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KINO: Hemdenhändler entdeckt sein Herz

Auch im zweiten Teil von Aki Kaurismäkis Hafentrilogie solidarisiert sich ein Einheimischer mit einem Flüchtling. Der finnische Regisseur bekundet offen, mit «The Other Side Of Hope» das Publikum manipulieren zu wollen. Das ist einfach grossartig.
Regina Grüter
Grosser Wagen, grosses Herz: Hemdenhändler Wikström (Sakari Kuosmanen, am Steuer), zusammen mit dem Syrer Khaled (Sherwan Haji, links) und dem Iraker Mazdak (Simon Hussein Al-Bazoon).Bild: Filmcoopi

Grosser Wagen, grosses Herz: Hemdenhändler Wikström (Sakari Kuosmanen, am Steuer), zusammen mit dem Syrer Khaled (Sherwan Haji, links) und dem Iraker Mazdak (Simon Hussein Al-Bazoon).Bild: Filmcoopi

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Ein riesiger Kaktus steht auf dem Tisch, auf den Wikström (Sakari Kuosmanen, bekannt auch aus dem Film «Juha») seinen Ehering legt. Und ein Aschenbecher. Und eine Flasche Schnaps. Die Ehefrau nimmt es gleichmütig zur Kenntnis, dass der Mann sich verabschiedet, und gönnt sich einen. Und gleich ist man wieder drin, im Kaurismäki-Universum, in dem alle rauchen, sich Pommade ins Haar streichen oder einen schwarzen Checker (die alten New-York-Taxis) fahren.

Wikström handelt mit Hemden. Doch wie auch schon das Protagonistenpaar in «Drifting Clouds» (1996) – Kati Outinen und Kari Väänänen – hegt er den Traum von eigenen Restaurant. Fündig wird er im «Goldenen Krug» in einer verlassenen Seitengasse Helsinkis – Personal und Mobiliar inbegriffen. Anstatt ­Essen geht vor allem Bier über die Theke, und die Bohemiens lauschen den Bands, die unter Jimi Hendrix’ Konterfei spielen.

Sie haben immer ­ eine Münze

Andererseits ist da Khaled (Sherwan Haji), der wie ein Phönix aus der Asche steigt. Der syrische Flüchtling hat die Überfahrt nach Helsinki körperlich unbeschadet überstanden – unter dem Kohlelager. Er beantragt Asyl, auch um Hilfe bei der Suche nach seiner Schwester zu bekommen, die er auf der Flucht verloren hat. Die Wege der beiden kreuzen sich, als Khaleds Antrag abgelehnt wird und er im Hinterhof vom «Goldenen Krug» Zuflucht sucht.

Vor längerer Zeit stellte Aki Kaurismäki fest, Solidarität sei ein Begriff, der aus dem allgemeinen Sprachgebrauch zu verschwinden drohe. Die Protagonisten seiner Filme, die armen Schlucker, ­haben immer eine Münze für den Strassenmusiker oder die Bettlerin. Und es sind die Obdachlosen, die Khaled zu Hilfe eilen, als er von der rechtsradikalen Befreiungsarmee Finnland angegriffen wird. Bei Kaurismäki stehen die Randständigen eben nicht am Rand, sondern im Mittelpunkt. «Niemand will uns ­sehen. Wir verursachen Probleme», sagt Khaled einmal.

Doch auch der Humor ist typisch für Kaurismäki und resultiert zu einem grossen Teil aus der Figurenkonstellation und daraus, wie sie im Raum angeordnet wird. Zum Beispiel, wenn die Restaurantbelegschaft dem frisch aufgenommenen Flüchtling wortlos beim Essen zuschaut (Production Design: Aki Kaurismäki, Kamera wie immer: Timo Salminen). Diesmal aber hat Kaurismäkis Drehbuch auch ein paar fast Slapstick-artige Szenen auf Lager, die nicht alle sein müssten. Aber wie Kati Outinen bei ihrem kurzen Auftritt als Besitzerin des Hemdengeschäfts Wikströms Angebot, sein Lager aufzukaufen, mit stoischer Miene ablehnt, ist schon sehr lustig: «Ich brauche Action nach der ganzen Ruhe hier.» Und dass sie nach Mexico City gehen wolle, um Sake zu trinken und Hula-Hula zu tanzen. Der Wortwitz funktioniert.

Negativer Asylbescheid und Nachrichten aus Aleppo

Aber eigentlich ist es Kaurismäki ja auch ernst. «The Other Side Of Hope» sei bis zu einem gewissen Grad das, was man unter einem tendenziösen Film verstehe, sagt er. So schliessen an die Szene, in der Khaleds negativer Asyl­bescheid verlesen wird, Fernsehnachrichten aus Aleppo – die beiden Berichte widersprechen einander diametral. «Es ist ein Film, der ohne Skrupel die Ansichten und Meinungen seiner Zuschauer verändern will, indem er, um dieses Ziel zu erreichen, ihre Gefühle manipuliert», so Kaurismäki weiter. In seiner Konsequenz ist «The Other Side Of Hope», der zweite Teil seiner Hafentrilogie, etwas pessimistisch-realistischer als noch zuletzt das «Sozialmärchen» «Le Havre» (2011).

Kaurismäki und der Alkohol

Aki Kaurismäki war etwas betrunken an der diesjährigen Berlinale, wo «The Other Side Of Hope» im Wettbewerb war, und wollte so gar nicht nach vorne, um seinen Preis auf der Bühne entgegenzunehmen. Aber wer nimmt ihm das schon übel. Schliesslich macht er kein Geheimnis daraus, dass er dem Alkohol etwas stark zugeneigt ist. Wie auch viele seiner Filmfiguren. Mit seinen Werken macht er die Welt etwas schöner, und man kommt ihm gern entgegen – auch mit dem Silbernen Bären für die beste Regie.

Der Film ist Filmhistoriker und Regisseur Peter von Bagh (1943–2014) gewidmet, mit dem Kaurismäki viele Gespräche geführt hat, gesammelt in dem schönen, reich bebilderten Buch «Kaurismäki über Kaurismäki».

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Hinweis

«The Other Side Of Hope» startet am Donnerstag in den Kinos Bourbaki (Luzern), Gotthard (Zug).

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