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KINO: Hier öffnen sich bodenlose Abgründe

Stephan Streker arbeitet in «Noces» die tragische Geschichte zweier Geschwister auf.
Irene Genhart

Ab und zu liest man von Fällen wie dem in «Noces» beschriebenen in Zeitungen. Von Familienehre ist dann jeweils die Rede. Von alter Tradition und von heutigem Recht. Des Weiteren geht es oft – so auch hier – um Migration und Integration. Um das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen, Missverständnisse und Ängste. Dabei nur von den Frauen als Opfern zu sprechen, ist gefährlich. Allein schon, dass ­«Noces» dies nicht tut, ist Regisseur Stephan Streker hoch anzurechnen.

«Noces» beginnt locker-beschwingt. Zahira – beeindruckend in ihrer ersten Kinorolle: Lina El Arabi – lebt mit Eltern, Bruder und kleiner Schwester in einer belgischen Provinzstadt, die ältere Schwester ist bereits verheiratet und ausgezogen. Zahira ist 18 und besucht eine öffentliche Schule. Sie hat in der Belgierin Aurore (Alice de Lencquesaing) eine beste Freundin und steht ihren Geschwistern sehr nahe; besser integriert als ihre Eltern führen die Kinder eine Art Doppelleben. So ziehen die Mädchen, wenn sie die Wohnung verlassen, zwar ein Kopftuch an, das sie später, wenn es ihnen dient, wieder ausziehen. Fast ebenso selbstverständlich gehen sie, wenn die Eltern sie schlafend wähnen, nachts heimlich in den Ausgang. Man will dabei sein, ist jung und ein wenig unvernünftig.

«Wie eine griechische Tragödie»

Und dann ist Zahira eines Tages schwanger. Sie vertraut sich ihrem Bruder an. Er vermittelt; erstaunlich gelassen nehmen das die Eltern, gar das Geld für eine Abtreibung wird aufgetrieben. Doch die Eltern nehmen die Begebenheit als Hinweis auf Zahiras Ehebereitschaft. Und geheiratet wird bei den Pakistani grundsätzlich unter ihresgleichen, und die Ehen sind arrangiert. Ergo präsentiert die Mutter Zahira bald schon eine Liste möglicher Heiratskandidaten: junge Männer, die in Pakistan leben – nach der Hochzeit soll Zahira dorthin zurückkehren. Zahira hat aber anders entschieden. Sie hat das Kind behalten. Und sie liebäugelt nicht mit dem Kindsvater, der wenigstens Pakistani wäre, sondern mit einem Belgier. «Noces» orientiert sich an einem wahren Fall, dessen Ausgangslage gemäss Streker «monströs wie in einer griechischen Tragödie» ist.

Denn Zahiras Versuch, der verfahrenen Situation zu entkommen, zwingt ihre Familie – sofern sie das Gesicht nicht verlieren will – zu handeln. Streker erzählt konsequent aus der Sicht Zahiras sowie ihres Bruders und lässt «Noces» als Tragödie zwischen Geschwistern enden. Das ist leider relativ früh erahnbar und, weil man auf ein Happy End hofft, auch hart. Davor allerdings lotet «Noces» geschickt den kulturellen und gesellschaftlichen Clinch aus, in dem Zahira und ihre Familie leben.

Plötzlich ein Verräter

Dabei lenkt sich das Augenmerk auf die Doppelmoral – nicht nur der Kinder, sondern auch der Eltern. Denn wo die Rekonstruktion der Jungfräulichkeit als pragmatische Lösung akzeptiert wird oder Aurores Vater, der als Vertrauter der Familie vermitteln will, plötzlich als Verräter gilt, öffnen sich bodenlose Abgründe. «Noces» ist kein schöner, aber ein wichtiger Film, vielleicht auch eine Warnung. Weil es letztlich die Aufgabe jeder Gesellschaft wäre, allen ihren Mitgliedern die in ihr geltenden Werte und Ideologien zu vermitteln. Hier konkret: eines jedes Menschen Recht auf Freiheit.

Irene Genhart

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Noces» läuft im Stattkino in Luzern.

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