KINO: «Ich sehe den Film als Metapher für die USA»

Ihren allerersten Job im Film­business verschaffte ihr kein Geringerer als Al Pacino. In ­«A Most Violent Year» spielt Jessica Chastain an der Seite von Oscar Isaac – eigener Aussage nach eine falsche Schlange.

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Jessica Chastain, weich und verletzlich. (Bild: Ascot Elite / PD)

Jessica Chastain, weich und verletzlich. (Bild: Ascot Elite / PD)

Obwohl ihre Eltern keinerlei künstlerische Verbindungen hatten, fühlte sich Jessica Chastain (38) schon früh von der Schauspielerei angezogen. Die Tochter einer veganen Köchin und eines Feuerwehrmannes nahm den Mädchennamen ihrer Mutter an, studierte an der renommierten Juilliard School in New York und erlebte 2011 ihren Durchbruch in Hollywood. Seitdem erlebte man sie in «The Tree Of Life», «The Help», «Zero Dark ­Thirty», «Mama» und zuletzt in «Interstellar». In «A Most Violent Year» spielt sie die zwiespältige Ehefrau eines Unternehmers.

Apero-Redaktion: Was ist Ihrer Meinung nach das Anliegen Ihres neuen Films?

Jessica Chastain: J. C. Chandor ist inzwischen zu einem der wichtigsten US-Regisseure geworden. Schon mit seinen vorherigen Filmen «Margin Call» und «All Is Lost» hat er sich mit dem Kapitalismus auseinandergesetzt und damit, was er Menschen antun kann. «A Most Violent Year» sehe ich als Metapher für die USA. Denn es geht um einen Einwanderer, der den amerikanischen Traum leben will, aber zwischen Moral und Korruption gerät. Unsere Geschichte spielt bevor an der Wall Street gesagt wurde, dass Gier etwas Gutes sei und es zur Bankenkrise kam.

Beruht der US-Kapitalismus geschichtlich gesehen nicht sowieso auf Gewalt und Krimi­nalität?

Ich bin eher ein Optimist und will daran glauben, dass man auch erfolgreich sein kann, ohne den legalen Weg zu verlassen und sich selbst zu verleumden. Doch weil wir es hier nun mal mit einem Film zu tun haben, der sich mit dem Kapitalismus auseinandersetzt, aber gleichzeitig auch unterhalten will, konnte unsere Geschichte nur so erzählt werden.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich auf Ihre Rollen sehr intensiv vorbereiten und dazu alles lesen, was Ihnen in die Finger kommt. Wie war es diesmal?

Natürlich habe ich mich vor allem mit dem New York von 1981 auseinandergesetzt, weil ich wissen wollte, warum es als das gewalttätigste Jahr der Stadtgeschichte gilt. Die Rate an Vergewaltigungen, Morden und anderen kriminellen Delikten war besonders hoch. Ich war auch geschockt, als ich las, dass ein Auto vor dem New Yorker Rathaus in Feuer aufging, und nach drei Monaten stand der ausgebrannte Wagen immer noch dort. Das sagt viel darüber aus, wie die Stadt von den Menschen damals schon aufgegeben wurde.

Ihre Figur wirkt besonders Furcht einflössend. Wie sehr lag Ihnen diese Rolle?

Es war eine sehr interessante Rolle für mich, denn der Film spielt 1981 in einer kompletten Männerwelt, und Anna muss nach aussen hin die Rolle der braven Ehefrau spielen. In Wirklichkeit ist sie aber in Bezug auf ihren Mann wie Dick Cheney zu George W. Bush. Sie ist unehrlich und zieht unbemerkt im Hintergrund die Fäden – falsch wie eine Schlange.

Bis 2011 arbeiteten Sie ausschliesslich fürs Fernsehen, und dann drehten Sie gleich sieben Filme hintereinander. Wie kam es dazu?

Meinen allerersten Job bekam ich von Al Pacino, der mir in seinem Regiefilm «Wilde Salome» die Titelrolle anvertraute. Er war mein grösster Schauspiellehrer. Und obwohl «Wilde Salome» in den USA bis heute noch nicht herausgekommen ist, öffnete mir der Film Türen. Davor bekam ich gar keine Vorsprechtermine für Filme oder nur für Rollen, die mir nicht lagen – etwa die Freundin in einer TV-Serie, die nur hübsch aussehen, aber nicht spielen musste. Das war aber nie mein Ding. Erst als ich mit Al Pacino 2006 in Los Angeles für Oscar ­Wildes Theaterstück «Salome» erstmals auf der Bühne stand, änderte sich der Verlauf meiner Karriere.

War es von da an nur noch Glück? Oder was ist das Geheimnis Ihres plötzlichen Erfolgs im Filmbusiness?

Für mich fühlt es sich nicht nach einem Geheimnis an, sondern es war ganz klar, mit grossen Regisseuren arbeiten zu wollen. Weil ich wusste, sie würden mich herausfordern, und ich könnte dadurch eine bessere Schauspielerin werden. Ich liebe es, mit talentierten Menschen zu arbeiten. Das gilt auch für Schauspieler wie Oscar Isaac, den ich seit vierzehn Jahren kenne und der sofort versteht, warum ich mit einer Szene mal nicht zufrieden bin. Dann probieren wir sogleich etwas Neues aus.

Sie sollen Oscar Isaac auch als Ihren Partner für «A Most Violent Year» vorgeschlagen haben.

Ja, das sieht jetzt so aus, als wäre ich ein grosses Genie. Aber es fiel Oscar nicht schwer, unseren Regisseur zu überzeugen, dass er für den Part der Richtige ist (lacht).

Seit Ihrem Durchbruch arbeiten Sie ununterbrochen. Verlieren Sie dabei nicht manchmal die Lust an der Schauspielerei?

Das ist gerade erst passiert, als ich «A Most Violent Year» zeitgleich mit Guillermo del Toros «Crimson Peak» drehte. Ich musste also ständig zwischen New York und Toronto hin- und herfliegen. In «Crimson Peak» spiele ich die düsterste Rolle, die mir je untergekommen ist. Das war sehr anstrengend. Nach vier Monaten Drehzeit sollte gleich der nächste Film folgen, und ich sagte: «Ich kann nicht, ich bin fertig!» Es war das erste Mal, dass ich einen Film absagen musste. Aber ich hatte das Gefühl, dass mir kurzzeitig meine Leidenschaft abhandengekommen ist. Also pausierte ich von Mai bis Dezember 2014. Und nun bin ich endlich wieder in freudiger Erwartung des nächsten Filmsets.

Markus Tschiedert/Ricore

Crime City

Nach seinem Segeltörn «All Is Lost» kehrt J. C. Chandor, Sohn eines Investmentbankers, wieder zurück zum Wirtschaftsthriller wie zuletzt mit «Margin Call». Im erneut selbst geschriebenen Krimi-Drama «A Most Violent Year» erreicht er ungeachtet der hervorragenden Schauspiel-Crew – Oscar Isaac als rechtschaffener Firmenchef, Jessica Chastain als seine resolute Frau – jedoch nicht mehr die Stärke seines Debüts.

Der Edellangweiler
Im erdfarben-dunklen, winterschmutzigen New York des Jahres 1981, das als eines der schlimmsten in die Kriminalitätsstatistik einging, breitet «A Most Violent Year» im Retro-Look eine nach Verschwörung riechende Anschlagsserie aus, in deren Folge Staatsanwaltschaft und skrupellose Branchenganoven einen Aufsteiger um sein Lebenswerk bringen wollen. Der ringt mit Rückendeckung seiner Frau trickreich um sein Geschäft.

All dies vermittelt Chandor im Stil eines Edellangweilers, dem Zug und Thrill markant abgehen; wie sich Old-School-Lauterkeit gegen moderne Gewaltmethodik durchsetzt, ist zweifellos gut gespielt und angenehm komplexe Unterhaltung. Chastains («The Disappearance of Eleanor Rigby») und Isaacs («The Two Faces Of January») letzte Filme imponierten dennoch mehr.

ricore

Jessica Chastain, sexy und selbstbewusst - hier an der Seite von Filmpartner Oscar Isaac. (Bild: Ascot Elite / PD)

Jessica Chastain, sexy und selbstbewusst - hier an der Seite von Filmpartner Oscar Isaac. (Bild: Ascot Elite / PD)