KINO: Hieronymus Bosch und das Wimmelbild der Lüste

Fast anderthalb Stunden geht es in «The Garden Of Dreams» um ein einziges Gemälde: den «Garten der Lüste» von Hieronymus Bosch. Regisseur José López-Linares beweist, dass dies weder langweilig noch belehrend sein muss.

Drucken
Teilen
Künstler Miquel Barceló vor dem «Garten der Lüste». (Bild: Xenix/PD)

Künstler Miquel Barceló vor dem «Garten der Lüste». (Bild: Xenix/PD)

Einmal den «Garten der Lüste», das berühmteste Gemälde des Niederländers Hieronymus Bosch (1450 bis 1516), von ganz nah betrachten: Das liessen sich weder Salman Rushdie noch Orhan Pamuk noch Cees Nooteboom nehmen. Der Regisseur José López-Linares organisierte für die Schriftsteller und weitere Leute aus Kultur und Wissenschaft einen nächtlichen Museumsbesuch im Prado in Madrid, wo sich «Der Garten der Lüste» befindet. Im Dokumentarfilm «The Garden Of Dreams» lässt uns der Regisseur an deren Deutungsversuchen des rätselhaften Gemäldes teilhaben.

Es ist keiner dieser Dokumentarfilme geworden, in denen Kunsthistoriker in belehrender Weise dozieren. Obwohl Experten aus verschiedenen Fachbe­reichen auftreten, geht es nicht um die ultimative Interpretation. José López-Linares hat sich als «Archäologe der Emotionen» betätigt, wie er in einem Interview zu Protokoll gab. So ist es ihm gelungen, das Staunen über Boschs faszinierendes Kunstwerk einzufangen, das vor über 500 Jahren entstanden ist und die Menschen bis heute nicht kaltlässt.

Vögel fliegen aus ­ dem Hintern

Gemeinsam mit den Betrachtern entdecken wir die Fülle an Menschen, Tieren, Pflanzen, die Hieronymus Bosch auf dem Triptychon dargestellt hat – heutzutage würde man von einem Wimmelbild sprechen: den Mann mit dem Pflaumenkopf und jenen, dem Vögel aus dem Hintern fliegen, die putzige Giraffe, den riesenhaften Eisvogel und das Einhorn. Die zahlreichen surrealen Elemente zeugen von einer überbordenden Fantasie und haben zum Beispiel Salvador Dalí massgeblich beeinflusst.

Im linken inneren Flügel ist der Garten Eden abgebildet, im rechten Flügel die Hölle, in der Mitte eine Art Paradiesgarten. Die Kamera geht nahe heran, sogar die einzelnen Pinselstriche sind erkennbar. Feinste Pinsel, eine ruhige Hand und manchmal gar ein Vergrösserungsglas brauchte Hieronymus Bosch, um so detailreich malen zu können, erfahren wir von der Restauratorin des Prado. Dank Infrarot- und Röntgenaufnahmen weiss man, wie frühere Versionen des Gemäldes ausgesehen haben.

Am Ende von «The Garden Of Dreams» wird klar: Viele Geheimnisse dieses Gemäldes werden sich niemals lüften lassen. Weder kennt man den genauen Zeitpunkt von dessen Entstehung noch den Auftraggeber, auch der Titel ist nicht gesichert. Nur wenig weiss man auch über Bosch.

84 Minuten dauert José López-Linares’ Dokumentarfilm, der diesem einen Gemälde gewidmet und trotzdem keine Minute langweilig ist. Dazu trägt auch der Soundtrack bei, der von Jacques Brel über Lana del Rey bis zu Arvo Pärt reicht und der elegant mit den Bildern des Gemäldes und den Aussagen der Protagonisten verwoben ist.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Christina Genova
kultur@luzernerzeitung.ch