, wenn sich vor dem Haus der neuen Nachbarn ein Mob versammelt. Die Neuankömmlinge Mr. und Mrs. Mayers mögen zwar an Fleiss und Ordnungsliebe den Idealen der typischen Vorortbewohner entsprechen, nur leider sind sie schwarz und deshalb unerwünscht.

Dies könnte der Beginn eines historischen Dramas von politischer Aktualität sein – zumal es tatsächlich 1957 im Städtchen Levittown in Pennsylvania ein afroamerikanisches Ehepaar namens William und Daisy Myers gab, das monatelang unter der Gewalt seiner weissen Nachbarn leiden musste. Dann aber passiert George Clooney, was ihm nicht passieren dürfte: Er verliert das Interesse an ausgerechnet diesen Figuren, ja er verliert sie förmlich aus den Augen. Mr. und Mrs. Mayers sind nicht mehr als das, was Hitchcock einen «McGuffin» nannte – eine falsche Fährte, gerade einmal gut genug, eine Stimmung anzuschlagen.

Hitchcock ist tatsächlich den ganzen Film hindurch präsent als unerreichtes Vorbild, insbesondere für Komponist Alexandre Desplat, der sich am stechenden Blech und den orchestralen Dissonanzen seines Hauskomponisten Bernard Herrmann orientiert. Und damit die finsteren Pläne jenes Musterexemplars des bigotten weissen Bürgertums untermalt, das Clooney so viel mehr interessiert als dessen schwarze Nachbarn.

Matt Damon spielt einen scheinheiligen Familienvater, der seine von Julianne Moore gespielte Frau von bestellten Einbrechern ermorden lässt. Unrettbar verstrickt sich der Versicherungsbetrüger bald in seinem eigenen schlechten Plan, und der Ton des Films wandelt sich nun schon zum dritten Mal: Aus dem Sozialdrama ist nach einem bösen Thriller nun eine pechschwarze Komödie geworden. Müssten wir nicht zugleich um das Leben seines kleinen Sohns fürchten, schadenfroh würden wir dabei zusehen, wie sich der denkbar unbegabte Missetäter seine eigene Grube gräbt. Tatsächlich aber ist es vor allem Clooney, der sich eine Falle nach der nächsten stellt. Immer wieder gelingen ihm pointierte Szenen, und für den makellosen Look hat er einen der besten Kamerakünstler engagiert, Robert Elswit, der für «There will Be Blood» einen Oscar bekam. Doch die Szenen sehen sich an wie eine Art makaberer Slapstick. Das Genre, das hier Pate steht, der film noir, ist gut geeignet für feine Ironie, doch Clooneys Ironie ist eher laut.

Drehbuch von Joel und Ethan Coen

Gerne sagt man über Regisseure, sie seien so wie ihre Filme, und irgendwie gilt das auch für Clooney. Seine Filme sehen sehr gut aus, sie sind intelligent und schlagfertig. Aber man ist sich nie sicher, wie viel es unter ihren Oberflächen zu entdecken gibt. Das Drehbuch, das er nach gründlicher Bearbeitung verfilmte, stammt von Joel und Ethan Coen. Die Brüder schrieben es 1986, am Anfang ihrer Karriere, und vielleicht liessen sie es erst mal liegen, als sie im selben Jahr David Lynchs «Blue Velvet» in den Kinos sehen konnten. Es ist erstaunlich, wie gut sich ihre pessimistischen Notizen aus der Provinz gehalten haben: Der ­Coen-Film «Fargo» ist als erfolgreiche Fernsehserie zurückgekehrt, Lynchs «Twin Peaks» erlebte in seiner dritten Staffel ein grandioses Comeback. Dagegen wirkt Clooneys Film wie das Werk eines gelehrigen Schülers: Seine Tugenden sind Fleiss und Ehrgeiz, sind das Gutgemachte. Also eigentlich genau die Ideale der Menschen von «Suburbicon».

«Suburbicon» läuft ab morgen in den Kinos Bourbaki und Capitol (Luzern), Maxx (Emmenbrücke), Gotthard (Zug).

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