KINO: Joseph Beuys: Als wäre er noch da

Er ist eine Ikone der deutschen Kunst. Gut 30 Jahre nach seinem Tod aber, droht der Mythos von Beuys in Museen zu verstauben. Der deutsche Regisseur Andres Veiel hat den Künstler mit dem Filzhut mit einer starken Porträt-Collage wieder in die Gegenwart geholt.

Dorothea Hülsmeier (dpa)
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Joseph Beuys (1921–1986) horchte in das «Erdtelefon»: Er provozierte und war radikal. (Bild: Look Now)

Joseph Beuys (1921–1986) horchte in das «Erdtelefon»: Er provozierte und war radikal. (Bild: Look Now)

Dorothea Hülsmeier (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Bei der Berlinale ging Andres Veiels Künstler-Doku im Februar zwar leer aus. Allein, dass es sein Beuys-Film in den Wettbewerb schaffte, zeugt aber auch von der andauernden Aktualität des Kunst- und Medienstars der 60er- und 70er-Jahre. Veiel beweist, dass Beuys eben nicht ins Museum gehört, sondern gesehen und vor allem gehört werden muss. Nur dann ist die immense Bedeutung des Erfinders der Fettecke und Begründers der «sozialen Plastik» für die moderne Kunst zu verstehen.

Mehr als 300 Stunden Bewegtbilder und 150 Stunden Audiomaterial sichtete Veiel monatelang für sein grandioses 100-Minuten-Porträt. Tausende Schwarz-Weiss-Fotos mit Beuys wurden so rasant und virtuos von den Cuttern Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer montiert, dass daraus eine quicklebendige Filmcollage wurde. Und gerade weil die Originalfilmbänder nicht digitalisiert und bearbeitet wurden, wirken sie so authentisch.

Schon damals ein «Shitstorm»

Gedränge herrschte, wenn Beuys sich öffentlich mit Wasser übergiessen liess oder in einer Galerie mit goldüberzogenem Kopf einem toten Hasen Bilder zeigte. Kameras umlagerten Beuys, ständig klingelte sein Telefon zu Hause, immer stand er im Blitzlichtgewitter, sogar Andy Warhol liess er warten. Beuys war ein Medienstar der analogen Zeit, über den schon damals ein «Shitstorm» – in Form von Beleidigungen am Telefon – hereinbrach.

Veiel spart an Zeitzeugeninterviews, er lässt Beuys sprechen. «Der alte Kunstbegriff ist für mich so erweitert, dass davon nichts übrig bleibt. Er ist so erweitert, dass jede normale Situation Kunst ist» – das sind berühmte Provokationen. Für Beuys war jeder Mensch ein Künstler, deshalb nahm er 400 Studenten in seiner Düsseldorfer Akademie-Klasse auf.

Der damalige Wissenschaftsminister Nordrhein-Westfalens, Johannes Rau, feuerte ihn. Beuys besetzte mit seinen Anhängern die ehrwürdige Akademie. Er provozierte, er war radikal. Beuys war auch ein hart arbeitender Mensch, der sich für seine Ideen verschliss. Dabei bleibt der Film immer kritisch. Auch die heldenhafte Selbststilisierung als über der Krim abgeschossener Wehrmachtssoldat, die Beuys mit der frei erfundenen Legende seiner Rettung durch Krim-Tataren betrieb, gehört zu den vielen Facetten des schillernden Kunstprovokateurs. Schon zu Lebzeiten Beuys’ kamen Zweifel an dieser Version auf. «Ist das wahr?», fragten ihn auch amerikanische Interviewer. «Wahr ist der Krieg», sagte Beuys auf Englisch.

Beuys wurde Gründungsmitglied der Grünen («Man muss die Macht des Geldes brechen»). Doch die junge Bewegung liess den in seiner Beharrlichkeit und rastlosen Kreativität anstrengenden Künstler Anfang der 80er-Jahre fallen. Einsam und dünnhäutig sei Beuys am Ende seines Lebens geworden, sagen seine Freunde. Leere Rhetorik und Sensationsgier werfen ihm Kritiker vor. Bilder zeigen Beuys müde, mit eingefallenen Wangen. Das Ende des Films bestimmen aber Bilder der 7000 Eichen, die Beuys für die Documenta in Kassel pflanzte. Die Saat des radikalsten Künstlers geht auf. Und es bleibt der Eindruck: Die Ideen von Beuys sind lebendig wie nie zuvor.

Hinweis

«Beuys» läuft bereits im Kino Seehof (Zug). Premiere in Luzern am Donnerstag, 8. Juni, um 19 Uhr im Stattkino in Anwesenheit des Regisseurs. Danach im Programm.

Nachgefragt: «Jeder Mensch ist ein Künstler»

Regisseur Andres Veiel (57) hat sich für den Film «Beuys» in jahrelanger Arbeit durch Archiv­material gekämpft.

Andres Veiel, Joseph Beuys starb vor 31 Jahren. Und man hat den Eindruck, dass seine grosse Zeit sehr weit zurückliegt. Warum jetzt ein Film?

Im Archivmaterial entdeckte ich einen Beuys, den ich so nicht kannte, der sich zum Beispiel in den 1970ern und 1980ern intensiv mit Geldströmen auseinandergesetzt hatte. Er sprach schon damals von Blasenbildung und stellte die Frage: Wer haftet, wenn die Blasen platzen?

Es war also vor allem der Visionär, der Sie faszinierte?

Ja, aber mindestens so wichtig war mir sein Begriff der Fähigkeit. Beuys ging davon aus, dass man Menschen nicht nach ihren Defiziten, sondern nach ihren Fähigkeiten beurteilen soll.

Da sind wir bei dem wohl berühmtesten Satz von Beuys angekommen: Jeder Mensch ist ein Künstler.

In Wahrheit lautet sein Satz: «Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei.» Damit wollte Beuys nicht sagen, dass jeder ein Maler, Bildhauer oder Komponist sein kann, sondern: Jeder Mensch ist in der Lage, Gesellschaft zu gestalten. Und wenn er es tut, leistet er einen Beitrag.

Interview: Geri Krebs