KINO: In schillerndes Universum tauchen

Der Westschweizer Dokfilmer Jean-Stéphane Bron («L’expérience Blocher») geht unter die Oberfläche. Sein neuer Film handelt von der Pariser Oper. Er ist ein faszinierendes, humorvolles und auch kritisches Porträt.

Annina Hasler (sda)
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Balletttraining und Bodenpflege gleichzeitig: Szene aus dem Dokfilm «L’Opéra de Paris». (Bild: Frenetic Films)

Balletttraining und Bodenpflege gleichzeitig: Szene aus dem Dokfilm «L’Opéra de Paris». (Bild: Frenetic Films)

Annina Hasler (SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Der Direktor und seine Entourage debattieren in einem luxuriösen Büro mit Blick auf ganz Paris über eine Pressekonferenz – mit grossspurigen Worten und Gesten. Derweil putzt eine Equipe die Reste von Schweiss und Staub von der Bühne. Szenen der Widersprüche sind bezeichnend für das Geschehen in der Pariser Oper, wo Bosse und kleine Arbeiter an einem Strang ziehen müssen.

Der Westschweizer Erfolgsregisseur Jean-Stéphane Bron feierte 2013 in Locarno Premiere mit «L’expérience Blocher». Mit «Cleveland contre Wall Street» war er 2011 für einen César nominiert. Für seinen neusten Dokfilm «L’Opéra de Paris» hat er sich in die Eingeweide eines schillernden Universums begeben. Was versteckt sich hinter der riesigen Bühne und den opulenten Logen? Es ist eine Welt der Kunst, aber auch der Künstlichkeit, der Konflikte, der Krisen.

Brons Film setzt 2015 ein, kurz nach dem Amtsantritt des neuen Direktors Stéphane Lissner. 10000 Eintrittskarten verkauft die Oper an einem einzigen Wochenende, und sie gehört zu den wichtigsten der Welt.

Mit den staunenden Augen eines kleinen Jungen

Eine Handvoll Protagonisten hat Bron ausgewählt für seinen Film. Neben Direktor Lissner ist da etwa der junge Bassbariton Mischa Timoschenko, der aus einem kleinen russischen Dorf nach Paris reist und mit den staunenden Augen eines kleinen Jungen das Traditionshaus kennen lernt. Erfrischend unvoreingenommen begegnet der junge Russe den Parisern, die sich gerne für den Nabel der Welt halten.Zu den Hauptfiguren zählt auch Chefdirigent Philippe Jordan. Dem charismatischen, leidenschaftlichen Zürcher Künstler bei seiner Arbeit zuzuschauen, das alleine würde schon Material für einen ganzen Film hergeben.

Bron ist in seinem Film stiller Begleiter: Er interviewt seine Protagonisten nicht, er wertet nicht, er kommentiert nicht. Was nicht heisst, dass er nicht schonungslos ist: Wenn die Direktion gestenreich diskutiert, was vor allem die Künstler betrifft, dann blendet er die Gespräche aus, um die Debatten mit wilder Musik zu unterlegen. Lissner und Co. werden dabei nahezu zu Karikaturen.

Wer muss neben Präsident Hollande sitzen?

Für Erheiterung sorgen auch Diskussionen darüber, wer bei der Eröffnungsgala der neuen Saison neben dem damaligen Präsidenten François Hollande sitzen muss und wo die Ehefrau des früheren Ballettchefs, Filmstar Natalie Portman, Platz nehmen soll.

Bei all den Sorgen der Direktion, die sehr weit entfernt scheinen von der Realität der Artisten und Arbeiter, weckt Bron auch Verständnis für die «Sandwich­situation» der Operndirektion. Einer von Lissners Mitarbeitern bringt es auf den Punkt: «Auf der einen Seite bedrängt uns die Gewerkschaft, auf der anderen der Staat, und bei all dem sollen wir immer bessere Inszenierungen machen.» Es ist das klassische Dilemma Kulturschaffender.

«L’Opéra de Paris», dieser Blick in die Eingeweide der Pariser Oper, ist eine wahre Augenweide: sinnlich, schön, faszinierend – ein Muss für jeden Tanz-, Theater- und Opernfan.

Hinweis

«L’Opéra de Paris», ab Donnerstag im Kino Bourbaki, Luzern.