KINO: Heinrich von Kleists letztes Kabinettstückchen

«Amour fou» ist ein Film, wie es heutzutage im Kino nur wenige gibt: Laut ist es in diesem sorgfältigst inszenierten Kostümfilm nur unter der Oberfläche.

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Die leicht beeinflussbare Henriette hat sich für das Leben entschieden – und für die Musik. (Bild: Cinémathèque Suisse/PD)

Die leicht beeinflussbare Henriette hat sich für das Leben entschieden – und für die Musik. (Bild: Cinémathèque Suisse/PD)

Heinrich von Kleist war ein Schwerenöter. Ein «Aussenseiter» nicht nur «im literarischen Leben seiner Zeit», sondern auch in der besseren Gesellschaft, in der er verkehrte. Die Zeit, das ist die Romantik. Wir haben das Jahr 1811, Kleists Todesjahr. Geldnöte und die Kritik an seinen Werken beflügeln die Selbstmordgedanken.

In «Amour Fou» greift die österreichische Regisseurin Jessica Hausner («Lourdes») das Thema des lebensmüden Dichters auf. Die «romantische Komödie» sei frei inspiriert durch den Suizid Heinrich von Kleists.

Unerklärliches Unwohlsein

Eine romantische Komödie? Hausner erzählt die Geschichte mit ironischem bis sarkastischem Unterton. Ihr Heinrich (gut getroffen: Christian Friedel) trachtet danach, die Unausweichlichkeit des Todes durch Liebe zu überwinden. Die Auserwählte, die ihm durch ihre bedingungslose Liebe in den Tod folgen sollte, ist Marie, seine Cousine. Deren Gefühle Heinrich gegenüber erschöpfen sich jedoch in freundschaftlichem Wohlwollen.

Ein «Opfer» für seinen Suizidpakt findet Kleist in der verheirateten Henriette Vogel (Birte Schnöink), der er völlig unerwartet seine Liebe gesteht – ist er verzweifelter Lügner oder gewiefter Manipulator? Fasziniert vom Werk des Dichters «Die Marquise von O ...», lässt sich die labile Henriette von der Schwermut Heinrichs anstecken. Wie die sonst kerngesunde Marquise leidet sie plötzlich an einem unerklärlichen Unwohlsein. Mit «Krankheiten der Seele» hat man in Preussen noch wenig Erfahrung.

Der reinste Augenschmaus

Jessica Hausner treibt das makabere Spiel ironisch auf die Spitze. Es ist aber eine feine Ironie, die wie die wenigen Kamerafahrten fast unbemerkt bleibt. Die Bilder sind präzise gestaltete Tableaus: Eine Gesellschaft lauscht dem Gesang und dem Cembalospiel oder empört sich über «neue französische Ideen». «Wenn uns nur die Demokratie erspart bleibt», heisst es da etwa. Die Farben sind satt, die Ausstattung und die Kostüme der reinste Augenschmaus. Es wird nur natürliches Licht verwendet, und die Musik machen die Protagonisten selber. Das lässt eintauchen in eine vergangene Welt, in der die Emotionen stark unter dem Deckel der Konventionen gehalten wurden, es «gesittet» zu- und herging und es einem die gute Erziehung verbot, lautstark – wenn auch berechtigt – Einspruch zu erheben.

Kunstvoll gestaltetes Kammerspiel

«Amour fou» ist ein geistreiches, sehr kunstvoll gestaltetes Kammerspiel mit wenigen Aussenaufnahmen, das einen des Öftern zum Schmunzeln verleitet. Ein Kostümdrama der etwas anderen Art, zu dessen Gelingen neben Jessica Hausner (Buch und Regie) Martin Gschlacht (Kamera), Katharina Wöppermann (Szenenbild) und Tanja Hausner (Kostüm) erheblich beigetragen haben.

«Man denkt, man möchte leben, und möchte doch sterben», fasst die Regisseurin Henriettes Dilemma zusammen. Der Schlusssatz gebührt Heinrich von Kleist, dem echten: «Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war», schrieb Kleist an seine Schwester.

Regina Grüter

Hinweis

Heute 20.15 Uhr Premiere im Stattkino Luzern. Die Regisseurin Jessica Hausner wird heute über Skype zugeschaltet.